Heiliger Heinrich II.

Liebe Schwestern und Brüder,
an der Adamspforte begrüßen das Kaiserpaar Heinrich und seine Gemahlin Kunigunde die Bamberger und die Touristen. Dem aufmerksamen Betrachter fällt auf, dass der linke Fuß des Kaisers kürzer ist als der rechte. Er wird durch eine kleine Steinplatte in Form eines Kissens abgestützt. Ein Makel, eine sichtbare Behinderung, die ins Auge sticht. Passt das zu einem Menschen, der Kaiser ist, der ein Volk regiert?
Wie kam Kaiser Heinrich zu dieser Verletzung? Eine alte Quelle bringt das Hinken mit einer Vision Heinrichs in Verbindung. Kaiser Heinrich habe sich – im Rahmen einer Fußwallfahrt - zum nächtlichen Gebet in der Höhlenkirche des Heiligtums in Apulien einschließen lassen.
Der Kaiser sah in einer Vision den himmlischen Gottesdienst der um Christus versammelten Engel und Heiligen. Dabei reichte auf Weisung des Herrn der Erzengel Michael dem in einem Winkel versteckten und vor Furcht zitternden Heinrich das Evangelienbuch zum Kuss. Um ihn zu ermutigen, berührte der Engel ihn leicht am Oberschenkel und sprach: Fürchte dich nicht, Erwählter Gottes steh schnell auf und empfange freudig das Zeichen des himmlischen Friedens, der dir geschenkt ist. Sofort wurde sein Schenkel kraftlos, und er musste von da an sein Leben lang hinken. Die Quelle schließt: Ähnlich in jeder Beziehung ging es dem seligen Jakob, dessen Hüfte beim Kampf mit dem Engel durch eine Berührung verletzt wurde.
Die Vision hat auf Heinrich doppelte Auswirkung. Einmal die Erfahrung der göttlichen Nähe und Bestätigung seiner Berufung, im Dienste Christi und Träger des göttlichen Friedens zu sein. Zum anderen bewirkt sie durch die Berührung des Engels das Hinken als körperliche Behinderung. Der Hinweis auf die Parallele auf das Alte Testament „Der Kampf des Jakob“ zeigt, dass in dieser Verletzung ein Segen und eine Heilszusage mit enthalten ist.
Liebe Schwestern und Brüder,
ich bin mir bewusst, dass diese Geschichte nicht leicht ist auf heute zu übertragen, zumal sie Leid aus der Sicht eines kranken Menschen mystifiziert und überhöht. Wer mitten im Leid steckt, krank und behindert ist, sieht keinen Sinn auf dem Weg, und schon gleich nicht Segen oder eine Heilszusage! Wo und wer bist du Gott? Was habe ich dir getan? Wer unfreiwillig Lasten schleppen muss, hadert, klagt, schreit!
Freilich, wir wissen nicht, in welcher Gesinnung Kaiser Heinrich II. seine Behinderung getragen hat. Hat er sehr unter seiner Behinderung gelitten – in der Ausübung seines Amtes, in der Familie, in der Gesellschaft? Wie stark war sein Glaube?
Wenn ich die Geschichte vom hinkenden Heinrich lese, dann fällt mir auf, dass sie aus der Retrospektive – im Nachhinein - geschrieben ist. „Leben kann man nur vorwärts, das Leben verstehen nur rückwärtsgewandt.“ Oft vermögen wir Ereignisse in unserem Leben erst im Nachhinein zu deuten und zu verstehen. Und manchmal sagen Menschen sogar: Aus einer Krankheit bin ich gestärkt und wie neu geboren hervor gegangen. Vielleicht ist es dem Kaiser und Bistumsgründer Heinrich ebenso gegangen.
In diesem Sinne lassen sie mich zwei Punkte sagen, was der „hinkende Heinrich“ uns heute noch zu sagen hat?
1. Eigene Schwächen annehmen und auf Gottes Stärke vertrauen
Trotz seiner körperlichen Behinderung hat er wohl sein Amt sehr gut ausüben können. Vielleicht hat Heinrich gelernt, diese Krankheit anzunehmen und mit dieser Schwachstelle seines Körpers zu leben. Der Umgang mit den eigenen Schwächen ist wohl Dreh- und Angelpunkt auch unseres eigenen Lebens. Ich denke, ob gesund oder krank, wir alle sind immer wieder in Gefahr, den starken Mann oder die starke Frau zu spielen. Dabei machen wir uns selbst etwas vor! Der Mensch ist nicht nur stark und leistungsfähig, sonder auch physisch und psychisch sehr verletzlich. „Dreimal“, so beschreibt Paulus seine Krankheit, „habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans, dieser Stachel im Fleisch, von mir ablasse.“ Dem Paulus wurde geantwortet: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ Der an Lende und Fuß behinderte heilige Heinrich macht deutlich, dass Begnadung sich immer in Schwäche vollzieht. Nur geöffnete und leere Hände werden gefüllt mit Gottes Kraft und Stärke.
2. Offener Umgang mit der Gebrechlichkeit des Menschen
Die Behinderung Kaiser Heinrichs II. wurde von Anfang an nicht versteckt. Krankheit, Alter und Behinderung werden – trotz vieler medizinischer Möglichkeiten – immer zum Menschensein gehören. Der Mensch ist und bleibt Abbild und Geschöpf Gottes, wenngleich er nicht Gott selbst ist. Der Mensch ist nicht unsterblich, sondern sterblich.
Die Menschen sind in dieser Hinsicht, was Krankheit, Behinderung und Sterben betrifft, sprachlos geworden, und doch ist die Sehnsucht groß, darüber zu sprechen. Es wird unsere Aufgabe sein, zum einen die Schwächsten unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken, und auf der anderen Seite die Menschen mit ihren Fragen und Ängsten nicht alleine zu lassen. Die Statue des hinkenden Heinrich fordert nahezu einen offenen Umgang mit der Gebrechlichkeit des Menschen und eine Auseinandersetzung mit dieser.
Liebe Schwestern und Brüder,
unser Erzbistum feiert morgen/heute das Heinrichsfest. Heinrich ist für mich deshalb ein Heiliger, weil er als Kaiser und Herrscher, als Mensch mit seinen Gebrechlichkeiten sein Leben zurückgebunden hat an Gott. Mögen wir – wie Heinrich - unser Leben an Gott zurück binden. Mögen wir – wie der heilige Heinrich - unsere Vollendung finden in Gott. Mögen wir das ewige Leben erlangen bei Gott.
Amen.