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Ansprache zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes

Eröffnung des Weihnachtsmarktes
Datum:
Veröffentlicht: 30.11.24
Von:
Stefan Fleischmann
von Dekan Andreas Müller und Pfarrer Stefan Fleischmann

 

Andreas: Lieber Stefan. Wieder stehen wir an der Schwelle zum Advent. Wir beide wollen die Hoffnung hochhalten, dass Gott auf uns zukommt. Advenit. Er kommt entgegen. Und ich möchte dazu einladen, im Warten auf Gottes Ankommen bei uns auch etwas zu er-warten. In dem Kind ist doch Gott selbst Mensch geworden. Zeigt uns, was Menschsein ausmacht und wozu Menschsein fähig macht. Die Hirten, die an diesem Abend vorbeikommen, können gar nicht anders als Staunen. Und die drei weitgereisten hohen Herrschaften erleben, dass Gott einen Neuanfang mit den Menschen macht.

Stefan: Ja, die Hoffnung will ich auch hochhalten. Aber das ist in diesem Jahr beschwerlicher geworden. Im letzten Jahr haben wir beide hier an dieser Stelle die Hoffnung auf Frieden hochgehalten. Frieden angesichts des Überfalls von Terroristen auf ein Musikfestival und jüdische Siedlungen in der Nähe des Gazastreifens. Hoffnung auf Frieden in der geschundenen Ukraine. Wie weit sind wir an beiden Orten davon heute entfernt? Wohl weiter als im letzten Jahr. Frieden ist die einzige Option, aber die Mächtigen auf allen Seiten ziehen militärisches Handeln einem Frieden vor.

Andreas: Du hast recht. Die Hoffnung auf Frieden hat sich weiter eingetrübt. Der Raketenbeschuss in der Ukraine geht in den dritten Winter. Die Frontlinie schiebt sich immer weiter nach Westen. Das Sterben von Zivilisten und Soldaten geht täglich weiter. Auf allen Seiten. Da wirkt die Ankündigung des gewählten Präsidenten, den Krieg in einem Tag zu beenden, wenig glaubwürdig. Was sollen die Welt von einem Impfgegner erwarten, der Gesundheitsminister werden soll? Von einem Moderator, der Verteidigungsminister und einem Leugner eines menschengemachten Klimawandels, der Energieminister werden soll?

Stefan: Wir müssen gar nicht erst über den großen Teich blicken, um sorgenvoller zu werden. Wir geht es bei uns weiter? Die Preise galoppieren gefühlt noch immer. Die Wirtschaft, nicht nur Automobil kämpft. Die Bundesregierung ist zerbrochen. Bange fragen wir uns, ob die anstehende Wahl zu Jahresbeginn stabile Mehrheiten hervorbringen wird. Darüber hinaus – hat doch auch jeder sein „Päckchen“ zu tragen. Sorgen und Nöte in den je eigenen Lebenssituationen.

Andreas: Worauf gründet sich jetzt dann überhaupt unsere Hoffnung, dass Frieden und Gerechtigkeit die Oberhand gewinnen werden?

Stefan: Als Christinnen und Christen sind wir „hoffnungsstur“. Weder die Weisen ließen sich von dem langen Weg abschrecken, noch kehrten die Hirten einfach zu ihren Tieren zurück und lebten weiter als sei nichts geschehen. Sie alle hielten stur an der Hoffnung fest, dass die Geburt dieses kleinen Menschen einen Unterschied macht. Dass sie die Welt verändert. Dass Gott sich in dem Christuskind zeigt. Dass seine Botschaft die Welt verändert.

Andreas: Für mich hat Jesus eine biblische Weisheit mit Leben gefüllt. Im Buch der Sprüche heißt es: 19Wie ein Mensch im Wasser sein Gesicht erkennt, so erkennt er sich im Herz eines anderen Menschen. (Sprüche 27,19 Basisbibel).

Stefan: Ein herausfordernder Vergleich. So wie ich mich bei meinem Blick auf den spiegelglatten See selbst im Wasser sehen kann, so kann ich mich selbst im Herzen eines anderen Menschen erkennen. Das heißt für mich: Wenn ich mir über mich selbst klar werden möchte. Darüber, was mich ausmacht. Was untrennbar zu mir als Mensch dazugehört, dann muss ich den Blick wagen, wie sich mein Menschsein im Herzen des anderen Menschen spiegelt.

Andreas: Ich erkenne mein Menschsein, wo ich ein Gespür dafür entwickele, wie mein Gegenüber, mein Mitmensch, mich als Mensch erlebt.

Es gibt da eine ganz interessante Forschung des Psychologen Arthur Aron. Er hat vor fast 30 Jahren Techniken entwickelt, wie zwei Menschen einander sympathischer werden können. Dabei beantworten die Protagonist:innen zunächst 36 Fragen und schauen sich danach vier Minuten lang in die Augen. – Diejenigen, die sich öffnen, erleben in ihrem Antworten auf die Fragen und im Zuhören eine überraschende Nähe. Aus ihr entwickelt sich schnell Sympathie. Aron Arthur konnte so in einer Laborsituation zeigen, wie zwei einander völlig unbekannte Menschen Sympathen füreinander entwickeln. Im anschließenden Schweigen passiert dann häufig Verblüffendes. Die Sympathien wachsen im Nachhall des Gehörten. Amnesty International nahm Arons Technik 2016 auf und ließ Geflüchtete aus Somalia und Syrien und Europäer einander in die Augen schauen. In diesen vier Minuten passierten die erstaunlichsten Dinge. Besonders bezeichnend: Alle Zweierpaare traten im Laufe des Experiments in Körperkontakt. Manche hielten sich an den Händen, andere lagen sich weinend in den Armen. Und das, ohne auch nur ein Wort ausgetauscht zu haben.

Stefan: 19Wie ein Mensch im Wasser sein Gesicht erkennt, so erkennt er sich im Herz eines anderen Menschen. (Sprüche 27,19 Basisbibel). Aron Arthur scheint entdeckt zu haben, was der hebräischen Spruchweisheit vor Jahrhunderten schon klar war. Wir Menschen sind fremden Menschen gegenüber nicht per se abgeneigt. Im Gegenteil. Vielmehr blicken sich einander unbekannte Menschen erst einmal mit einer Grundneugier und grundsätzlichen Offenheit an. Und wo ich mich als Mensch einem unbekannten Menschen gegenüber öffne und diese Offenheit angenommen und erwidert wird, da passiert erstaunliches. Der Impuls, Körperkontakt aufzunehmen, stellte sich ein.

Andreas: Wo ein Mensch sich in seinem unbekannten Gegenüber wie in einem Spiegel erlebt, da brechen sich einfach so Anerkennung und Sympathie für das Gegenüber Bahn. Ich frage mich, ob dieses zu erleben, nicht ein Schlüssel sein könnte, um dem rauer gewordenen Ton in unserer Gesellschaft zu begegnen. Wenn ich mir klar mache, mein Gegenüber ist zunächst und vor allem ein Mensch wie ich. Wenn ich Interesse zeige und in dem Unbekannten mich selbst sehe, begegne ich ihm wertschätzend und respektvoll.

Stefan: Bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus sprach der Sportreporter Marcel Reif über seinen Vater. Seine Sätze haben mich berührt. Vor allem sprach er über das Schweigen seines Vaters. Es war das Schweigen über das Grauen, das er erlebt und erlitten hatten. Marcel Reif erlebte eine Tante, einen Onkel, eine Cousine. Alle anderen waren ermordet worden. Das wusste er. Aber niemals redete sein Vater mit ihm darüber. Er schwieg und Marcel Reif fragte nicht. Allein in diesem Schwiegen konnte sein Vater das erlebte Grauen tragen. Und auch wenn er schwieg, so gab er seinem Sohn doch die Quintessenz von dem mit, worauf es ihm ankam. Das, was er seinem Sohn unbedingt weitergeben wollte. Die Grundhaltung, in dem er und seine Kinder anderen Menschen begegnen sollten. Marcel Reifs Vater fasste diese Grundhaltung in drei Worte. Er sprach sie auf Jiddisch: Sej a Mensch! – Sei ein Mensch.