Gedanken zur Fastenzeit

„Getreuer Gott, im Vertrauen auf dich beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Buße. Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht, damit wir dem Bösen absagen und mit Entschiedenheit das Gute tun.“ Das Tagesgebet des Aschermittwochs, das wir heute gehört haben, berührt mich immer wieder. Es ist Programm nicht nur für diesen Tag, sondern für die gesamte Fastenzeit. Getreuer Gott, im Vertrauen auf dich beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Buße: Das ist das Erste, der Ausgangspunkt von allem: das Vertrauen auf Gott. Wir beginnen diese 40 Tage gerade nicht damit, dass wir das Vertrauen in unsere eigenen Selbstheilungskräfte beteuern, beginnen nicht damit, dass wir unsere guten Vorsätze formulieren. Nein, wir beginnen die Fastenzeit damit, dass wir uns auf Gott beziehen, den anrufen, der durch die Heilsgeschichte hindurch seine Treue gezeigt hat und uns Menschen treu bleibt. Damit wird deutlich: Fastenzeit ist nicht eine Art von religiösem Trainingslager, sondern erneuerte Ausrichtung auf Gott. Ansonsten würden wir uns doch wieder nur um uns selbst drehen. In vielen Spielarten der Fastenzeit, die es inzwischen ja auch gibt, weil man den Wert von körperlicher und geistiger Entschlackung entdeckt hat, ist das ja auch so: Die Fastenzeit wird verstanden als Zeit erhöhter Sorge und Aufmerksamkeit auf sich selbst. Ich will nicht leugnen, dass darin durchaus Richtiges und Wichtiges steckt, aber leicht besteht die Gefahr, dass man am Ende doch nur Nabelschau betreibt. Die heiligen 40 Tage dagegen wollen uns gerade die Chance bieten, Kopf und Herz herauszustrecken aus dem Kreislauf, in den wir durch unsere alltägliche Arbeit und unsere Gewohnheiten eingespannt sind. Wie das geht, sagt uns der zweite Satz des Gebetes. Es ist die eigentliche Bitte: Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht, damit wir dem Bösen absagen. Das klingt nun einigermaßen antiquiert. Wer spricht heute noch von christlicher „Zucht“? Manch einem steigen unangenehme Bilder aus der Schulzeit auf, als noch Zucht und Ordnung herrschten . Wenn wir aber auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes hören, nach der Wortwurzel fragen, dann kann sich für uns ein positiver Sinn von „Zucht“ erschließen. Denn Zucht kommt schließlich von ziehen. Das bedeutet: Richtig verstandene Zucht, d.h. ein gutes Maß und die rechte Ausrichtung des Lebens werden nur demjenigen gelingen, der sich von etwas ziehen lässt, sich anziehen lässt, innerlich gezogen wird. Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht, heißt: Um den Mut zu bitten, Gott als die Grunddynamik meines Lebens anzuerkennen. Damit erschließt sich auch der zweite Teil der Gebetsbitte. Denn die Bitte gibt sich nicht damit zufrieden, dass wir dem Bösen abzusagen, sondern sie will auch, dass wir mit Entschiedenheit das Gute zu tun. Christsein ist eben nicht nur Abkehr vom Bösen, sondern Hinkehr zum Guten. Das gilt für uns Christen umso mehr, als wir davon überzeugt sind, ein Gesicht hat: das Gesicht Jesu von Nazaret. Er ist der Gute, das Gute in Person. Mehr als alle anderen Zeiten des Kirchenjahres steht die Fastenzeit im Zeichen des Kreuzes. Es ist der Anziehungspunkt, der Bezugspunkt für uns Christen schlechthin. Da möchten wir neu den entdecken, der der Motor unseres Lebens als Christen ist: Jesus, der Gekreuzigte. Und warum beim Anblick des Kreuzes nicht - laut oder leise - die Bitte formulieren: »“Herr, lass mich neu angezogen werden von deiner Barmherzigkeit und Liebe. Dann finde ich die Kraft, mich zu ändern.“ Das wünsche ich uns für diese österliche Bußzeit.
Ihr/ Euer Bernhard Kuhn
Ehrenamtlicher Mitarbeiter im Seelsorgebereich Hofer Land