Draußen vor der Stadt

Liebe Schwestern und Brüder,
die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend ziehen zu Johannes hinaus in die Wüste. Das muss man sich einmal vorstellen! Was wollen diese vielen Leute denn da draußen? Was erhoffen sie sich denn? Johannes löst sich vom Tempel, seinen Riten und Traditionen, den Ämtern und den einflussreichen Leuten; er zieht aus und wählt einen ganz anderen Ort, die Wüste – den Ort der Klärung und des Innehaltens, der Buße und der Umkehr! Was für ein aussagekräftiges Bild, das uns heute vor Augen gestellt wird.
Draußen vor der Stadt ereignet sich viel- im biblischen Sinne: Nicht nur der Einzug Jesu in Jerusalem, sondern auch die Passion Jesu, und vor allem: Schon die Geburt Jesu spielt sich draußen ab, weil in der Lebenswelt der Menschen kein Raum für die Ankunft des Gottessohnes war.
Dieses „Draußen“ ist schließlich auch der Ort, an den die Christen in der Nachfolge Jesu gerufen sind: Jesus ruft dorthin, wo er selber ist, vor die Tore der Welt. Konkret bedeutet dies, für die da „draußen“ einzustehen, sich denen zuzuwenden, die an den Rand gedrückt sind und nach den Maßstäben dieser Welt gering geschätzt werden. Johannes verkündet da draußen nicht umsonst: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“
Liebe Gemeinde,
ich möchte Ihnen heute ein neues Adventslied vorstellen, das auf dem ersten Blick ein wenig sperrig und wenig eingängig daher kommt, und etwas ungewohnt: „Wir ziehen vor die Tore der Stadt“. Das Lied gefällt mir deshalb immer besser, weil es dieses „Draußen“ vor der Stadt so eindrucksvoll beschreibt. Wir hören mal die Melodie.
MELODIE Nr. 225
Entstanden ist dieses Lied Mitte der 1960er Jahre in der DDR. Der evangelische Pfarrer und Dozent für das Neue Testament am Theologischen Seminar in Leipzig Gottfried Schille hat diesen Text geschrieben- inspiriert hat ihn die wissenschaftliche Beschäftigung mit der siebten Ode Salomos (2. Jahrhundert). Sehr schnell verbreitete sich das Lied durch Handzettel ab 1971.
Im gesellschaftlichen Kontext seiner Entstehungszeit und der folgenden Jahre wurde der adventliche Text auch ausgesprochen politisch verstanden: Nach den Worten des Autors hat er sich aufgrund der allgemeinen DDR-Situation sozusagen zu einem Demonstrationstext gemausert. Das Hinausgehen konnte in der Situation der DDR nur im Heraustreten aus den gewohnten Gleisen bestehen. Das Hinausgehen als eine Einladung zum Demonstrationszug. In diese Demonstration einzutreten fordert den Mut, die ganze Wucht eines eventuellen Gegenschlags auf sich zu nehmen. Insofern präludiert das Lied einer Bewegung, die endlich im Herbst 1989 in die Wende mündet.
Wir wollen das Lied nun abwechselnd singen: 225
1. Pfarrer
2. Gemeinde
3. Alle
Liebe Gemeinde,
Johannes der Täufer zieht die Leute nach draußen, raus aus den gewohnten Bahnen, weg von dem Alltagstrott, je weg von der Institution des Tempels, um dem Herrn den Weg zu bereiten und die Ankunft des Herrn zu ermöglichen. Ich möchte uns einige Impulse zum Nachdenken mitgeben:
Was ist dieses „Draußen“ für mich ganz persönlich? Wo ist dieser Ort? Was bedeutet dieses „Draußen“ für die Kirche und ihren Auftrag zumal sie in den vergangenen Jahren doch viele Menschen enttäuscht und ausgegrenzt hat?
Orgelspiel (Melodie nach 225).
Vielleicht fühlen wir uns manchmal selbst ein wenig draußen oder nicht mehr zugehörig. Verschiedene Faktoren mögen dafür ausschlaggebend sein: der Berufsstand, eine Erkrankung, das Alter, das Nicht-mehr-verstehen-können anderer Generationen, u. v. m. Gut, dass Er uns in dem "Draußen" nicht alleine lässt und uns genau dort begegnen und ankommen will. Ich wünsche uns, dass wir Sein Hoffnungslied draußen vor der Stadt hören oder sogar zum Erklingen bringen. Amen.