Fahr hinaus, wo es tief ist!

Liebe Schwestern und Brüder,
das heutige Evangelium ist mein Primizevangelium 2004. Bis heute ergreift mich der Dialog, der zwischen Jesus und Simon und den anderen Jüngern stattfindet. Warum?
- Ich glaube, ich habe damals als Priesterkandidat und Diakon schon erahnt, dass es – auch als Priester - nicht immer bei den gefüllten Netzen bleibt: Erfolg zu haben, beliebt zu sein, gut anzukommen, angenommen zu werden.
- Ich war geprägt von einem Gottesbild, dass Jesus gerade auf der Seite steht, die sich schwer tun, Schritt zu halten, oder ein „Handykap“ haben und er diesen Menschen dienen wollte.
- Ich hatte bereichernde Erfahrungen mit einer Kirche vor Ort gemacht, die eher demütig und bescheiden daherkommt, die weniger prahlt und glänzt.
„Fahr hinaus, wo es tief ist.“ - Fahr hinaus, wo es tief ist - in die Weite und tiefe des Lebens. Das ist für mich zu einer großen Herausforderung geworden, die ich angenommen habe. Sozusagen: Erweitere immer wieder deinen Horizont, entdecke, was Leben heisst und gebe dich nicht mit der Oberflächlichkeit des Lebens und dieser Welt einfach so zufrieden. Halte immer wieder Ausschau nach dem Mehrwert des Lebens. Rückblickend ist es auch so gekommen, dafür bin ich dankbar, dass mich die neuen Stellen und der Ruf in die jeweiligen Kirchengemeinden und zu den Menschen, immer wieder neu eingeladen haben, in die Weite und Tiefe des Lebens zu fahren. Aber - ohne Ermutigung, „Auf Sein Wort hin“ es auch zu tun und zu wagen, mich zu trauen und ihm zu vertrauen, wäre es sicher nicht auch nicht gegangen.
Liebe Schwestern und Brüder,
jetzt schreiben wir das Jahr 2022. Die Kirche, für die ich mich entschieden und in den Dienst gestellt habe, ist in einer tiefen Krise auch aufgrund eines großen Vertrauensverlustes. Und Vertrauen ist die Grundlage jeder Beziehung, jemanden zu trauen, zu vertrauen, ihm etwas anzuvertrauen.
Fahr hinaus, wo es tief ist!
- Nicht längst wurden alle Opfer gehört;
- nicht längst wurden ihre Geschichten erzählt;
- nicht längst sind alle Verbrechen bekannt;
- nicht längst wurde der Opfer angemessen bedacht.
Fahr hinaus, wo es tief ist. So lange das ausbleibt, wird es weiterhin Empörung, Wut und Enttäuschung geben. Berechtigt!
Der Synodale Weg machte sich vor einigen Monaten auf den Weg, Kirche zu erneuern. Man scheut sich nicht, jetzt die sog. heissen Eisen, die seit Jahrzehnten auf den Tisch liegen und uns letztlich umso mehr einholen, endlich einmal offen anzusprechen und auszusprechen. Synodalität ist möglich: Bischöfe, Frauen und Männer, Junge und Alte, Kleriker und Ordensleute - querbeet durcheinander im Raum verteilt - diskutieren, und dabei gilt die Kraft des Argumentes. Vielleicht auch ein Vorzeichen, wie Kirche – eine Gemeinschaft von Getauften und Gefirmten – miteinander umgeht und auf der obersten Leitungsebene funktioniert. Fahr hinaus, wo es tief ist. Zeit wird’s, damit die frohe Botschaft Jesus Christi glaubwürdig in Wort und Tat bezeugt wird; damit die Menschen wieder neue Hoffnung schöpfen und die Kirche für alle eine Quelle der Freude und Zuversicht ist. Freilich merke ich auch als leitender Pfarrer: Es ist wichtig, Entscheidungsprozesse gut zu moderieren und zu begleiten, eine Gesprächskultur zu fördern, die uns wertschätzend auf Augenhöhe begegnen lässt.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Was hält Menschen noch in der Kirche?“ So wurden Menschen eingeladen, Statements zu schreiben. Ich finde sie sehr ergreifend, weil sie deutlich machen, dass differenziert und genauer hingeschaut wird, tiefer und weiter. „Fahr hinaus, wo es tief ist.“
Was hält Menschen noch in der Kirche?
„Weil ich Ihn, Jesus Christus, meinen Herrn und Gott, dessen zerschundenes Antlitz mir in ihrer gegenwärtigen Gestalt auf dem Kreuzweg begegnet, doch nicht ausgerechnet jetzt allein lassen kann. Er braucht mich so, wie ich Ihn brauche. Getrennt von Ihm und dem überzeitlichen Strom des Lebens, der mir aus der Quelle des Heil zufließt, kann ich nichts vollbringen. Vor allem aber deshalb: Ich liebe Ihn. Darum bleibe ich.“
Oder ein anderes Statement:
„Ich glaube an Gott, an Jesus Christus und an den Heiligen Geist. Deshalb bin ich katholisch und bleibe es auch. Solange mich dieser Glaube trägt, gibt es für mich keinen Grund aus der Kirche auszutreten. Denn ich bin nicht Mitglied in irgendeiner Vereinigung, deren Personal mich überzeugen muss. Ich folge nicht Bischöfen, Kardinälen oder Päpsten nach, sondern einzig und allein Jesus Christus. Es ist seine Kirche, nicht die irgendwelcher menschlichen Stellvertreter. Deshalb macht es mich wütend, dass Verbrecher sich als seine Diener tarnen und den Ruf seiner Kirche dermaßen beschädigen. Daher finde ich es absolut unerträglich, dass so etwas im kirchlichen Rahmen geschehen konnte und dann auch noch vertuscht wurde. Von den kläglichen Rechtfertigungsversuchen ganz zu schweigen. Ich kann nicht verstehen, warum es den Kirchenvertretern so schwer fällt, Schuld einzugestehen. Jesus hat seine Kirche ganz bewusst in die Hände schwacher, fehlbarer Menschen gegeben. Es ist die Aufgabe aller Getauften, die Kirche zu einem Ort werden zu lassen, an dem Jesu Wort gelebt und weitergegeben wird, an dem Gottes- und Nächstenliebe für die Menschen erfahrbar wird. Wir alle tragen Sorge dafür – jede und jeder da, wo Gott sie oder ihn hingestellt hat. Nur wer bleibt, kann etwas verändern und an Jesu Kirche mitbauen. Ich liebe Jesus und er liebt mich – deshalb bleibe ich ihm gerade auch in stürmischen Zeiten treu.“
Fahr hinaus, wo es tief ist. Es sind Glaubensbekenntnisse, die mich sehr beeindrucken und für die Zukunft ermutigen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Fahr hinaus, wo es tief ist.“ Petrus hat Einwände und eigentlich keine Lust, nochmals hinauszufahren – vielleicht hat er auch Angst, was jetzt mit ihm und um ihn passiert. Doch er willigt dann doch ein „Auf dein Wort hin werde ich die Netzte auswerfen.“ Der Erfolg den Fang seines Lebens zu machen spricht für sich, dem Leben zu trauen und zu vertrauen, weil Gott uns liebt und es mit uns lebt.
Amen.