Hab Mut, steh auf!

„Hab Mut, steh auf, er ruft dich!“
Wir kennen die Geschichte aus dem Markusevangelium; gleichzeitig ist der Vers das Motto des diesjährigen Katholikentages 2026 in Würzburg.
In jener Zeit, als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jéricho verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbúni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.
Einige Impulse möchte ich uns mitgeben:
1. Der blinde Bartimäus spricht Jesus unmittelbar an: Jesus heißt „Retter“, „Heiland“, „Erlöser“. Obwohl er Jesus nicht sieht, nimmt er ihn ganz genau in den Fokus. „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Es ist ein „letzter“ Hilfeschrei voller Sehnsucht. Gleichzeitig lässt Bartimäus sich aus seiner Komfort- und Schutzzone herauslocken: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich!“ Es gibt einen Spruch, den ich sehr gerne habe: „Auf Gott vertrauen, als ob alles von Gott, und auf die eigenen Kräfte vertrauen, als ob alles von dir abhängt.“ Diese Gestaltungsfreiheit, die manchmal auch eine Zumutung sein kann und gleichzeitig dieses Vertrauen sind wichtig, um in dieser komplexen Zeit Gesellschaft und Kirche konstruktiv und wertebasiert mitzugestalten.
2. „Viele Menschen befahlen ihm zu schweigen?“ Wer sind die Menschen, die heute zum Schweigen gebracht und mundtot gemachen werden? Es sind die Armen, die Unterdrückten, die Unbequemen, die Propheten, etc. Letztlich gehört auch Jesus dazu, den sie nicht hören wollten und aufs Kreuz gelegt haben. Es ist scheinbar einfacher um sich herum Menschen zu scharen, die ins gleiche Horn blasen. Jedoch können gerade die Menschen eine große Bereicherung sein, die uns auf dem linken Fuß erwischen und unsere starre Meinung und enge Perspektive hinterfragen. Das ist manchmal sehr anstrengend. Jesus lässt sich stören. Jesus ist achtsam, was um ihn geschieht. Jesus bleibt stehen und hält inne: „Ruft ihn her!“ Dabei nimmt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger in die Pflicht, genau hinzuschauen und mit anzupacken.
3. „Was willst du, dass ich dir tue?“ Der Mensch, seine Würde, seine Einmaligkeit in der Bedürftigkeit stehen für Jesus an erster Stelle. Jesus fragt nach, um sich zu vergewissern, wo wirklich der Schuh drückt. „Was willst du, dass ich dir tue!“ Die Versuchung ist groß, vorzeitig und voreilig zu wissen, was mein Nächster braucht! Auf diese Weise wird der Mensch zum Objekt. Im aufmerksamen Zuhören wird nach und nach das Thema hinter dem Thema offenbar. Jesu Herz ist groß; er leidet mit; er zeigt Erbarmen. Sein Handeln orientiert sich ganz am Menschen.
4. „Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.“ Der Evangelist Markus bietet mit diesem Abschnitt eine letzte Heilungserzählung, bezeichnenderweise auf dem Weg nach Jerusalem. Die Stadt Jerusalem ist der Ort des Schreckens und der totalen Katastrophe: Leiden, Sterben und Tod Jesu. Die Heilung des blinden Bartimäus ist eine Wandlungsgeschichte. Sie lädt uns ein, wie die Jünger damals, tiefer zu sehen und zu glauben und Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zu folgen. Nur: Zeigt unser innerer Kompass wirklich nach Jerusalem? Es ist eine lebenslange Einladung, die wir annehmen oder auch ausschlagen können.
Liebe Schwestern und Brüder,
Sie sehen: Jede Bibelstelle schenkt Orientierung, sofern wir in den Text eintauchen und uns von Gottes Geist berührt inspirieren lassen.