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Herr, rette mich!

Jesus und Petrus auf dem See Genezareth
Datum:
Veröffentlicht: 15.8.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann

Von Anfang an schaut die christliche Gemeinde auf Petrus. Er wurde als Erstes in die Nachfolge Jesu gerufen. Er war der Wortführer im Bekenntnis, aber sein Versagen stand seinem Glaubensüberschwang nicht nach. Beim ihm sind tiefer Glaube und großer Zweifel und Angst ganz nah beieinander. Kaum jemand zeigt dieses Ineinander von Zweifel, Angst und Glaube, von Bekennen und Versagen, so drastisch und so beispielhaft wie Petrus. Das ist die erste Aussageabsicht des heutigen Evangeliums nach Matthäus.

Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.“ Das heutige Evangelium ist kein historischer Bericht! Der Gang des Petrus auf dem See, nur der Evangelist Matthäus allein schreibt in der Mitte seines Buches darüber, bezeugt eine Wahrheit in theologischer Sprache. Niemand war in seinem Scheitern und in seinem Zweifel glaubwürdiger als Petrus, weil er es ganz offen zeigte: „Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!“

Eigentlich eine sehr menschliche Haltung: Wir schauen uns um, was uns alles umgibt, wie hoch die Wellen unseres Lebens und unserer Welt schlagen, und bekommen es mit der Angst zu tun. Angst ist zunächst eine ganz normale Reaktion des Menschen. Evolutionär gesehen eine Art „Warnleuchte“, die uns sagt: „Achtung, hier ist ein Problem!“ Wenn wir uns so umschauen, kann uns Vieles Angst machen: die Kriege, die Katastrophen, die Inflation, die Preissteigerung, der Klimawandel bis hin zum Waldsterben. Und wer unmittelbar betroffen ist, bekommt es mit der Angst zu tun bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen: Wenn Menschen bei Waldbränden in Griechenland oder bei der Flut im Ahrtal im vergangenen Jahr oder gegenwärtig in Slowenien ihr Hab und Gut, ihre ganze geschaffene Existenz von heute auf morgen verlieren. Jeder Mensch geht anders damit um: für den einen aktivierend „jetzt erst recht“, „das schaffen wir“, „das packen wir gemeinsam an“; andere haben das Gefühl, immer mehr mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Warum erzähle ich das? Weil es unredlich ist, den Menschen zusätzlich Angst einzujagen! Weil wir innerhalb unserer Gesellschaft mehr Verständnis füreinander benötigen! Und weil fachkundige Hilfe nötig ist, die es zu finanzieren gilt und die auch im Bedarfsfall angenommen werden sollte.

Liebe Schwestern und Brüder!

In der 4. Nachtwache kommt Jesus zu seinen Jüngern: das ist zwischen 3 und 6 Uhr, sozusagen als ein neuer Morgen anbricht, der an den Ostermorgen erinnert: „Herr, rette mich!“ Es sind die Worte unzähliger Menschen, es sind auch manchmal meine Worte geworden. In der Unübersichtlichkeit der multiplen Krisen unserer Zeit und den ganz persönlichen Herausforderungen unseres Lebens sind wir umso mehr eingeladen, in den verschiedenen Lebenslagen Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, in den Blick zu nehmen. „Herr, rette mich!“ Ein Stoßgebet inmitten eines mühsamen Alltags.

Ein Bild von meiner Oma erinnert mich daran, wie viel Kraft unsere Vorfahren aus dem christlichen Glauben gezogen haben. Jesus sagt: „Habt Vertrauen, ich bin es!“ Vom Griechischen wörtlich genau übersetzt heisst das: „Habt Mut, habt Zuversicht!“ Die Jünger können auf dem Hintergrund des Alten Testaments (vgl. Jes. 43,16; Ps 46) das Bild vom wandelnden Jesus auf dem See deuten: Er, Jesus, steht über den Mächten des Bösen und des Todes und über dem ganzen Chaos des Gegenwindes.

Liebe Schwestern und Brüder,


Jesus ergreift seine Hand: „Du Kleingläubiger!“

Sein Glaube war trotz seines Zweifels größer als die Angst.

Gerade deswegen hat ihn Jesus nicht getadelt, sondern aus dem Wasser gezogen. Die Anrede „du Kleingläubiger“ ist eine Beschreibung unseres menschlichen Glaubens, aber auch unserer Überheblichkeit "wenn du es bist, dann befiel" (vgl. Versuchung Jesu in der Wüste), mit der wir kläglich unterzugehen drohen. Der Untergrund schwankt und die Bedrohungen erschrecken, aber am Ende bleibt trotz aller Angst und allem Zweifel die Verbindung zu Jesus, weil Jesus sagt: „Komm“, und uns zutraut, die Angst zu überwinden und die größtmögliche Freiheit in IHM zu erlangen: „Wahrhaft, du bist Gottes Sohn.“