„Fürchtet euch nicht“

Andreas Müller: „Fürchtet euch nicht!“, das ruft der Engel Gottes den Hirten auf den Feldern um Bethlehem zu. „Habt keine Angst.“ – ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Wir kennen diesen Satz aus der Weihnachtsgeschichte des Lukas.
Wie klingen diese Worte in den Ohren der Palästinenser in Gaza und der Angehörigen, die um ihre 137 noch immer verschleppten Familienmitglieder bangen? Größer noch als gestern sind die Ängste, seit die Kampfhandlungen am heutigen Morgen wieder aufgenommen wurden.
Stefan Fleischmann: Unfassbares Elend auf beiden Seiten. Sie kommt mir in diesem Jahr schwer über die Lippen: Die Zusage des Engels „Friede auf Erden“. Sie fühlt sich so fremd an: In Israel, in der Ukraine, in Somalia und an so vielen weiteren Orten. Wir sind über 70 Jahre Frieden bei uns in Europa gewohnt. Haben Frieden als selbstverständlich erlebt. Konnten uns nicht vorstellen, dass ein Staat den anderen überfällt, um ihn zu erobern, die Menschen zu vertreiben und ihn zu annektieren. Für mich hat unsere Außenministerin Annalena Baerbock im Februar vor einem Jahr es eindrücklich gesagt: „Heute sind wir in einer anderen Welt aufgewacht.“
Andreas Müller: Wir haben darauf vertraut: Grenzen sind unverrückbar. Jede Nation hat das Recht, in ihrer Heimat zu leben. Nach Jahrzehnten des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern wächst mehr und mehr die Einsicht, dass beide Völker in ihrem je eigenen Staat leben sollen. Doch jetzt will die Hamas das Ende des jüdischen Staates und die Israelische Regierung die Zerstörung der Hamas. „Friede auf Erden“ ist weiter entfernt denn je.
Stefan Fleischmann: Als Schüler war ich fasziniert von der Pax Romana: Ein großer Teil der damals bekannten Erde lebt im Frieden. Die Römische Oberhoheit garantiert Frieden zwischen kulturell ganz unterschiedlichen Völkern im Römischen Weltreich. Das lässt Handel und Wohlstand blühen. Grandiose Architektur entsteht, die uns bis heute staunen lässt.
Die Pax Romana garantiert das Schwiegen der Waffen dachte ich. So wie das Nordatlantische Bündnis den Frieden bei uns in Europa.
Im Studium ist mir später klargeworden. Vom „Frieden auf Erden“ war die Realität der Pax Romana weit entfernt. Sie stand für einen Frieden der Sieger. Ein Frieden, in dem der Sieger die Regeln des Friedens diktiert.
Diese Erkenntnis ist für mich zu einem Schlüssel geworden, die Weihnachtsbotschaft „Friede auf Erden“ mit anderen Augen zu lesen. Mit den Augen der Hirten auf dem Feld, den Menschen, denen Jesus sich zuwandte. Ich begriff, dass die Pax Christi, der Friede Christi, den der Engel den Hirten zuruft, gerade den Menschen gilt, die von der Pax Romana nichts zu erwarten hatten.
Andreas Müller: Das stimmt noch mehr für die Menschen zur Zeit des Evangelisten Lukas als für die Menschen zur Zeit Jesu 50 Jahre davor. Da war vom römischen Frieden kaum noch etwas übrig: Der jüdische Aufstand war brutal niedergeschlagen und der Tempel in Jerusalem im Jahre 70 nach Christus zerstört worden. Auch andernorts im Römischen Reich kam es immer wieder zu Kämpfen.
Der evangelische Theologe Jörg Zink schrieb zur Friedenssehnsucht angesichts des Unfriedens in der Welt: „Das Wort vom FRIEDEN war zur Zeit des Lukas noch aktueller als zu der Zeit der Geburt Jesu. Er war nicht eine stille Hoffnung, die sich darin ausdrückte.
Es war der Verzweiflungsschrei jener Epoche, in der Lukas sein Evangelium schrieb.“
Stefan Fleischmann: Ja, den „Frieden“ der Mächtigen wurde von Jesus die Hoffnung und Erwartung eines wirklichen Friedens entgegengestellt: Die Engel verkündigen „Friede auf Erden den Menschen, die Gott liebt.“ Das Wort Frieden hat eine umfassende Bedeutung. Für die Bibel bedeutet Frieden: harmonische zwischenmenschliche Beziehungen, die aus einer gerechten, geschwisterlichen Gesellschaft hervorgehen. Ein solcher Frieden widerspricht der Pax Romana, dem obersten Ziel der Kaiser von gestern und heute. Der wahrhaftige Friede kann nur aus dem Zusammenleben von Menschen hervorgehen, die sich von Gott geliebt wissen. Sie sind es, die an einer Gesellschaft arbeiten, in der Gott erfahren werden kann.
Andreas Müller: Da bin ich ganz bei Dir. In der letzten Woche saßen die Mitglieder des runden Tischs der Religionen in der Synagoge in Moschendorf zusammen. Da sprach einer der Teilnehmer uns allen aus dem Herzen: „Wir sind doch alles Menschen. Von Gott geschaffen und geliebt. Deshalb möchte ich in unserer Stadt mit all meinen Nachbarn in Frieden leben. Auf die große Politik haben wir keinen Einfluss. Aber auf unsere Gemeinden hier. Bei uns müssen wir anfangen und unseren jungen Leuten zeigen. Alle Bewohner Hofs verdienen Respekt. Wir sind alle unterschiedlich. Aber wir wollen alle miteinander in Frieden leben.“
Ich höre in diesen Wochen immer wieder, dass es in Palästina nie Frieden gebe. Ich hör darin Resignation und Teilnahmslosigkeit. Und ich frage mich: Wie hört sich das in den Ohren unserer jüdischen Mitglieder an, die sich seit dem Massaker der Hamas bei uns unsicher fühlen?
Ich möchte gegen die Angst von einer kleinen Begegnung erzählen. Am Tag vor dem 7. Oktober besuche ich mit meiner Familie Bethlehem. Die Geburtskirche, die Banksy Ausstellung im Schatten der 6 Meter hohen Betonmauer, die den Westen Bethlehems umgibt. Zwei Straßen weiter stoßen wir zufällig auf ein Gartencafe. Wir lassen uns in der Nachmittagshitze nieder. Cola und Cappuchino. Wir staunen über die Oase am Rande der Altstadt. Kommen ins Gespräch mit seinem Besitzer. Er erzählt davon, wie er als Architekt in Kalifornien gearbeitet habe. Vor sechs Jahren er das Gefühl gehabt, es müsse zurück in seine Heimat. Zurück nach Palästina. Er wolle dem Land seiner Kindheit zurückgeben, wofür er in seinem Leben Gott dankbar sei. Er wünsche sich Frieden. Das hier sei ein Anfang.
Mir ist dieser hoffnungssture Mann zu einem Engel geworden. Er verkündigt auf sein Weise: „Fürchtet Euch nicht. Ich verkündige euch große Freude. Ehre sie Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen, die Gott liebt.“