Fürchtet euch nicht - Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis, A 2026

Es ist Montagabend 18 Uhr. Ich stehe vor der Marienkirche und sehe Soldaten in Reih und Glied auf den Stufen zur Kirche. Ebenfalls stehen auf der rechten Seite einige Reihen Bundeswehrkameraden. Polizei mit großem Aufgebot, die wachsam und angespannt die Menschen beobachtet, die ebenfalls stehen geblieben sind. Spannung liegt in der Luft, die ich nicht recht deuten kann: Neugier? Interesse? Argwohn? Gefahr? Mir ist es auf alle Fälle ziemlich mulmig. Es folgt der Aufzug des Musikkorps, das unter den Klängen eines Marsches auf den Platz zieht und sich auf der linken Seite aufstellt. Den uniformierten Musikerinnen und Musikern folgen mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten. Kommandos werden gerufen, die wie ein Mann ausgeführt werden. Jetzt herrscht bei mir eindeutig ein beklemmendes Gefühl vor. Ich denke an unseren Pfarrpatron, den Seligen Bernhard Lichtenberg, der im 2. Weltkrieg von den Nationalsozialisten eingesperrt wurde und nach dem der Kirchenvorplatz benannt worden ist. Der für die Notleidenden, Unterdrückten, Behinderten und für die Juden öffentlich eingetreten ist. Der in einem Verhör sagte: „Ich werde meinem Gewissen (als gläubiger Christ) folgen.“ Nicht den Ideologien Hitlers.
Meine Gedanken schweifen zu den großen Kriegen dieser Welt: in die Ukraine, dem Gaza-Streifen, Russland, Israel, dem Iran und den Kriegsschauplätzen, die nicht täglich in den Nachrichten benannt werden. Der Tod, das Leid, die Ungerechtigkeit, die Angst, die daraus hervorgehen.
Mir kommen aber auch die kleinen Kriege in den Sinn: Wenn Menschen sich nicht verstehen wollen. Wenn Meinungen beharrlich vertreten werden, ohne die Möglichkeit der Revidierung. Wenn keine Kompromisse mehr geschlossen werden können. Wenn Familien nicht mehr miteinander reden. Wenn Menschen das Grundrecht der Würde abgesprochen bekommen.
Sind das nicht die Szenarien, die uns die heutigen Lesungen schildern? Die Schrecken der Welt damals, sind auch die Schrecken von heute. Eine ausweglose Situation? Ein nie endendes, hoffnungsloses Bild der Menschheit?
Pfarrer Fleischmann und Dekan Müller halten eine Dialogpredigt: Suchet Frieden, jaget ihm nach! (Ps 34) Zwei Aspekte finde ich interessant: „Suche den Frieden und jage ihm nach, ist keine Einladung zu einer Schnitzeljagd, sondern eine Haltung. Ich bin beständig auf der Suche nach Konfliktlösungen. Ich möchte Kompromisse schließen, Interessen ausgleichen. Diesem Ziel jage ich nach. Es ist flüchtig. Man verliert es leicht aus den Augen…,“ so sagt Pfarrer Fleischmann. Im weiteren Verlauf spricht Dekan Müller: „Suche Frieden und jage ihm nach, ist für mich vor allem ein Aufruf, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen. Krieg ist ja nicht einfach das Gegenteil von Frieden. Das Gegenteil von Krieg ist Frieden machen. Das heißt für mich ein aktives Sich-Einsetzen um Frieden zu fördern, Frieden zu bewahren und im äußersten Fall Frieden auch unter Androhung oder Einsatz von Gewalt wiederherzustellen.“
Darüber muss ich nachdenken. Wie stehe ich zur Bewahrung des Friedens? In der folgenden Schweigeminute, in der die Totenglocke von St. Marien läutet und der Gefallenen, bei Übungen ums Leben gekommenen und ihrer Angehörigen und der zivilen Opfer gedacht wird, habe ich dazu Zeit.
Ich werde wieder in die Realität geholt und höre den Reden zu. Der Appell anlässlich des 55-jährigen Bestehens des Standortes Hof der Bundeswehr erreicht in der Unterzeichnung einer Patenschaftsurkunde zwischen der Stadt Hof und der Zentralen Untersuchungsstelle der Bundeswehr ihren Höhepunkt.
Die Bayern- und die Deutschlandhymne beschließen den Festakt.
Und ich erkenne für mich, den Wunsch der Bundeswehr, das Ereignis vor der Kulisse der Marienkirche stattfinden zu lassen und die nach reiflicher Überlegung Entscheidung, dem Wunsch nachzukommen, war richtig. Denn für Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen einzutreten, kann auf sehr unterschiedliche Weise geschehen.
Jesus ermahnt uns in dem heutigen Evangelium, wie Bernhard Lichtenberg den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen, gegen Ungerechtigkeit aufzustehen und sich für die Würde eines jeden Menschen einzusetzen. Und er spricht uns Mut zu. Drei Mal hören wir „Fürchtet euch nicht“. Denn „Ihr seid mehr wert als viele Spatzen“.