Dialogpredigt am Reformationstag 2022 in St. Michaelis Hof

Dekan Andreas Müller:
Lieber Stefan, das hätten sich weder Martin Luther noch Papst Leo X. vor 500 Jahren träumen lassen. Dass wir beide heute am Reformationstag hier in St. Michaelis in Hof miteinander über das Wort Gottes im Gespräch sein werden: ein evangelisch-lutherischer Pfarrer und ein römisch-katholischer Priester. Unvorstellbar, hielt Martin Luther doch Papst Leo X. für eine Inkarnation des Teufels.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Und Papst Leo X. den Augustinermönch Martin Luther für einen Ketzer und Kirchenspalter. Aber das ist zum Glück lange her. Inzwischen haben unsere beiden Kirchen ihre Urteile von damals revidiert. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und mit Respekt und suchen nach dem Gemeinsamen. Wir setzen uns beide gleichermaßen ein für die Schwachen in unserem Land und in der Welt. Wir beten gemeinsam für den Frieden und bringen uns ein zum Wohle unserer Stadt Hof.
Dekan Andreas Müller:
Uns verbindet der eine Glaube an Jesus von Nazareth wie er bezeugt ist in der heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments. Die Schrift, die viva vox evangelii, also die lebendige Stimme des Evangeliums, ist unsere gemeinsame Grundlage. Sie verbindet uns und sie bindet uns. Was heute in unseren beiden Kirchen Geltung haben soll, dass muss sich an dem messen lassen, was in der ganzen Schrift steht.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Ein dickes Buch. In der Schule haben die Kinder immer gestaunt, dass die Bibel nicht nur in ganz vielen Sprachen zu lesen ist, sondern auch ein ganzes Regal füllt. Wie denn das? Ich habe dann immer ein Regal mitgebracht, und ein Buch nach dem anderen ausgepackt: Das Buch Genesis, das Buch Exodus bis zum Buch der Apokalypse, der Offenbarung des Johannes. Wie das Wort Bibel schon sagt, besteht sie aus vielen Büchern, genauer gesagt: 46 Bücher sind dem Alten Testament und 27 Bücher dem Neuen Testament zuzuordnen. Da staunten die Kinder nicht schlecht. Sie spürten: Die Bibel ist ein wahrer Schatz, reich an Gotteserfahrungen.
Dekan Andreas Müller:
Um diesen Schatz zu heben, müssen Menschen die Bibel lesen können. In der ihnen eigenen Sprache. Keine Selbstverständlichkeit. Bei den ersten Christen wurden die Briefe und Teile der Evangelien noch abgeschrieben, weitergegeben und im Gottesdienst vorgelesen. Und als das Christentum im 5. Jahrhundert zur Staatsreligion im römischen Reich avancierte, wurde die Bibel auch in ihrer lateinischen Übersetzung im Gottesdienst gebraucht. Aber sie war nicht ein Buch zur persönlichen Lektüre. Ihr Umfang war mit über tausend Seiten so groß, dass eine Bibelhandschrift für die allermeisten Menschen unbezahlbar blieb. Vor allem in Klöstern wurde sie sorgfältig kopiert und weitergegeben.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
So ist sie Martin Luther auch begegnet. Im Kloster. In den gesungenen Psalmen und bei den gottesdienstlichen Lesungen. Selbstverständlich in Latein. Der damaligen Sprache der Kirche. Es gibt sogar noch heute Menschen, die sich wünschen, eine Messe in lateinischer Sprache zu feiern.
Dekan Andreas Müller:
Die lateinische Bibel war in Luthers Zeit das Maß der Dinge. In der Sprache der Gelehrten. Nicht in der Sprache der Menschen seiner Zeit. Deshalb ist das 500jährige Jubiläum, das wir heute feiern, ein Meilenstein für unsere beiden Kirchen.
Im September 1522, pünktlich zur Leipziger Buchmesse erschien das sogenannte September-Testament Martin Luthers. Es war nicht die erste Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Allein seit 1466 gab es bereits 18 solcher Übersetzungsprojekte. Aber anders als alle Vorgänger, hatte Luther eine Textfassung geschaffen, die reißenden Absatz fand. Innerhalb von nur drei Monaten waren alle 3000 Exemplare dieser ersten Auflage verkauft. Und dass trotz des hohen Preises, der dem Wert eines Ochsengespanns entsprach.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Ein Bestseller im wahrsten Sinne des Wortes. Und es blieb nicht bei dieser Auflage. Schnell wurde nachgedruckt. In Wittenberg und anderswo. Es blühten auch Raubkopien, die sich in ihrem Text vom Original Luthers unterschieden. Auch in meiner Kirche gab es mit Hieronymus Emser schon 1527, also nur fünf Jahre später als das September-Testament Luthers, eine deutsche Übersetzung. Aber unglücklicherweise beschloss das Konzil von Trient (1545), dass die Vulgata auch zukünftig die alleinige kirchlich autorisierte Bibelübersetzung sein sollte.
Dekan Andreas Müller:
Die Vulgata, die lateinische Testausgabe der Bibel, hatte Martin Luther auf der Wartburg dabei, als er am 18. Dezember 1521 mit seiner Übersetzung begann. Sie und eine griechische Urtextausgabe (in 2. Auflage) von Erasmus von Rotterdam. Im Zweifelsfall folgte Martin Luther lieber der lateinischen Textfassung. Möglicherweise auch, weil er viel besser Latein als Griechisch konnte. In nur elf Wochen bis Anfang März 1522 hatte Luther die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die 21 Briefe an christliche Gemeinden und Mitarbeiter sowie die Offenbarung des Johannes übersetzt. Seine erste deutsche Textfassung war fertig.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Mich faszinieren die Sprachschöpfungen Martin Luthers. Er prägte bildhafte Ausdrücke und Wortzusammenstellungen, die seitdem die Alltagssprache verwandelten: Begriffe wie Nächstenliebe, Herzenslust, Lästermaul oder Gewissensbisse - auch „geistreich" und „eigenwillig" stammen von ihm. Wortbilder „wie Sand am Meer" ließen ihm „den Mund übergehen".
Luther wollte dem Volk „auf das Maul sehen" und schuf doch zugleich neue Formulierungen: "jemanden auf Händen tragen", "im Schweiße Deines Angesichts" oder "wie seinen Augapfel hüten" stammen aus seinem Sprachschatz. Auch Wörter wie Lückenbüßer, friedfertig, wetterwendisch, Machtwort, Feuereifer, Langmut, oder Morgenland hat er bekannt gemacht. "Er ist es, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgeweckt und losgebunden hat", schrieb Gottfried Herder. Luther habe "durch seine gewaltige Bibelübersetzung die deutsche Sprache erst recht geschaffen", konstatierte Literaturnobelpreisträger Thomas Mann 1945.
Dekan Andreas Müller:
Heute feiern wir 500 Jahre Bibelübersetzung in unsere deutsche Sprache. Mit dem September-Testament hat Martin Luther die Bibel Menschen zugänglich gemacht, für die es zuvor ein Buch mit sieben Siegeln war. Luther wollte anders als die katholische Kirche seiner Zeit, dass die Menschen die Bibel selbst lesen. In ihr und nicht erst vermittelt durch eine priesterliche Auslegung, sollten die Menschen dem Wort Gottes ganz unmittelbar begegnen. Ja, in den biblischen Geschichten spricht Gott direkt zu den Menschen. Darum übersetzte Luther nicht zuerst textgenau, sondern setzte alles daran, im Geist Jesu eine Sprache zu finden, die überzeugend rüberbrachte, worum es für ihn im Kern geht:
Solus Christus – allein um Christus. Er ist Mitte von Gottes Heilshandeln. Sola Gratia – Gott schenkt zuallererst uns seine Gnade. Sie können wir durch nichts verdienen. Wir bekommen sie umsonst. Geschenkt. Sie macht uns frei, auf dieses Geschenk zu antworten. Deshalb tun wir anderen Gutes. Aus Dankbarkeit für all dass, was Gott uns geschenkt hat. Deshalb braucht es auch nur sola fide, allein den Glauben, aus dem heraus ich als Christenmensch handele.
Aus diesen drei Erkenntnissen zieht Martin Luther den Schluss: Allein auf die Schrift kommt es an: sola scriptura. Sie ist Richtschnur und Messlatte für alles christliche Leben. Im eigenen Leben, in der Familie, in der Gesellschaft und in der Kirche.
Heute ist für uns die Bibel kein unbekanntes Buch mehr. Wir kennen viele biblische Geschichten. Aus unserer Kindheit: Aus dem Kindergottesdienst und der Konfirmandenzeit. Aus dem Religionsunterricht, den Bibelstunden oder den Exerzitien im Alltag.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
In dein Loblied auf die Bibel möchte ich miteinstimmen: Die Bibel ist mir im Laufe des Lebens immer wichtiger geworden – bis heute, weil ich mich in den Geschichten sehr gut wiederfinde, z. B. die Geschichte vom reichen Fischfang (Lk 5,5ff). Die Jünger sind mutlos. Sie fangen nichts. Sie sind am Ende. Jesus fordert sie auf, nochmals hinauszufahren. Sie glauben und vertrauen ihm und sagen: „Auf dein Wort hin wagen wir es noch einmal.“ Das wurde dann auch mein Spruch zur Priesterweihe, der mich bis heute trägt, weil Jesus gerade in Zeiten des Misserfolgs da ist und Ermutigung schenkt, nicht aufzugeben, sondern dran und am Ball zu bleiben!
Dekan Andreas Müller:
Dass ein Bibelwort mich begleitet, kenne ich auch nur zu gut. Mein Konfirmator hat mir eine Verheißung zugespochen, die mich bis hierher nach Hof geführt hat: „Ich bin mit Dir und will Dich begleiten, wo Du auch hinziehst.“ Das verheißt Gott Jakob, der von zu Hause abhaut. Diese Zusage Gottes nach dem Motto „das Wandern ist des Müllers Lust“ hat mich immer wieder aufbrechen lassen. Dabei habe ich viel entdeckt. Und so lasse ich mich zuversichtlich auf den Weg ein, den Gott mit mir hier im Dekanat Hof gehen will.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Du wirst gewiss auch die Erfahrung mit mir teilen, an einem biblischen Text herumzukauen, tiefer in ihn einzudringen. Etwa wenn ich eine Predigt vorbereite und den vorgeschlagenen Abschnitt gründlich verstehen will. Dann erlebe ich, wie mich das Wort ergreift. Dann will ich es ganz genau wissen: Ich schaue in den Urtext. Das Neue Testament ist in griechischer Sprache verfasst. „Steh auf und geh“, sagt Jesus zum Samariter, der geheilt war. Ich möchte wissen, was ist mit dem Aufstehen gemeint? Anastas poreuu = anastasia = die Auferstehung. Der Geheilte erlebt durch Jesus seine innere Auferstehung, da lebt etwas in ihm auf, da bricht etwas aus ihm hervor.
Dekan Andreas Müller:
Ich erlebe es wie Du als einen ungeheuren Reichtum, in die Sprachwelt des Griechischen und des Hebräischen einzutauchen. Was wir mit Seele in unseren Übersetzungen lesen, das heißt im Hebräischen „Näfesch“. Es meint dort nicht so sehr den individuellen Kern unseres Menschseins, der unsere körperliche Lebenszeit überdauert und eingeht bei Gott. „Näfesch“ meint vielmehr noch die Lebenskraft, die uns Gott einhaucht. Jene unbändige Lebendigkeit, die uns über uns hinauswachsen lässt.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Ja, der Blick in den Urtext ist ein Gewinn. Manchmal hilft er auch einen schwierigen Text zu verstehen. Aber ein anderes Mal ist der verschachtelte Gedankengang eines biblischen Autors wie Paulus nicht mühelos zu verstehen. Deshalb fasziniert mich ein noch junges Projekt: Die Bibel in leichter Sprache. Es berücksichtigt die Bedürfnisse von Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch von Menschen mit Demenz und von Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen können oder Leseschwierigkeiten haben.
Die Übersetzer:innen mühen sich in kurzen Sätzen zu formulieren. Jeder Satz enthält nur eine Aussage. Verneinungen werden, wenn möglich, vermieden und durch positive Formulierungen ersetzt. Abstrakte Begriffe werden vermieden; wo sie notwendig sind, werden sie durch anschauliche Beispiele oder Vergleiche erklärt und vieles mehr. Das Ziel der Leichten Sprache ist Textverständlichkeit. Schließlich soll ja allen Menschen der Zugang zur frohen Botschaft ermöglicht werden. Keiner soll ausgeschlossen bleiben!
Dekan Andreas Müller:
Dieses Projekt: Bibel in leichter Sprache hätte in Martin Luther vermutlich einen glühenden Unterstützer. Ihm ist es ja ein Herzensanliegen, dass Gottes Wort alle erreicht und allen verständlich gemacht wird. Mit seiner Bibelübersetzung wollte er die Christenheit nicht auseinanderbringen.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Für mich ist es eine Tragödie unserer Kirchen: Die eine gemeinsame Heilige Schrift und zugleich die geteilte Christenheit! Fünf Jahrhunderte hat uns Christen das unterschiedliche Verständnis der Bibel voneinander getrennt. Es ist meine feste Überzeugung: Die Bibel hat auch das Potential, uns weiter zusammenzuführen. Unsere gemeinsame Predigt am Reformationstag heute macht deutlich, dass die Bibel – das Wort Gottes, die Frohe Botschaft – ein gemeinsames Fundament ist, auf dem wir stehen, leben und wirken. Möge sie auch weiterhin Quelle sein, aus der wir gemeinsam schöpfen und uns im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe stärken lassen.
Dekan Andreas Müller:
Wir sind eingeladen, immer wieder die Melodie des biblischen Textes herauszuhören, was Gott mir und uns heute noch mit seinem Wort sagen möchte. Es sind Worte, die anrühren, trösten, ermutigen, aufrütteln, ermahnen. Unser Herz erwärmen, vorausgesetzt ich lasse das Wort Gottes an mich heran.
Ich mag das Lied: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht, es hat Hoffnung und Zukunft gebracht, es gibt Trost, es gibt Halt, in Bedrängnis Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“ Diese Erfahrung mit dem Wort Gottes haben Generationen vor uns gemacht. Diese Erfahrung immer wieder zu machen und anderen möglich zu machen, ist unser gemeinsamer Auftrag: Letztlich möchte jedes biblische Wort uns näher zu Jesus Christus führen und uns mit ihm verbinden: Unserem gemeinsamen Bruder, Weggefährten, Unterstützer, Förderer und Inspirator. Unserem Heiland und Erlöser.
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Wir sollten uns gegenseitig immer wieder einladen, das Leben und die Bibel miteinander zu teilen. Das geschieht, wo Menschen gemeinsam danach fragen, wie sie mit dem Leben eigentlich zurechtkommen sollen. Ihre Sehnsüchte, ihre Ängste und ihre Freuden, oder besser gesagt: unsere gemeinsam geteilten und mitgeteilten Siege und Niederlagen sind das Rohmaterial, auf dessen Hintergrund biblische Texte zu leuchten beginnen. Gerade in den gegenwärtigen Krisenzeiten eine echte Chance, gemeinsam hinzuhören, was der Geist den Gemeinden sagt!
Dekan Andreas Müller:
Darin sehe ich einen gemeinsamen Auftrag unserer Kirchen, ja aller Christenmenschen in der Stadt: Lasst uns die Bibel miteinander teilen. Lasst sie uns zu einem Resonanzraum machen, in dem unsere Erfahrungen zu hören sind und in dem aus Tönen der Angst und der Resignation eine Melodie voll klingender Hoffnung angezupft wird.
Dann wird unsere Übersetzung der Bibel in unsere Sprache heute eine gelungene Übersetzung des Wortes Gottes in die Gegenwart. Wie durch Martin Luther vor 500 Jahren. So heute durch uns. Amen.