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„Der Herr bricht ein um Mitternacht“ GL 567

Datum:
Veröffentlicht: 14.12.11
Von:
Elisabeth Goller

Betrachtung über das Lied von Dr. Ludger Stühlmeyer

Unerwartet offen. Berlin. Im Deutschen Bundestag erschien während einer Sitzung im Plenarsaal plötzlich der Herr. Jesus Christus wies darauf hin, er hätte sein unerwartetes Kommen angekündigt. Die Parlamentarier zeigten sich gleichwohl überrascht und beharrten darauf, sie hätten nicht mit ihm gerechnet. Wir alle kennen das Evangelium von der unerwarteten Ankunft des Herrn. Aber haben Sie für ihn einen Termin in ihrem Kalender reserviert? Wie viel Raum für Spontaneität gibt es in Ihrem Leben? Sind Sie offen für den, auf den wir alle warten? Im Advent
Unerwartet offen.
Berlin. Im Deutschen Bundestag erschien während einer Sitzung im Plenarsaal plötzlich der Herr. Jesus Christus wies darauf hin, er hätte sein unerwartetes Kommen angekündigt. Die Parlamentarier zeigten sich gleichwohl überrascht und beharrten darauf, sie hätten nicht mit ihm gerechnet.
Wir alle kennen das Evangelium von der unerwarteten Ankunft des Herrn. Aber haben Sie für ihn einen Termin in ihrem Kalender reserviert? Wie viel Raum für Spontaneität gibt es in Ihrem Leben? Sind Sie offen für den, auf den wir alle warten? Im Advent bereiten wir uns auf das Kommen Jesu vor. Das heißt im christlichen Sinne nichts anderes, als permanente Offenheit für seine überraschende Ankunft. Die Benediktinermönche- und Nonnen haben für diese Haltung ein eigenes Gelübde. Es heißt Conversatio morum, die stete Bereitschaft, sich zu ändern, sich von Ihm her wandeln zu lassen.
Auch die Lieder am Ende des Kirchenjahres und im Advent singen von dem unerwartet Kommenden. „Der Herr bricht ein um Mitternacht“ bleibt sehr dicht an der Botschaft des Evangeliums und spitzt sie zugleich auf die Gegenwart des Dichters und auf unsere eigene hin zu. Die Auskunft ist klar: Der Herr wird unerwartet kommen. Aber es ist ja alles so schön ruhig. Es dauert sicher noch. Deshalb kümmert sich niemand darum. Leider will ihn keiner sehen. Niemand ist so recht auf ihn vorbereitet. Zur Zeit der Entstehung des Liedes war das offenbar nicht sehr viel anders als bei uns heute.

Ein Jurist schreibt Kirchenlieder
Der Textdichter, Johann Christoph Rube ist 1665 geboren und arbeitete als Jurist in Hessen. In seiner Freizeit schrieb er geistliche Liedtexte. Bereits 1692 erschienen die ersten seiner Gedichte im Pietistengesangbuch des Luppius. 1712 veröffentlichte er eine eigene Sammlung, der er den Titel „Frühlingsblumen aus der geistlichen Erde“ gab. Eine zweite Gedichtsammlung, von seinem Schwiegersohn herausgegeben, erschien 1737 unter dem Titel „Poetisch-christliche Liedergedanken aus dem Sonn- und Festtagsevangelien und Episteln eines frommen Rechtsgelehrten“.  Der Titel sagt ziemlich genau aus, wie Rube selbst seine Tätigkeit verstand. Er machte sich das Evangelium und die Lesungen, die er am Sonntag in der Kirche hörte, zu eigen. Er ging mit ihnen um, dachte über sie nach und betrachtete seinen Alltag in ihrem Licht. Und wenn sein eigenes Leben und Denken sich auf das Evangelium oder die Lesungen eingeschwungen hatte, mit ihnen buchstäblich in Einklang gekommen war, machte er daraus ein Gedicht. Andere schufen Melodien zu diesen schönen Texten, und so kamen sie als Lieder zurück an den Ort, von dem sie ausgegangen waren, den Gottesdienst. Selbst erfüllt von Gottes Wort trug Rube so dazu bei, andere zu bereichern.

Ein Theologe mit Sinn für Musik
Johann Crüger, von dem die Melodie dieses Liedes stammt, ist 1598 in der Nähe von Guben geboren. Er besuchte die dortige Lateinschule, erhielt eine musikalische Ausbildung in Regensburg und studierte in Wittenberg Theologie. Anschließend arbeitete er als Lehrer am Gymnasium Zum Grauen Kloster in Berlin und zugleich als Kantor an der Nicolaikirche. Zu den in seiner Zeit zahlreich neu entstehenden Gesangbüchern steuerte er mehrere Melodien bei und arbeitete mit einigen Textdichtern, wie z. B. Paul Gerhard, eng zusammen. Obwohl Text und Melodie zu verschiedenen Zeiten entstanden sind, passen sie doch sehr gut zusammen. Die erste Melodiezeile durchschreitet eine ganze Oktave. Sie betont die wichtigen Worte stark und wirkt aufrüttelnd. Die sehr viel ruhigere zweite Melodiezeile ist wie geschaffen für den Text „jetzt ist noch alles still“. Und auch der eher nachdenkliche Charakter der Schlusswendung findet seinen Wiederhall in der Vertonung. Das Ergebnis der Verbindung von Text und Melodie in diesem Lied ist typisch für das, was den Menschen im 16. und 17. Jahrhundert besonders wichtig war. Sie wollten genau herausfinden, was die Botschaft Jesu Christi für sie persönlich bedeutet. Darum hörten sie die Worte der Schrift nicht nur im Gottesdienst, sie dachten auch Zuhause immer wieder darüber nach. Daraus können wir heute viel lernen. Es wird zwar nach dem Gottesdienst nicht jeder ein Gedicht schreiben oder eine Melodie komponieren. Aber wer die Worte des Herrn, in denen er immer neu und oft überraschend zu uns kommt, in seinem Herzen Wurzeln schlagen lässt, wird selbst auf unerwartete Weise neu werden.          
                    Dr. Ludger Stühlmeyer, 20. November 2011