„Am Kreuzweg komme ich nicht vorbei“

Die Gottesdienste an den Weihnachtsfeiertagen waren im Seelsorgebereich Hofer Land durchwegs sehr gut besucht.
„Der Stern von Bethlehem ist ein Stern in dunkler Nacht auch heute noch“. So hatte sich einmal Edith Stein, Philosophin, Karmelitin, Märtyrerin und Mitpatronin Europas ausgedrückt. Schon am zweiten Weihnachtstag legt die Kirche die weißen Festgewänder ab und kleidet sich in die Farbe des Blutes. Die Nähe des Stephanustages zum Weihnachtsfest zeigt, dass der christliche Glaube auch an Weihnachten das Kreuz nicht ausblendet. Im Tod des ersten Märtyrers wird es bereits sichtbar. Die Liturgie an diesem Tag ist ganz vom Mut des Stephanus zu freiem Bekenntnis geprägt.
Als Eingangslied intonierte Organistin und Kantorin Januka Gunaratnam „Es kommt ein Schiff geladen“. „Dieses Lied beinhaltet alles!“, sagte der stellvertretende Leitende Pfarrer Dr. Dieter Jung in seiner Begrüßung. Leben und Tod, Krippe und Kreuz, wie geht das zusammen? Gehört das Kreuz zu Weihnachten dazu? Komme ich nicht um das Kreuz herum? fragte sich der Liturge und versuchte darauf in seiner einfühlsamen Predigt eine Antwort zu finden. In seiner Wohnung hänge eine Ikone, sagte er. Diese zeigt auf den ersten Blick eine typische Szene: Die Jungfrau Maria trägt Jesus auf dem Arm. Jesus, der Sohn Gottes, schmiegt sich zärtlich an ihre Schulter. Doch sein Blick ist nicht auf Maria gerichtet, sondern nach oben. In einer Art Vorausschau sieht das Jesuskind Engel, die die Leidenswerkzeuge tragen - Kreuz, Lanze, Essigschwamm und Nägel. Die Ahnung von Kreuz und Leid bricht hinein in die unbeschwerte Kindheit Jesu.
Vor kurzem habe er eine Weihnachtskarte bekommen, fuhr Dr. Dieter Jung fort. „Merry X-mas“ steht da drauf, eine jugendliche Abkürzung von „Merry Christmas“. Das X sei der griechische Buchstabe Chi erklärte der Redner, der aussieht wie ein X, und mit dem der Name „Christus“ beginnt. Aber das X sagt noch mehr: es symbolisiert die Futterkrippe aus Holz, in die Jesus gelegt wurde. Am Lebensanfang steht die Krippe, dreht man das X um ist es das Kreuz, beide aus gekreuztem Holz. Kreuz und Krippe ist der Form nach ein Stern. Der Redner veranschaulichte seine Erläuterungen an der Krippe mit der Ikone und dem X. „Die Geburt von Jesus Christus in der Krippe und sein Tod am Kreuz sind Sternstunden für mich und für alle Christen!“ sagte er. „Sternstunden, die für das Leben stehen, von seiner Zeugung bis zum natürlichen Tod - Sternstunden, die über den Tod hinausweisen, die durchs Kreuz zur Auferstehung führen!“
Der Geistliche stellte als letzte Frage: Komme ich um das Kreuz herum? Er beantwortete diese mit einem klaren „NEIN!“ „Am Kreuz komme ich nicht vorbei, auch nicht an Weihnachten!“, betonte er. „Wenn ich, wie der heilige Stephanus, meinen Glauben ernst nehme, dann hat er Konsequenzen. Jesus Christus nachzufolgen heißt, nicht nur den Weg zur Krippe, zum Mensch gewordenen Gott zu gehen, sondern auch den Kreuzweg, den Weg zum Kreuz und zum gekreuzigten Gottessohn. Den Weg Jesu gehen und wenn es sein muss, sogar im Tod noch Zeugnis für ihn geben, Lebens- und Glaubenszeuge für ihn sein - nichts anderes heißt das Wort „Märtyrer“ ins Deutsche übersetzt: Zeuge sind!“ „Das Kreuz, der Gekreuzigte und der heilige Stephanus mahnen mich, Leid zu ertragen; mich um des Friedens und der Vergebung willen aufs Kreuz legen zu lassen, wenn andere mich durch Worte und Taten festnageln. Der Gekreuzigte und der heilige Stephanus bezeugten in ihrem Leben und Sterben wie wichtig es ist, die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu durchkreuzen, um durch diese Feindesliebe gegenwärtige und zukünftige Kreuze im Leben anderer zu verhindern!“, so der Redner. Diese zu Herzen gehende Predigt am Zweiten Weihnachtstag war sicherlich für viele Gottesdienstbesucher eine Bereicherung in ihrem Glaubensleben. Auch die gut abgestimmte musikalische Liedauswahl setzte Akzente vom weihnachtlichen Grundtenor hin zur Dramaturgie des Zweiten Feiertages.
geschrieben von Bernhard Kuhn
Foto: Stellvertretender Leitender Pfarrer Dr. Dieter Jung veranschaulicht an der Krippe seine impulsive Predigt.