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Heiliger Martin 2023

St. Martin
Datum:
Veröffentlicht: 11.11.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann
Es ist schon erstaunlich, dass uns der Heilige Martin von Tours über die Jahrhunderte hinweg erhalten geblieben ist: vor über 1600 Jahren hat er gelebt, geboren im heutigen Ungarn. Seitdem erfährt er als Heiliger der Nächstenliebe große Verehrung bis in unsere Zeit.

Liebe Schwestern und Brüder,

1)    es ist schon erstaunlich, dass uns der Heilige Martin von Tours über die Jahrhunderte hinweg erhalten geblieben ist: vor über 1600 Jahren hat er gelebt, geboren im heutigen Ungarn. Seitdem erfährt er als Heiliger der Nächstenliebe große Verehrung bis in unsere Zeit. Und wer kennt nicht das Sankt Martinslied „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind.“ Der heilige Martin hätte  in die Kirchengeschichte gut als Taufbewerber, als Soldat, als Bischof oder als Klostergründer eingehen können. Nein, es sind seine Spuren der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit, die in unsere Zeit führen – zeichenhaft in der Mantelteilung.

2)    In der Pfarrkirche St. Martin in Bamberg ist der geteilte  Mantel in Stein gehauen über den Altar gelegt, eine Gürtelschließe zeigen Reliquien von Heiligen, die Jesus Christus ebenso nachgefolgt sind.  Ein starkes Zeichen –im Brechen des Brotes auch unser Leben zu teilen! Der heilige Martin hat nicht den Martyrertod erlitten. Die Kirche hat schon damals erkannt, dass sich die Heiligkeit  in unterschiedlicher Weise im Leben eines Menschen entfaltet.

3)    Sulpicius Severus (360-425) hat uns seine Geschichte überliefert, wir kennen sie alle;  es ist eine Geschichte, die sich in einem großen Wandel ereignete, als die Kirche in vollen Zügen die Vorteile einer Ausbreitung des Christentums und die Anerkennung als Staatsreligion  im Römischen Reich genoss.  Sulpicius Severus schreibt: „Es geschah dies mitten in einem ungewöhnlichen kalten Winter, in welchem viele Leute erfroren. Da traf er unter dem Thor von Amiens einen halbnackten Bettler, welcher die Vorübergehenden um Mitleiden anflehte, ohne von Jemand beachtet zu werden. Der von Gott schon sehr begnadigte Martinus dachte daher, an diesem Menschen Barmherzigkeit zu üben, sei eine ihm vorbehaltene Freude. Aber was konnte er thun?“ Diese Geschichte greift das so sehr bekannte Martinslied aus dem Jahr 1900 auf.

545,1-5

4)    Gut, man mag fragen, was ist das Besondere an dieser  Geschichte? Warum ist den Menschen im Laufe der Jahrhunderte  diese Begegnung von Martin und Bettler so wichtig und wertvoll geworden und auch geblieben? Warum gehört der Kern dieser Geschichte zum Proprium des Christseins? In dieser Geschichte spiegeln sich die Verse aus dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums vom „Jüngsten Gericht“ wieder: „Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. (...) Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder und Schwestern  getan habt, das habt ihr mir getan.“ Sozusagen Gottes- und Nächstenliebe sind nicht  voneinander zu trennen und können nicht gegenseitig ausgespielt werden. Sulpicius beschreibt es so: „In der darauffolgenden Nacht wurde er im Traumgesicht entzückt. Er sah Christum den Herrn, angethan mit seinem halben Kriegsmantel, womit er den Armen schützend bedeckt hatte.“

545,6-8

Gestern hatten die Kinder der KITA  St. Konrad Probe für ihr Martinsspiel, das sie morgen aufführen werden. Ich habe gefragt: „Wer ist der Heilige Martin?“ „Ich, ich“, meldete sich der Junge. „Und wer ist der Bettler?“ „Ich.“ Ich habe genauer hingeschaut:  Beide Kinder Hand in Hand,  sozusagen wir gehören zusammen. Das war ein schönes, aber auch bewegendes Bild.

Wie gehen wir heute mit dieser Geschichte um, die wir seit Kindesbeinen kennen und die so sehr in unseren Herzen verwurzelt ist? Das Handeln des Heiligen Martin lehrt uns ein Vierfaches: 

1)    Die Solidarität mit den Armen und Bedürftigen. Diese Solidarität beginnt damit, sich in der Begegnung eines Mitmenschen  im Innersten berühren zu lassen. Das macht unser Menschsein aus, sich im Innersten von seiner Not berühren und aufrütteln  zu lassen, auch wenn wir nicht immer helfen können!

2)    Nicht alles haben zu müssen. Eine kurze Begebenheit, als ich in der Innenstadt unterwegs war. Eine Frau fragte einen am Haus sitzenden Mann: „Ich habe eine Jacke übrig, jetzt für den Winter. Können Sie diese brauchen.“ -  „Nein“, sagt er.  „Ich habe eine Jacke. Diese genügt mir. Was soll ich damit!“ Ich habe dabei spitze Ohren bekommen.

3)    Die Würde bleibt – für immer. Angesichts des Leids in der Welt und unserer Geschichte  ist mir der Artikel 1 unseres Grundgesetzes umso wichtiger geworden.

4)    In der Armut des Anderen seine eigene Bedürftigkeit und Grenzen sehen. Letztlich dürfen und müssen wir alle unsere leeren Hände unseres irdischen Lebens erheben, damit Gott selbst sie füllen kann, mit seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit und Gnade.

So beten wir heute im Tagesgebet: „Lass auch in uns die Macht deiner Gnade wirksam sein, damit weder Tod noch Leben uns von deiner Liebe trennen“. Amen.