Die Geschichte vom kleinen Weihnachtsstern

In den Tagen vor Weihnachten herrschte in der Marienkirche reges Treiben, denn alle wollten sich zu den Feiertagen von ihrer besten Seite zeigen. Die Christbäume putzten sich mit frisch polierten roten Glaskugeln und Strohsternen fein heraus und überprüften ihre Lichterketten auf Funktionstüchtigkeit, damit sie an Weihnachten um die Wette strahlen konnten.
Auch in die Holzfiguren auf der Empore kam allmählich Bewegung. Mit dem Hl. Josef als Anführer wanderten sie die Treppen hinab in die Taufkapelle zur Krippe, wo eine Hirtin ihnen ihre Plätze zuwies. Wie jedes Jahr kostete es sie einige Mühe, bis alle wieder an der richtigen Stelle standen.
Eine besondere Augenweide waren die vielen Weihnachtssterne, deren leuchtendes Rot Festtagsglanz im ganzen Kirchenschiff verbreiten sollte. Man munkelte, dass sie ein bisschen eitel waren, weil sie sich gerne bewundern ließen und deshalb genau darauf achteten, dass sie gut zur Geltung kamen. Auf den Seitenaltären, am Fuße des Kreuzes, bei der Muttergottes und zwischen den Kerzen auf dem Hochaltar hatten sie sich bereits niedergelassen. Schließlich waren nur noch sechs Weihnachtssterne übrig, die das Jesuskind umrahmen sollten. Also verteilten sie sich gleichmäßig um die Krippe vor dem Altar. Aber das war gar nicht so einfach. Einer von ihnen war nämlich etwas klein geraten und egal, wie sie sich aufstellten - er fiel immer irgendwie aus der Reihe.
„Wer hat denn bloß diesen Kleinen zum Krippendienst eingeteilt?“, beschwerte sich einer der großen Weihnachtssterne.
„Das frag ich mich auch“, pflichtete ihm ein anderer bei.
„An der Krippe dürfen normalerweise nur die allerschönsten Weihnachtssterne stehen“, erklärte der dritte und räkelte sich selbstbewusst.
„Man muss sich wirklich schämen“, empörte sich der vierte.
„Ja, echt eine Schande”, meinte auch der fünfte.
Der kleine Weihnachtsstern ließ traurig die Blätter hängen. Dadurch wirkte er im Vergleich zur Pracht der anderen Blumenstöcke jedoch noch mickriger.
„Was sollen wir nur mit dir machen?“, seufzte der erste Weihnachtsstern. „Am besten stellst du dich ganz hinten hin. Dann fällst du nicht so auf.“
Also trottete der kleine Weihnachtsstern unglücklich in die hinterste Ecke. Allerdings stand nun der aufgeplusterte dritte Weihnachtsstern vor ihm und verdeckte ihn völlig, so dass es aussah, als wäre eine Lücke im Weihnachtssternkreis um die Krippe.
„Kannst du dich nicht wenigstens ein bisschen größer machen?“, fragte der erste Weihnachtsstern.
Der kleine Weihnachtsstern reckte und streckte sich, aber es half nichts. Er war einfach zu schmächtig.
„Vielleicht tauscht ihr doch besser die Plätze“, schlug der zweite Weihnachtsstern vor.
„Niemals!“, kreischte da der dritte Weihnachtsstern. „Was sollen denn die Leute denken? Der ruiniert mir mit seinen welken Blättern die ganze Schönheit. Ich will den auf gar keinen Fall vor mir haben!“
„Ich auch nicht, ich auch nicht!“, stimmten der vierte und fünfte Weihnachtsstern ein.
„Aber wo soll er dann hin?“, fragte der erste Weihnachtsstern ratlos.
„Weg“, erwiderte der dritte Weihnachtsstern hochmütig. „Das hässliche kleine Ding verdirbt uns sowieso nur das Gesamtbild.“
Der kleine Weihnachtsstern wollte sich schon niedergeschlagen davonschleichen, als plötzlich eine glockenhelle Stimme ertönte: „Bleib hier, kleiner Weihnachtsstern! Ich möchte, dass du an meiner Krippe stehst.“
Die Weihnachtssterne schauten sich verwundert an. Wer hatte da gesprochen? Auch der kleine Weihnachtsstern sah sich suchend um. Plötzlich fiel sein Blick auf das Jesuskind in der Krippe, das ihm freundlich zulächelte. Dann wandte es sich den anderen Weihnachtssternen zu und fuhr fort:
„Ich freue mich sehr, dass ihr mein Geburtsfest mit so viel Glanz und Pracht feiern wollt. Aber noch wichtiger ist, dass auch das Kleine und Unscheinbare immer einen Platz an meiner Krippe findet. Das dürft ihr nie vergessen.“
Die Weihnachtssterne nickten eifrig.
„Gut“, sagte das Jesuskind. „Dann bildet jetzt euren Kreis um meine Krippe; und du, kleiner Weihnachtsstern, stell dich hier zu meinen Füßen, damit ich dich gut sehen kann.“
Das ließ sich der kleine Weihnachtsstern nicht zweimal sagen. Glücklich nahm er seinen Platz zwischen den anderen ein und seine roten Blätter leuchteten kräftiger als je zuvor.
Wenn Sie in diesen Tagen die Marienkirche besuchen, können Sie ihn sehen. Vorne links an der Krippe vor dem Altar steht er – und wenn sie genau hinschauen, können Sie ihn vor Weihnachtsfreude strahlen sehen.