Folge mir nach

„Folge mir nach“, sagt Jesus.
Was kommt nicht alles in diesem kurzen Satz zum Ausdruck. „Folge mir nach!“ 3 Punkte:
1. Eher im Vorbeigehen sagt Jesus diese Worte zum Zöllner Matthäus. Vielleicht ist er gerade noch beschäftigt, sein Geld zu zählen oder gar darin ganz versunken. Es geht um Tagesbilanzen und größtmögliche Gewinne. Das ist erst einmal nichts Verwerfliches; und vielleicht wird man sogar sehr glücklich, seine Lebenszeit damit zu verbringen. Was man allerdings sagen muss: Zöllner waren in der damaligen Gesellschaft völlig abgestempelt. weil sie mit den römischen Besatzern kollaborierten. Wer fühlt sich schon dauerhaft in einer solchen Rolle wohl? Abgestempelt, nicht dazugehören, keine Anerkennung, immer nur das Geld fremder Leute für andere eintreiben. Meine Oma hätte gesagt: „Junge, das ist doch nichts für dich!“ Sich selbst daraus befreien kann Matthäus nicht.
- „Folge mir nach!“ Umso mehr trifft dieser Satz in das Herz eines Menschen, der Matthäus heisst, übersetzt „Gottes Gabe!“. Da interessiert sich wirklich jemand für mich!
- „Folge mir nach!“, was soll sonst aus dir werden, wohin führt dein Leben? Bedenke das Ende!
Matthäus kennt Jesus eigentlich gar nicht, höchstens vom Hörensagen. Aber die wenigen Worte Jesu genügen: Da steht Matthäus auf (vom griechischen wörtlich übersetzt „auferstehen“). Matthäus erlebt eine innere Auferstehung, quasi einen neuen Lebensatem und folgt Jesus. Ganz einfach scheint die Jesusnachfolge zu sein, ohne wenn und aber, ohne Vorleistung und Bedingung: Gnade!
2. Was jetzt passiert, ist unglaublich: „Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.“ Die beiden Jesus und Matthäus ziehen weitere Zöllner und Sünder an. Sie strömen in Scharen herbei. Endlich mal wieder volle Kirchen, Pfarrzentren und Verwaltungshäuser, würden wir heute sagen! Ob das dann jeden so passen würde? Die Pharisaer verstehen das nicht! Wie kann er nur ... ? Das darf nicht sein...? Sie gehen von einem anderen Messiasbild aus, ein Messias, der erst einmal aufräumt mit dem ganzen Gesindel, gemeint sind die Sünder, Zöllner, Dirnen; und der mit dem übrig gebliebenen Rest der Gerechten die Fremdherrschaft der Römer beseitigt und ein neues Volk aufbaut. Das ist ihr Wunschdenken, Erwartungen: na ja, so ähnlich, wenn ein neuer Pfarrer kommt! Dieses Messiasbild erfüllt Jesus ihnen nicht. Koste es was es wolle: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Welche Provokation- bis heute! Eine neue Messlatte wird gesetzt.
3. „Darum lernt von mir ...“ sagt Jesus. In der Jerusalemer Übersetzung heisst es: Geht und lernet verstehen – eigentlich ein Leben lang mit allen Fort- und Rückschritten im geistlichen Leben. Und jetzt zitiert Jesus Hosea 6,6: „Denn Liebe will ich, nicht Opfer, Gotteserkenntnis, nicht Brandopfer.“ Mit den Worten Jesu: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“
Der Schluss des heutigen Evangeliums gibt die ganze Antwort, warum Matthäus Jesus sogleich gefolgt ist. Hosea „Liebe“, Matthäusevangelium „Barmherzigkeit.“ Man könnte auch von der „Liebenswürdigkeit Gottes“ sprechen, die umso stärker wird, je schwächer, gebrechlicher, schuldiger, unbeständiger, entfremdeter der Mensch sich erfährt. Und diese Liebenswürdigkeit geprägt von Feingefühl, einer Haltung von Güte, Verlässlichkeit, Treue, von Beständigkeit in der Aufmerksamkeit und in der Liebe hat Matthäus angesprochen, tut uns allen gut, um das Alte abzulegen und aufzugeben, und mit Gottes Hilfe und seiner Gnade neu anzufangen, ja aufzustehen: „Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ Hier geschieht Menschwerdung im wahrsten Sinne des Wortes, in jeder Eucharistie, ja sogar in jedem Gottesdienst, den wir feiern.
Eine Demütigung derer, die sich auf der Seite der Gerechten sehen und einordnen und etwas Besonderes von sich halten. Sie werden sozusagen Links liegen gelassen. Stattdessen treten andere in den Mittelpunkt des Geschehens, heute „Matthäus“. Mit dem Verlassen seiner Zollstätte beginnt für ihn der konkrete Weg der Nachfolge, der Weg in die Jüngerschaft Jesu. Wir wissen alle – seit unserer Taufe: Es ist ein Weg in die Weite und zugleich in die Tiefe des Lebens: mit ihm gehen und bei ihm bleiben, durch ihn leben und mit ihm auferstehen. Amen.