Eine wohltuende Unterbrechung

1. Ich laufe mit meinem Vater spazieren. Gebückt hält er sich am Gehwägelchen fest, geht Schritt für Schritt. Ich begleite ihn. Es tut richtig gut, rauszukommen, frische Luft zu schnappen und einen Gang runter zu schalten. Plötzlich nimmt er seinen Hut ab und legt ihn auf die Ablage. „Was ist los?“, sage ich. „Du erkältest dich nur!“ – „Hörst du nicht, die Glocken. Es läutet zum Gebet, da nimmt man den Hut ab.“ „Und wir lauschten gemeinsam den Glocken.“ Eine wohltuende Unterbrechung.
Liebe Schwestern und Brüder,
2. Unterbrechungen im Alltag tun gut - auch wenn sie nur für einen Moment sind - das rechte Maß zu finden zwischen Arbeit und Erholung. Das rechte Maß bewahrt vor Einseitigkeit, vor zu großen Forderungen an sich und andere, und es hilft das gute Vorhaben durchzuhalten. Unterbrechungen im Alltag tun uns auch gut, um achtsam zu bleiben. Achtsamkeit ist die Kunst, ganz im Augenblick zu sein.
3. Tage im Kloster sind sehr beliebt. Warum eigentlich? Zum einen ist es der Tagesrhythmus. Sie spüren die heilende Wirkung der klösterlichen Tagesordnung, in eine innere Balance zu kommen und zu bleiben, sich immer wieder sich durch das Gebet und die gemeinsamen Mahlzeiten unterbrechen zu lassen. So gibt es im Kloster verschiedene Glocken – die Kirchenglocken, die Hausglocke, die Tischglocke, die Glocke zur Wandlung, die im Alltag für das rechte Maß sorgen.
4. Wir renovieren Glockentürme und warten unsere Glocken, oft wissen wir aber nicht mehr wirklich mit ihnen etwas im Alltag anzufangen. Unsere Kirchenglocken sind im Alltag eine große Hilfe, sich bewusst unterbrechen zu lassen: „Hej, du! Schau auf das, worauf es im Leben wirklich ankommt.“ Oder: „Erinnere dich, dass Du Geschöpf Gottes bist.“ Oder: „Glaube an das Gute, das in allem liegt, so wie Gott nach jedem Schöpfungstag sah, dass alles gut war.
5. Der Ursprung des Glockenläutens in Verbindung mit der Menschwerdung Gottes liegt bei den Franziskanern im 13. Jahrhundert. Der Brauch, den Engel des Herrn zusammen mit den Versen aus der Heiligen Schrift dreimal zum Glockenläuten zu beten, ist aber dann erst zwei Jahrhunderte später bezeugt:
„Der Engel brachte Maria die Botschaft. Maria sprach, sie ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“
6. Maria lässt sich vom Engel unterbrechen, um seine Botschaft zu hören und den Auftrag zu erkennen. Das Gebet „Engel des Herrn“ ist eine gute Möglichkeit, sich mit Maria unterbrechen zu lassen, um das Geheimnis Gottes in seiner Menschwerdung zu vergegenwärtigen. Von daher lege ich uns dieses Gebet für das Jahr 2022 sehr ans Herz, denn es verschafft uns das Bewusstsein, stets in einen Dialog mit Gott einzutreten und in Seiner Gegenwart zu leben.
7. Lass dich unterbrechen, so heisst ein Gedicht von Dorothee Sölle (1929-2003):