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Dialogpredigt zur Orgelweihe in der Friedhofkapelle

Orgelweihe Friedhofskapelle
Datum:
Veröffentlicht: 26.3.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann

mit Dekan Andreas Müller und Pfarrer Stefan Fleischmann

Lieber Stefan,

Ein Gottesdienst ohne Predigt. In meiner Kirche, die sich gern Kirche des Wortes nennt, nicht denkbar. Auf die Predigt, die viva vox evangelii, die lebendige Stimme des Evangelium kommt alles an. Kein Wunder, pocht doch Marti Luther darauf, dass allein die Schrift zählt. Sola scriptura.

Das ist uns nah. Auch wir nehmen den Verkündigungsdienst sehr ernst. Sonntag für Sonntag legen wir beide die Worte der Heiligen Schrift aus und mühen uns, dass etwa Jesu Worte heute unser Herz anrühren.

Worte sind zweifellos wichtig. Aber sie sind nicht alles. Kein Gottesdienst, keine liturgische Feier ohne Musik. Davon berichtet schon das erste Chronikbuch. Musik übernimmt eine tragende Rolle.

Was meinst Du damit?

Ich denke, dass gesprochene Worte an Grenzen kommen. Genau dort vermag die Musik die Herzen der Menschen zu berühren. Sie kann sie anrühren und im besten Falle sogar aufrichten. Die Orgel ist dabei das Instrument. Die Königin aller Instrumente. Sie fehlt in keinem Konzertsaal. Ob in der Elbphilharmonie oder der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles.

(Faszinierend, dass in beiden Orgeln Teile des Weltmarktführers für Spezialteile aus der Nähe von Kulmbach verbaut sind.)

Für mich ist die Orgel eine charmante Möglichkeit christlichen Zeugnisses im Sinn des hl. Augustinus, der meinte: „Erklären können wir’s nicht, verschweigen können wir’s nicht, also singen wir.“

Was wäre deshalb das Leben ohne Gesang? Für Martin Luther unvorstellbar. Er hat schnell erkannt, wie sehr Lieder Botschaften in Herz und Verstand tragen. Deshalb hat er seine Theologie in Lieder verpackt. Wir singen Sie bis heute: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ oder „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Und wenn dazu die Orgel einsetzt, dann öffnet sich der Himmel. Was wäre ein Gottesdienst ohne Musik, und ohne den Klang der Orgel?

Ja, die Orgel ist so wichtig, dass wir sie heute segnen. So steht in der Konstitution über die Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils folgendes: „Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen zu Gott und zum Himmel zu erheben.“

Das gilt für mach ganz besonders für die Orgel in einer Friedhofkapelle.

Die Besucher nehmen hier Abschied von ihrem lieben Verstorbenen. Das Wertvolle ist: Die Orgel mit ihren Pfeifen ist in der Lage, alle Dimensionen des Betens auszudrücken: Lob, Preis, Klage, Trauer, Ohnmacht, Ratlosigkeit und auch die Brüche des Lebens.

Zudem nährt sie unser Sehnen nach einem Himmel, in dem wir einmal Heimat finden. Unser Sehnen nach einem Gott, von dem wir wissen, dass wir nicht tiefer fallen können als in seine Hand.

Davon singt ein Lied: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt. Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit!“

Was wir glauben, hoffen wir für unsere Verstorbenen. Dass sie am Ende ihrer Lebenszeit in Gottes Zeit hineingehen. Gottes Zeit, die bis ans Ende aller Zeiten geht und noch darüber hinaus reicht.   

Die Orgel ist selbst auch ein Sinnbild für unser Leben und unsere Gemeinschaft im Glauben.

Sie erinnert uns daran: Wir sollen als Gemeinschaft zusammenklingen. Jeder ist ein Ton. Manche ein hoher, manche eine tiefer. Nur zusammen wird daraus eine Melodie, die viel mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Der Umzug dieser Orgel in die Friedhofkapelle hat gezeigt, was wir alles vollbringen können, wenn viele aus Politik, Gesellschaft und Kirche zusammen wirken und an einem Strang ziehen.

Dafür sind wir alle heute hier überaus dankbar.

Umso mehr dürfen wir auch im Alltag als Dienstgemeinschaft zusammenklingen, wenn wir in den unterschiedlichen Ämtern und Funktionen den Angehörigen und Hinterbliebenen eine würdige Verabschiedung ermöglichen, ihnen Halt und Orientierung geben.

Wo das gelingt, werden wir Menschen selbst zum klingenden Resonanzraum für Gottes umarmende Liebe und seine durch das dunkelste Tal hindurchtragende Treue.

Für diese Aufgabe kann eine Orgel gar nicht genug Pfeilen und Register haben. Amen.