Aus tiefstem Herzen

In einem kleinen Kloster lebten ein paar alte Mönche. Innerlich aber waren die Mönche jung, begeistert und zufrieden bis auf einen Kummer, der sie besonders an Weihnachten immer wieder ereilte. Denn keiner von ihnen konnte wirklich gut singen. Der Lobgesang „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ war ihnen ein Herzensanliegen, aber ein einziges Gebrummel. Das war nicht verwunderlich, denn ein Teil von ihnen war schwerhörig, und aus Angst, mit den anderen nicht Schritt halten zu können, sangen sie immer etwas voraus. Andere hatten kaum noch Luft um kräftig mizusingen, und legten immer wieder Pausen ein. So sehr sie sich bemühten: Es wurde trotz unzähliger Übungsstunden kein schöner Lobgesang.
Das Weihnachtsfest näherte sich wieder einmal. Als sie mit dem Gesang beginnen wollten, klopfte es an der Türe. Ein junger Mann stand halb erfroren auf der Schwelle. Sie baten ihn herein, denn er war abgehetzt und halb erfroren. Beim Essen erzählte er dann, er sei ein guter Sänger. Darüber freuten sich die Mönche. Sie sagten: „Komm sing für uns in der Mitternachtsmesse. Dann werden alle, die kommen, in heller Freude zuhören.“ So war es auch. Der junge Mann sang so schön, wie in dieser Gegend noch nie gesungen wurde.
Aber als die Mönche ihre Plätze eingenommen hatten, sahen sie im grellen Licht einen Engel vor sich. Sie bemerkten, dass er traurig aussah. „Was ist geschehen?“ fragte er „dass wir in der heiligen Nacht nicht euren herrlichen Gesang hören durften?“ Die Mönche wussten nicht, wie ihnen geschah: „Wir –und herrlicher Gesang? Wir singen doch falsch, wie allgemein bekannt.“ Und sie erzählen von ihren Leiden. Der Engel aber schüttelte den Kopf: „Wir im Himmel können nur die Loblieder hören, die aus der Tiefe des Herzens kommen, und gestern Abend sind wir nicht in diesen Genuss gekommen!“ „Aber habt ihr nicht die wundervolle Stimme des begnadeten Sängers gehört?“ „Nein“, antworte der Engel bestimmt, „der Junge hat einzig aus Freude über seine eigene schöne Stimme gesungen. In euren Stimmen jedoch höre ich den Lobgesang mir zu Ehren und aus euren tiefsten Herzen.“ Das war den Mönchen eine Lehre- für das nächste Weihnachtsfest. Fortan brummelten sie aus voller Kehle, den Gesang ihrer Herzen. Und jeder Ton war für Gott ein Ohrenschmaus.
(Nach der Geschichte von Helene Halmschka, Die Legende von den musizierenden Mönchen, gekürzt und leicht verändert)
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Gemeinde,
eine Geschichte zum Schmunzeln –heute am Heilig Abend, gerade für Menschen, die sich nicht trauen mitzusingen oder ihre Talente einzubringen! Aber diese Geschichte kann uns noch mehr verraten:
Die Mönche erhalten vom Engel ein ganz wertvolles Feedback: In all ihrem Tun zählt die gute Absicht und vor allem das Herz, nicht der äußere Glanz oder die Fassade. Das gilt auch für den Heilig Abend, wenn die schönen Vorbereitungen nicht immer gleich belohnt werden oder wenn manches nicht so im Leben gelingt. Es kommt auf das Herz an – in allem was wir tun –im Beruf, in der Familie, im Ehrenamt. Das feiern wir ja an Weihnachten – die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus: In diesem Kind- und Menschsein möchte er gerade unsere Herzen neu berühren, in der gottgebenen Würde immer mehr Mensch zu sein, zu bleiben und zu werden. So ist seine Menschwerdung untrennbar mit unserer eigenen Menschwerdung verbunden. Es gibt eine Ordensgemeinschaft, nämlich die Franziskanerinnen, die sich daran erinnern lassen, indem sie am 25. jeden Monats die Weihnachtskrippe aufstellen.
Der brummelige, aber herzliche Gesang der Mönche macht gerade denen Mut, die meinen, von Fähigkeiten nicht gerade überhäuft worden zu sein; die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind, sich als Verlierer der Gesellschaft sehen oder sich gar abgestempelt fühlen, vergleichbar mit den Hirten auf freiem Feld. Doch gerade diese Leute haben ein feines Gespür und hören zuerst die Botschaft von Weihnachten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist der Messias der Herr.“ Gott kann also gerade auf krummen Zeilen schreiben und wird gerade in Unzeiten - damals wie heute – tätig! Gott setzt ein Zeichen! Die Hirten und wir entdecken darin eine Perspektive, und vor allem: Gott ist da und zwar in der konkreten Lebenssituation.
Die Mönche möchten am Liebsten aus einer Weihnachtsmesse ein Event machen, um möglichst viele Menschen zu gewinnen. Als Kirche wissen wir, das funktioniert nur bedingt, zumal wir viel Vertrauen und vor allem unsere Glaubwürdigkeit verloren haben –selbstverschuldet! Umso mehr gilt: Nicht zu inszenieren und zu präsentieren, nicht um sich selbst zu kreisen sind wir als Kirche und christliche Gemeinde da, sondern freigebig die Botschaft Jesu zu sagen, in das Leben hinein zu buchstabieren und einzuladen, Gott zu loben und zu danken als Antwort eines Geschöpfes an den Schöpfer und Erlöser: Jesus Christus. Und das freiwillig – als Kinder Gottes mit seiner Liebe Beschenkte und Begnadete! Da spielen Kirchensteuer, Konfession, Familienstand, sexuelle Orientierung erst einmal keine Rolle!
Liebe Schwestern und Brüder,
wie endet unsere Geschichte? Der junge Mann bleibt bei den brummeligen, aber herzlichen Mönchen.