Feindesliebe im Alltag?

Liebe Schwestern und Brüder,
wo kommen wir dahin, wenn wir Jesu Worte von der Feindesliebe im Alltag beherzigen?
„Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin. Der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.“
Mein Gott Jesus, wo kommen wir mit deiner Haltung hin? Was verlangst du da von uns? Das passt doch nicht mehr in unsere Zeit:
„Du musst dich doch zu wehren wissen.“ „Lass dir doch nicht alles gefallen.“ „Sei nicht so dumm, und zeige auch mal Kante.“
Wo kommen wir dahin, wenn wir Jesu Worte von der Feindesliebe im Alltag beherzigen?
Die Verhaltensregeln Jesu klingen unrealistisch und deshalb sogar abstoßend. Vielleicht wollte Jesus seine Zuhörer provozieren und die Nächstenliebe auf die Spitze treiben: Wenn ich das wirklich ernst nehme, wo lande ich? Werde ich da nicht zum Spielball für die Menschen, die mit mir machen was sie wollen? - Wir spüren jedoch: Auch Haltungen und Mechanismen von Aktion und Reaktion funktionieren im Alltag nicht, und auch unsere Geschichte ist angefüllt von einem großen Scheitern jener Nationen, die diesen selbstzerstörerischen Weg von Rache und Vergeltung eingeschlagen haben. Schauen wir auf die weltpolitische Bühne, dann bestärken uns die Worte Jesu, diese Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu durchrechen. Zum Glück! Ansonsten hätten wir schon längst Krieg in Europa. Immer wieder ist zu Recht von Diplomatie die Rede und von Beziehungen, die nicht abbrechen dürfen. Hoffen wir, dass dieser Weg zum Erfolg führt.
Wo kommen wir dahin, wenn wir Jesu Worte von der Feindesliebe im Alltag beherzigen?
Mein Gott Jesus, du bist kein weltfremder Idealist, sondern ein praktischer Realist, weil du weisst, wie schwer es ist, deinem Anspruch zu gerecht zu werden, ohne Vorbehalt zu lieben und Barmherzigkeit zu üben: „Ihr sollt also barmherzig sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ Ob das gelingt? Nach den Worten Martin Luther King gibt es keine Alternative, wenn er sagt:
„Die größte Schwäche der Gewalt liegt darin, dass sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Böse zu verringern, vermehrt sie es. Durch Gewalt kann man den Lügner ermorden; aber man kann weder die Lüge ermorden noch die Wahrheit aufrichten. Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden, aber man tötet den Hass nicht. Gewalt verstärkt nur den Hass. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler. Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben; das kann nur das Licht. Hass kann den Hass nicht vertreiben; das kann nur die Liebe.“ (vgl. Selig sind, die Frieden stiften, Hamburg 2009)
Liebe Schwestern und Brüder,
im Bistum Regensburg gibt es das Werdenfelser Bildungshaus in Nittendorf. In der Kapelle steht ein Steinaltar, der die Form eines Dreiecks hat. Der Altar ist sozusagen auf den Kopf gestellt. Der Altar steht für Jesus Christus. Jesus treibt mit seinem Leben sozusagen die Liebe auf die Spitze und stellt viele Verhaltensweisen auch heute auf den Prüfstand. In seinem Leben und mit seiner Botschaft durchbricht er die Spirale von Gewalt, Feindschaft und Vergeltung.
In jeder Eucharistiefeier verbünden wir uns immer mehr und tiefer mit Jesus Christus, seinem Leben, seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. D. h. auch, dass wir eingeladen sind, seine Botschaft ernstzunehmen und Zeichen zu setzen, die weniger von der Vergeltung sprechen, sondern von der Selbstlosigkeit und barmherzigen Hingabe. Mir ist klar: Das ist ein weiter Weg – ein Leben lang.
Amen.