Zum Inhalt springen

Ihr alle seid Brüder

Bernhard Lichtenberg
Datum:
Veröffentlicht: 5.11.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann

„Was gestern war, wissen wir. was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt: Draußen brennt die Synagoge. Das ist auch ein Gotteshaus.“

Liebe Schwestern und Brüder,

heute jährt sich der 80. Todestag unseres Pfarrpatrons Bernhard Lichtenberg. Das eben gehörte Zitat stammt aus dem Jahr 1938, nach dem Abend des 9. November 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, als die Nationalsozialisten im ganzen Deutschen Reich die Synagogen in Brand steckten. Damals bestieg der Domprobst die Kanzel der Sankt-HedwigKathedrale in Berlin und sprach seine eben gehörten berühmten Worte. Von da an betete Lichtenberg drei Jahre lang Abend für Abend öffentlich für die Juden und „nichtarischen“ Christen wie auch für alle anderen Verfolgten der Nationalsozialisten, bis er dann eben im Oktober 1941 verhaftet wurde.

Im heutigen Evangelium heißt es: „Ihr alle seid Brüder.“ Nehmen wir diese Worte Jesu in unsere Herzen auf: „Ihr alle seid Brüder!“ Ja, wir sind Glaubensgeschwister: Christen – Juden - Muslime. Das kam im täglichen Gebet Bernhard Lichtenbergs zum Ausdruck. Jesus war ein Jude. Weder das Christentum noch der Islam sind ohne Abraham und Mose denkbar.

Die Formulierung eines „Heiligen Krieg“ muss uns fremd sein und fremd bleiben. Wir dürfen uns nicht weiter entfremden, sondern uns erinnern, dass wir trotz aller Differenzen ein gemeinsames Erbe verantworten und weitertragen. Der Gott unseres Glaubens als dem Grund unserer Hoffnung ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Himmel und Erde geschaffen hat und den wir mit dem jüdischen Volk und auch mit der Religion des Islam öffentlich bekennen, so wie wir alte Hoffnungsrufe bis in unsere Tage weiterbeten – z. B. Psalm 55: „Mein Herz ängstigt sich in meiner Brust, und die Schrecken des Todes befallen mich. Hätte ich doch Flügel wie eine Taube. Ich rufe zu Gott, und der Herr wird mir beistehen.“

Es ist daher sehr wertvoll, dass es in Hof einen Runden Tisch der Religionen gibt, um miteinander im Dialog zu bleiben, um sich des Glaubens an einen Gott zu vergewissern, wenngleich in verschiedener Weise: Für mich ist und bleibt Jesus Christus «der Weg, die Wahrheit und das Leben». Aber ich respektiere, dass «der Weg, die Wahrheit und das Leben» für Juden die Thora, für Muslime der Koran ist. In diesem Jahr habe ich begonnen, Begegnungsmöglichkeiten mit der jüdischen und muslimischen Gemeinde zu suchen. Es war immer ein „Herzliches Willkommen“ und ein großer Respekt zu spüren, wie wir einander Moschee, Kirche und Synagoge betreten haben. Noch viele andere Berührungspunkte, z. B. im KITA-Bereich könnte ich aufführen. „Ihr alle seid Brüder!“

Der selige Bernhard Lichtenberg erkannte klar, dass dort, wo die Wahrheit Gottes nicht mehr geachtet wird, auch die Würde des Menschen verletzt wird. Wo die Lüge herrscht, regiert auch immer das falsche und böse Handeln. Ich zitiere aus dem Protokoll seiner ersten Vorführung vor den Nazirichtern: „Die Taten eines Menschen sind die Konsequenz seiner Grundsätze. Sind die Grundsätze falsch, werden die Taten nicht richtig sein. Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen.“ Und er nannte auch einige dieser falschen Grundsätze deutlich und klar beim Namen: die Beseitigung des Religionsunterrichts in den Schulen, Kampf gegen das Kreuz, absichtliche Tötung angeblich lebensunwerten Lebens, die Judenverfolgung.

Mehr denn je ist unser Pfarrpatron mutiger Zeuge und großes Vorbild, auch heute das Wort zu erheben, wenn falsche Grundsätze wieder zu falschen Taten führen und wenn die Würde des Menschen verletzt wird. Als Christen sind wir berufen, für das Leben Zeugnis zu geben, festzuhalten am Leben, das Christus ist. Sich gerade für die schwächsten der Gesellschaft einzusetzen: die Ungeborenen, die Schwerstkranken, die Alten, die vielen Notleitenden der Welt.“ „Ihr alle seid Brüder.“

Als Christen brauchen wir keine bequemen und angepassten Zeitgenossen sein, die ihre Identität aufgeben. Wir brauchen uns auch nicht zu verstecken, weil wir zu Christus gehören, weil in ihm die Liebe Gottes offenbar geworden ist und wir durch ihn leben und zum ewigen Leben gelangen. Unsere Zeit verlangt vielmehr, dass wir Christen bleiben, dass wir unseren Glauben bewahren und leben und feiern und als wesentlichen Anteil in unsere Gesellschaft einbringen. „Ihr alle seid Brüder!“

Liebe Schwestern und Brüder, ein Gebet von Hans Küng, dem großen Theologen, nicht zuletzt durch sein Projekt „Weltethos“, soll gleichzeitig unser heutiges Fürbittgebet, das uns mit den Religionen unserer Stadt verbindet. 

Verborgener, ewiger, unermesslicher, erbarmungsreicher Gott,

ausser dem es keinen anderen Gott gibt.

Gross bist Du und allen Lobes würdig.

Deine Kraft und Gnade erhält das All!

Du Gott der Treue ohne Falsch, gerecht und wahrhaftig,

hast den Abraham, Deinen Dir ergebenen Diener, zum Vater vieler Völker

erwählt und hast gesprochen durch die Propheten.

Dein Name sei geheiligt und gepriesen in aller Welt,

und Dein Wille geschehe, wo immer Menschen leben.

Lebendiger und gütiger Gott, erhöre unser Gebet:

Gross geworden ist unsere Schuld.

Vergib uns Kindern Abrahams unsere Kriege,

unsere Feindschaften, unsere Missetaten gegeneinander.

Erlöse uns aus aller Not und schenke uns den Frieden.

Segne Du, Lenker unseres Geschicks, die Leiter und Führer der Staaten,

dass sie nicht gieren nach Macht und Ehre,

sondern handeln in Verantwortung

für das Wohlergehen und den Frieden der Menschen.

Führe Du unsere Religionsgemeinschaften und ihre Vorsteher,

damit sie die Botschaft vom Frieden nicht nur verkünden,

sondern auch selber leben.

Uns allen aber, und auch denen,

die nicht zu uns gehören, schenke Deine Gnade,

Barmherzigkeit und alles Gute, und führe uns Du,

Gott der Lebendigen, auf dem rechten Weg in Deine ewige Herrlichkeit.

Amen.

Bernhard Lichtenberg Wallfahrt 2022
Bernhard Lichtenberg Wallfahrt 2022