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Geburt Johannes des Täufers: „Lied im Mittsommer“

Sommer
Datum:
Veröffentlicht: 24.6.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann

Liedinterpretation: GL 465,1-4

Mich ergreift immer wieder ein merkwürdiges Gefühl – jedes Mal, wenn der Kalender mir anzeigt: Der längste Tag des Jahres ist schon vorbei!

Liebe Schwestern und Brüder,

mich ergreift immer wieder ein merkwürdiges Gefühl – jedes Mal, wenn der Kalender mir anzeigt: Der längste Tag des Jahres ist schon vorbei! Jetzt werden die Tage wieder kürzer. In einem neuen Kirchenlied klingt das so: „Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht. Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut!“ „Lied im Mittsommer“ lautet die Überschrift dieses Liedes, das der Lieddichter Detlev Block 1978 getextet hat. Hierfür nahm er eine Melodie aus dem Jahre 1575 von Johann Steurlein. Detlev Block lebte in Bad Pyrmont und war lange Zeit evangelischer Pastor. Er erstarb 2022 im Alter von 87 Jahren.

„Lied im Mittsommer“, darunter könnte man  ausgelassene Feiern und frohe Gemeinschaftsrunden verstehen. Die lauen Nächte bieten hierfür eine gute Gelegenheiten, so auch das alljährliche Johannes- oder Sonnwendfeuer – mittendrin im Auf und Ab des Lebens auch einmal die Fünfe grad sein zu lassen – zumal in der Jahresmitte oft der Urlaub und die Ferien nicht mehr weit sind. Man mag deshalb verwundert sein, dass in diesem Lied auch Themen wie Abschied und Vergänglichkeit angesprochen werden. Daher klingt das Lied beim ersten Hören  ein wenig merkwürdig.

465 – Strophe 1

Das Jahr steht auf der Höhe,
die große Waage ruht.
Nun schenk uns deine Nähe

und mach die Mitte gut.
Herr, zwischen Blühn und Reifen

und Ende und Beginn.
Lass uns dein Wort ergreifen
und wachsen auf dich hin.

„Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht.“ Was hat die Jahresmitte mit der Waage zu tun? Sie hat einen doppelten Sinn, so schreibt einmal Detlev Block. Die Waage bezieht sich auf einen Schwebezustand: Zwischen dem Auf und Ab der beiden Waagschalen gibt es nur einen Punkt des Gleichgewichtes. So ist es auch mit dem Tageslicht im Jahreslauf. Die Waage erinnert uns daran, auf das Heute zu achten. Darum besingt das Lied: „Herr, zwischen Blühn und Reifen und Ende und Beginn, lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin.“ In diesem Kontext der Veränderung und Umbrüche - auch verbunden mit den länger werdenden  Nächten des Lebens -  möchte der Autor  den Bogen zum Wachsen im christlichen Glauben schlagen, sich unter Gottes Schutz und Führung zu stellen: „Begegne unseren Ängsten mit deiner Liebe Macht.“

465 - Strophe 2

Kaum ist der Tag am längsten,
wächst wiederum die Nacht.
Begegne unsren Ängsten
mit deiner Liebe Macht.
Das Dunkle und das Helle,
der Schmerz, das Glücklichsein
nimmt alles seine Stelle
in deiner Führung ein.

Aber gleichzeitig, so schreibt Detlev Block, ist ihm das Zeichen der Waage auch wichtig als ein sommerliches Sternbild. Er ist nicht nur Pastor, sondern auch Astronom. Und er weiss genau: An den Juniabenden erreicht das Sternbild der Waage seinen höchsten Stand. Danach sinkt es allmählich in den Westen ab. Der ganze Kosmos erinnert daran, dass wir den Moment, die Gegenwart nicht verspielen dürfen. Wir sollen wach sein und bereit,  leben und tun, was uns unmittelbar vor den Füßen liegt: geschenkte Zeit durch den Schöpfer und seine Schöpfung. D. h. aber auch die Tage loszulassen und was vergänglich ist. Und  vielmehr das Ziel ins Augen zu fassen, „Das du, Herr, selber bist.“ Man könnte auch sagen: Gott als Erfüllung im Hier und Heute und zugleich als Erfüllung im Dann und Dort. Nur unter dieser Perspektive können wir das Loslassen „hoffnungsvoll“ lernen und immer wieder – Jahr für Jahr – einüben.

465 Strophe 3

Das Jahr lehrt Abschied nehmen
schon jetzt zur halben Zeit.
Wir sollen uns nicht grämen,
nur wach sein und bereit,
die Tage loszulassen
und was vergänglich ist,
das Ziel ins Auge fassen,
das du, Herr, selber bist.

Die christliche Überlieferung hat dieses Bild von der Waage übrigens an der Gestalt Johannes des Täufers festgemacht. Er sagte einmal: „ER muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh. 3,30) Johannes ist nicht Christus, sondern er weist auf den Größeren hin.  Johannes spürt die Sehnsucht der Menschen und zeigt ihnen den Weg zu Jesus. Darum begehen wir am 24. Juni den Geburtstag des Johannes, wenn die Tage wieder kürzer werden. Genau 6 Monate vor  Weihnachten, der Geburt Jesu Christi, am 24.12. Da nimmt das Licht von Tag zu Tag wieder zu. „ER muss wachsen, ich muss abnehmen.“ Dieses Wort des Täufers Johannes über Jesus versteckt sich in den beiden Eingangsversen der vierten Strophe: „Dein Jahr nimmt zu für immer, und unser Jahr nimmt ab.“ Vergänglichkeit und Grab stehen dem Morgenschimmer eines jeden neuen Schöpfungstages und der Auferstehungshoffnung gegenüber, vielmehr als Bitte formuliert: „dass sich der innere Mensch läutert und durch dich  aufersteht.“ Inmitten der Veränderung und Vergänglichkeit gibt es ein Morgen der Auferstehung – inmitten unseres Alltag und am Ende unseres Lebens. Dieses Bild erinnert mich an die Ostergeschichte: „Als es Morgen war, stand Jesus am Ufer. “ (Joh 21,4)

465, Strophe 4

Du wächst und bleibst für immer,
doch unsre Zeit nimmt ab.
Dein Tun hat Morgenschimmer,
das unsere sinkt ins Grab.
Gib, eh die Sonne schwindet,
der äußre Mensch vergeht,
dass jeder zu dir findet
und durch dich aufersteht.