Zum Inhalt springen

Der aufmerksame Gott – das Lied „Aus der Tiefe rufen wir zu dir“ im GL 913

Datum:
Veröffentlicht: 21.2.12
Von:
Elisabeth Goller

von Dr Ludger Stühlmeyer zum Aschermittwoch 2012

Die Fastenzeit ist eine Einladung in einen Freiraum. Frei von Alkohol, Fernsehen und Schokolade, frei von gesellschaftlichen Vergnügungen und frei von der Sünde. Wer ihn betritt lernt schnell, dass dieser Freiraum nicht Trennung, sondern Beziehung bedeutet. Mehr auf sich selbst und andere hören und wieder stärker in Berührung kommen mit Gott,

Die Fastenzeit isteine Einladung in einen Freiraum. Frei von Alkohol, Fernsehen und Schokolade,frei von gesellschaftlichen Vergnügungen und frei von der Sünde. Wer ihnbetritt lernt schnell, dass dieser Freiraum nicht Trennung, sondern Beziehungbedeutet. Mehr auf sich selbst und andere hören und wieder stärker in Berührungkommen mit Gott, denn Sünde ist ja nichts anderes als Sonderung, Trennung vonder Quelle des Lebens. Den Freiraum der Fastenzeit zu betreten setzt uns inBeziehung und konfrontiert uns so unweigerlich auch mit den Fehlhaltungen inuns selbst, die der behutsamen Korrektur bedürfen. Wenn Sünden die Rückenschädender Seele sind, bieten sich die Bußpsalmen als geeignete physiotherapeutischeMaßnahme an.

 

 

 

Wie tief sind wir gesunken

 

Der Psalm 130 „Ausder Tiefe rufe ich Herr zu dir“ ist der fünfte in der Reihe der sechsBußpsalmen, die der Kirchenvater Augustinus als Trainingsprogramm für dieReflektion in der österlichen Bußzeit zusammengestellt hat. Augustinus war einMensch, der viel Erfahrung mit der Sünde hatte. Sein halbes Leben hatte erdamit zugebracht, vor Gott davonzulaufen. Und die andere Hälfte war er damitbeschäftigt, ein Leben vor Gottes Angesicht zu führen und anderen dabei zuhelfen, dasselbe zu tun.

 

Die Psalmen 6, 32,38, 51, 102, 130 und 143 unterstützen die Begegnung mit den eigenenSchattenseiten. Die Textparaphrase des Gotteslobliedes fasst die ersten Versedes Psalms zusammen: „Aus der Tiefe rufen wir zu dir, Herr und Vater, allerVater, sieh, wir flehn voll Reue hier, Herr und Vater, aller Vater, ach verstoßuns nicht von dir.“ Im Bewusstsein des Beters ist klar: Würde Gott unsereSünden beachten, hätten wir keine Chance. Unser Neuanfang baut auf seinerVergebung. Die Melodie des Liedes setzt die Emotionen der Betenden in Klang um.Engschrittig den Grundton umkreisend erhebt sie sich zögernd, unsicher noch, obHoffnung auf Vergebung sei. In der Anrufung aber gewinnt sie Kraft und schwingtsich erst zum fünften, dann bis zum 7. Ton der Tonleiter in e-moll empor. DerAufwärtsbewegung des in Reue Gott zugeneigten Beters entspricht die von Gotterhoffte Zuneigung, die sich in der nun wie in einem Spiegel von der Quinte ausabwärts geführten Melodie ausdrückt.

 

 

 

Der Ernstfall der Umkehr

 

ist das Sterben.Hier spätestens sind wir, zumindest wenn wir die Gnade haben, es bewusst zuerleben, zur Rückschau, zu Reue und Buße eingeladen. Deshalb gehören die Bußpsalmenund insbesondere der Psalm „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir“ zum Totengebetder katholischen Kirche, dessen Tradition bis in das Urchristentumzurückreicht. In ländlichen Regionen wird bisweilen noch der Brauch gepflegt,an den drei Abenden vor der Beerdigung im Haus eines Verstorbenen zum Gebetzusammenzukommen. In unserem Erzbistum gibt es hierfür die Handreichung „Betenfür die Verstorbenen – Totengebet in der Gemeinde“, die dazu anregen möchte,Freude und Trauer, Hoffnung und Angst angesichts des Todes vor Gott zu tragen.Auch in der Vorbereitung auf den Tod hat Psalm 130 seinen Platz. Das Gebet derEinzelnen wird in dieser Situation sinnfällig dadurch unterstützt, dass dieBußpsalmen auch in der Liturgie der Karwoche in der Vorbereitung auf die Feierdes Leidens und Sterbens Jesu Christi gebetet und gesungen werden.

 

 

 

Der Klang der Hoffnung

 

Wie tief Psalm 130in den Köpfen und Herzen der Gläubigen verankert war, zeigt die reichekompositorische Verarbeitung dieses Textes. Schon Renaissance-Komponisten wieJosquin Desprez und Orlando di Lasso wurden durch ihn zu polyphonen Werkenangeregt. Johann Sebastian Bach machte ihn zur Grundlage seiner eindrucksvollenKantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“ (BWV 131).

 

Die Melodieführungdes Eingangschores ist ganz anders konzipiert als die des Liedes „Aus der Tieferufen wir zu dir“. Sie beginnt im oberen Tonraum und geht in akzentuiertenTonschritten mitten hinein in die Tiefe, die sie besingt. Die AufmerksamkeitGottes ziehen die singenden Beter in der Kantate mit einer bewegten, beinahebeschwingten Melodie auf sich, die sich der in der Barockzeit so beliebtenrhetorischen Techniken bedient. Bachs Kantate war ein Auftragswerk des Pastorsder Marienkirche in Mühlhausen, in der Bach zu Beginn des 18. Jahrhundertstätig war. Im Gegensatz zu vielen anderen Kantaten bleibt „Aus der Tiefe Herr“ganz auf den Psalm 130 konzentriert, ein Beleg für die Verankerung derBußpsalmen in der Liturgie beider christlicher Kirchen. Christoph WillibaldGlucks Vertonung des Psalms wurde bei seiner Beerdigung aufgeführt, Felix MendelssohnBartholdy bezog sich in seiner Bearbeitung für Solo und Chor auf das PsalmliedMartin Luthers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (vgl. Gl 163), das heute inbeiden Konfessionen zuhause ist. Weitere kompositorische Verarbeitungen stammenbeispielsweise von Franz Liszt, Heinrich Kaminski, Marcel Dupré, ArthurHonegger, Arvo Pärt, John Rutter, Paul Huber, Hanno Haag, Krzystof Pendereckiund Carlo Pedini.

 

 Dr. Ludger Stühlmeyer