Frieden - Ich will bei dir zu Gast sein!

Liebe Schwestern und Brüder,
„wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“, so unsere Außenministerin Annalena Baerbock in der vergangenen Woche. Perspektiven verändern sich schlagartig; und Prioritäten sortieren sich neu. Ein neues Kapitel wurde in unseren Geschichtsbüchern aufgeschlagen. Ende – ungewiss. Verbunden mit der Frage: Was gilt - das Recht des Stärkeren? Oder die Stärke des Rechts?
Bei allem, was uns in der vergangenen Woche beschert wurde und traurig gemacht hat, wieder zurückzufallen in eine graue Vorzeit des kalten Krieges, prägten mich drei Ereignisse positiv:
1) Papst Franziskus geht persönlich in die russische Botschaft. Der Ukraine-Krieg veranlasst den Papst zu diesem außergewöhnlichen diplomatischen Schritt, einen Friedensappell an den Botschafter zu richten. Zum ersten Mal überhaupt geht ein Papst selbst zu einem Botschafter, um auf ihn einzuwirken. Gewöhnlich beruft das Staatssekretariat des Vatikan die Botschafter ein. Warum tut er diesen ungewöhnlichen Schritt? Mich erinnert dieses Vorgehen unseres Papstes an Jesus, der bei Zachäus zu Gast sein möchte. Jesus tut dies, weil er einem Mann, der sich selbst durch sein Handeln von der Gesellschaft ausgeschlossen hat, wieder Ansehen verleihen will. Auf diese Weise ermöglicht Jesus Zachäus das, was wir Umkehr nennen, verbunden mit einer radikalen Kehrtwende! Die Gegenwart zeigt jedoch: Zachäus unterscheidet sich von Machthabern dieser Welt, die vielfach gleichgültig, hart und unmenschlich geworden sind, und die nichts mehr erwarten und erhoffen. Der Papst hat scheinbar keinen Erfolg erzielt, aber er zeigt in diesem Besuch wesentlich, was christliches, pastorales Handeln ausmacht.
2) Eine zweite Begebenheit: Ich komme gestern Abend in einen Stau. Ich sehe eine Menschenmenge – manche haben die ukrainische Flagge in der Hand, andere zeigen Plakate für den Frieden in der Welt. Ich bin beeindruckt. Zunächst schaue ich nervös auf die Uhr, weil ein nächster Termin auf mich wartet. Nach und nach werde ich innerlich ruhig, möchte ich mich mit ihnen solidarisieren. Mehr noch: Ich möchte mich mit allen Menschen verbunden wissen, die unter diesem Krieg in der Ukraine leiden und zum Teil auf der Flucht sind. Herzzerreissende Bilder des Abschiednehmens habe ich vor Augen. „Ich will bei dir zu Gast sein“, sagt Christus. Ich will bei dir zu Gast sein in Gedanken, Worten und Werken. Er will bei uns zu Gast sein, in den Menschen, die uns nahestehen, aber auch in jeden, die als Flüchtlinge bei uns sind und zu uns kommen.
3) Eine dritte und letzte Begebenheit: Die Hofer Glocken läuten für den Frieden. Das pastorale Team hat sich kurzfristig entschieden, sonntags um 17.30 Uhr zum Friedensgebet in St. Marien einzuladen. Dabei werden unsere Kirchenglocken zu Beginn des Gebetes läuten- für Frieden gegen Krieg. Im Gebet möchte Jesus bei uns zu Gast sein, gleichzeitig ist er auch unser Gastgeber in den Worten der Heiligen Schrift, im Zeichen von Brot und Wein. Wenn wir jetzt die 40-tägige österliche Bußzeit in den Blick nehmen, dann kommen Fasten und Almosengeben hinzu. Gebet, Fasten und Almosengeben verbinden uns im Glauben an einen Vater, der will, dass wir Geschwistern sind und nicht Feinde. Verstehen wir die kommende Zeit als eine Einladung, Jesu guten Geist in unserer Gemeinschaft wieder neu lebendig werden zu lassen: „Ich will bei euch zu Gast sein!“
Liebe Schwestern und Brüder,
„wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Wie recht unsere Außenministerin hat! Auch in der anderen Welt macht sich Gott nicht aus dem Staub und möchte bei uns zu Gast sein- jeden Tag neu! Jeder Mensch sollte dabei nicht vergessen, selbst Gast auf dieser Welt zu sein und sich wie ein „guter Gast“ zu verhalten.
Amen.
FÜRBITTEN:
Wir beten um den Frieden in der Welt. - Stille
Wir beten um Beistand und Trost in den Kriegsgebieten. - Stille
Wir beten um Schutz und Hilfe für die Flüchtlinge. Stille
Wir beten um eine gute Zukunft für alle Menschen. – Stille
Wir beten um das ewige Leben für die Verstorbenen - Stille