Zum Inhalt springen

Denn wer sich selbst erhöht

Erbsen
Datum:
Veröffentlicht: 23.10.22
Von:
Stefan Fleischmann
Eigentlich ist schon alles gesagt: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden!“

Liebe Schwestern und Brüder,

eigentlich ist schon alles gesagt:

„Denn wer sich selbst erhöht,
wird erniedrigt,
wer sich selbst erniedrigt,
wird erhöht werden!“

Nun, die Pharisäer waren ehrenwerte und angesehene Leute, die wirklich versucht haben, nach Recht und Gesetz ihrer jüdischen Religion zu leben, sozusagen: Sie wollten jeden Buchstaben des Gesetzes haargenau erfüllen. Das war ihr Anspruch. Der Geist des Gesetzes war dabei sekundär, d. h. die Absicht des jeweiligen Gesetzes ging im Laufe der Zeit einfach verloren. Die Schattenseite wird uns heute im Evangelium vor Augen gestellt: Der Pharisäer schaut auf andere herab: Er nennt sogar den ganzen Abschaum der Gesellschaft:  die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch dieser Zöllner dort. Jesus legt den Finger in die Wunde: Der Pharisäer  hält sich für etwas Besseres. Er überschätzt sich! Er vergisst, dass auch er blinde Flecken hat.

„Denn wer sich selbst erhöht,
wird erniedrigt,
wer sich selbst erniedrigt,
wird erhöht werden!“

Bildung, Besitz, Ansehen, Nationalität, Gesundheit - all das Exklusive, was Menschen geschenkt ist und sie sich oft hart  erworben haben,  können dazu beitragen, Andere in eine Schublade zu stecken und dabei auszugrenzen. Jesus sagt: Dieser Pharisäer vollbringt keine Glanzleistung; denn selbst im Gebet, das er an Gott richtet, erhebt er sich auf Kosten anderer und schaut nur auf Äußerlichkeiten, um seinen eigenen Selbstwert zu steigern: Anerkennung und Wertschätzung.

„Denn wer sich selbst erhöht,
wird erniedrigt,
wer sich selbst erniedrigt,
wird erhöht werden!“

Der Evangelist Lukas bringt in seinem Buch immer wieder Menschen zur Sprache,  denen es nicht so gut geht:
àeine Witwe, die mittel- und rechtlos da steht;
àder  Samariter, ein Fremder und Ausländer;
àein Sohn, der seinem Vater davon läuft und alles Vermögen verprasst;
àein unter die Räuber gefallener Mann, der hilfsbedürftig und halbtot auf dem Weg liegt;
àheute ist es ein  Zöllner, ein Betrüger, der  abgestempelt ist;
er hat eigentlich keine Chance mehr; er ist unten durch! So verhält er sich auch: Er bleibt ganz hinten stehen und wagt nicht einmal seine Augen zum Himmel. Was ihm bleibt: Er schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Diesen Zöllner holt Jesus im wahrsten Sinne des Wortes in die Mitte des Geschehens: „Dieser kehrt als Gerechter zurück“, sagt Jesus.  Als einer, der sich seinem verkorksten Leben ehrlich stellt, und sich von Gott ganzheitlich anschauen und richten lässt.  Jesus schenkt ihm seine Aufmerksamkeit und vor allem Wertschätzung. Der sich ganz klein fühlt, wird erhöht und aufgerichtet, denn sein Glaube hat ihm geholfen!

„Denn wer sich selbst erhöht
wird erniedrigt,
wer sich selbst erniedrigt,
wird erhöht werden!“

Nun, wie soll es gehen? Die Jünger fragen einmal Jesus ganz ähnlich: „Was sollen wir jetzt tun?“  

Vieles ist Fassade – auch heute! Es sind Äußerlichkeiten, die oft unser Leben prägen und unserer Gesellschaft etwas vormachen. Vielfach lassen wir uns täuschen, fühlen uns getäuscht und sind dann auch dementsprechend enttäuscht.  Es ist eher Stärke, nicht eine Kopie sein zu wollen, sondern das Original; es ist eher Stärke, nicht eine makellose Fassade aufrecht erhalten zu müssen, sondern seine eigenen Schwächen und Fehler  zu sehen und anzunehmen: „Gott schau mich an, wie ich bin! Sei mir armen Sünder gnädig!“  Wir spüren dann, was „Gnade“ und „Angenommen-sein“ bedeutet.

„Die Kraft der Gnade muss in die Werke der Barmherzigkeit einfließen, zu denen wir berufen sind, um zu bezeugen, wie groß die Liebe Gottes ist“, sagt Papst Franziskus.  So beinhaltet herausragende Stellung  auch  eine Verantwortung all denen gegenüber, die nicht im Rampenlicht stehen oder in der Hierarchie nachgeordnet sind: sehen, wertschätzen und integrieren, sind für mich wichtige Haltungen.

Als Coach/Supervisor bin ich in der  Telefonseelsorge; in diesem Bereich sind viele Menschen engagiert, denen es ganz gut geht. An der Strippe sind Männer, Frauen, Jugendliche, Junge und Alte mit Selbstzweifel, fehlenden Zukunftsperspektiven, vielen negative Erfahrungen und Schicksalsschlägen. Das Zuhören ist aber sehr wertvoll. Gehört zu werden, ist total wichtig. Zeit zu haben – für diesen Menschen, jetzt und hier! Aber manchmal weiss man gar nicht, was man sagen soll: „Sie haben eine wohltuende Stimme, ich kenne sie nicht, aber sie haben eine sehr wohltuende Stimme. Wissen sie das eigentlich?“ Plötzlich bekommt das Gespräch einen ganz anderen Wert. Ich spüre, der Mensch richtet sich ein wenig auf! Ihm wird etwas Gutes zugesagt, was er nicht weiss, was ihm noch keiner so gesagt hat.

Ich glaube, wir müssen den Menschen wieder mehr ins Herz schauen, was diesen Menschen ausmacht, in seinem Kern und Menschsein. Das hat uns doch Jesus vorgemacht, in den zwischenmenschlichen Begegnungen  etwas Gutes sagen, etwas Aufbauendes  zusagen und mitgeben– wir sagen im christlichen Sinn „Segen“ dazu.

Eine Hilfestellung möchte ich heute Abend geben: Sie füllen sich die rechte Hosentasche mit 10 Erbsen. Immer wenn Sie einem Menschen etwas Gutes, Ermutigendes, Aufbauendes zusagen und mitgeben, dann wandert die Erbse in die linke Hosentasche. Am Ende des Tages ist Inventur.

 „Denn wer sich selbst erhöht,
wird erniedrigt,
wer sich selbst erniedrigt,
wird erhöht werden!“

Freilich: Diesen Spruch zu beherzigen bedeutet auch, einmal gegen den Strom zu schwimmen. Aber das zeugt von Selbstbewusstsein und Stärke.

Amen.