Gedanken zum Johannestag

Heute und morgen werden die Johannisfeuer angezündet, wenn das Wetter es zulässt. Das ist schön; es braucht Feste, um die Menschen zusammenzubringen.
Johannisfeuer – oder doch Sonnwendfeuer? Die alten Germanen feierten das Sonnwendfeuer zu Ehren des sterbenden Lichtgottes; denn mit dem Mittsommertag werden die Tage wieder kürzer, nimmt das Licht ab und die Dunkelheit zu. „Diesen tief eingewurzelten Brauch mit Kultfeuer und Kulttänzen gelang es in den Jahrhunderten der Germanenmission durch das Feuer der Johannesnacht christlich umzudeuten“ – so das Kleine Lexikon des Christlichen Brauchtums. Christus ist das aufsteigende Licht, der Täufer Johannes das absteigende Licht.
Für uns Christinnen und Christen ist der Mittsommertag, der 24. Juni, das Geburtsfest von Johannes dem Täufer. Er ist der Wegbereiter für Jesus; im Johannesevangelium weist der Täufer mit eigenen Worten auf seine Lebensaufgabe hin: „Er (Christus) muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3,30).
Verzichten für andere fällt nicht leicht
Sein Geburtsfest erinnert an die wundersamen Begebenheiten, deren Zeugen seine Eltern Zacharias und Elisabeth werden - alles nachzulesen im ersten Kapitel des Lukasevangeliums.
Da schwingt für mich so vieles mit in diesen Worten des Täufers: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“: Wer von uns macht das schon gerne: kleiner werden, damit jemand anderes wachsen kann? Verzichten für andere fällt zu keiner Zeit leicht, gepflegter Egoismus ist irgendwie ein attraktiver Lebensstil.
Der Gedanke, dass das Morgen für andere bereits durch uns im Heute vorbereitet wird, scheint an manchen Stellen verloren gegangen zu sein; eine nicht mehr tragfähige Bevölkerungspyramide und die damit zusammenhängende Diskussion um fehlende Fachkräfte scheinen das zu bestätigen.
Zukunftsmodell?
Die engagierten Debatten rund um das Klima zeigen aber auch ein wachsendes Bewusstsein, dass wir Heutigen den Menschen morgen entweder Hypotheken oder Guthaben hinterlassen, je nachdem, wie wir leben.
Das Lebensmodell von Johannes dem Täufer kann ein Zukunftsmodell sein: Der Zukunft den Weg zu bereiten als Eltern, die Kindern das Leben schenken und ihr Heranwachsen fördern; als Menschen, die die Schöpfung bewahren; als Frauen und Männer, die mit dem Leben vom Anfang bis zum Ende achtsam umgehen; als Menschen, die also den Mut haben, kleiner zu werden, damit andere wachsen können.
Ich wünsche allen, die den Namen Johannes tragen, einen gesegneten Namenstag.
Ich wünsche allen, die heute oder morgen auf ein Johannisfeuer gehen, viel Freude und gute Begegnungen.
Und ich wünsche uns allen den Lebensmut und den Glaubensmut, der den Täufer Johannes ausgezeichnet hat: Wege zu bereiten ist eine segensreiche Aufgabe, kleiner werden, damit andere wachsen können – ohne Angst, zu kurz zu kommen.