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Jeder Tag eine Chance

Stift
Datum:
Veröffentlicht: 31.3.22
Von:
Stefan Fleischmann

Jeder neue Tag ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Freilich, so ein leeres Blatt lässt erst einmal zurückschrecken; vielleicht macht es sogar Angst:

„Was kommt heute auf mich zu?“

„Welchen Menschen werde ich heute begegnen?“

„Wie wird meine Lebensseite am Ende des Tages wohl ausschauen?“

Aber der Beginn eines neuen Tages ist auch eine Chance, mich mit meinen Talenten und Fähigkeiten einzubringen und den neuen Tag anzupacken und schöpferisch zu gestalten.

Die gegenwärtige Zeit raubt uns manchmal den Atem, sie macht ratlos und ohnmächtig, überfordert uns und bringt uns an menschliche Grenzen. Resignation und Unlust stellen sich ein. Es fällt schwer, nicht den Mut zu verlieren. Es fällt schwer, die Leidenschaft zu erhalten.

Ich erinnere mich an den Schreibblock in der Grundschule. Der junge Schreiber war nicht alleine auf sich gestellt. Grundlinien dienten als Hilfestellung. Sie gaben Orientierung, Buchstabe für Buchstabe zu Papier zu bringen; sie waren eine Einladung, es von Neuem zu wagen.

Es gibt auch Grundlinien im Leben: Familie, Partnerschaft, Arbeitskollegen, Freunde, Zuhause, u. v. m. Inwieweit bin ich bereit, diese in den Blick zu nehmen, wertzuschätzen und sie als Kraftquellen zu sehen? Sehe ich noch das, was gelungen ist und wofür ich dankbar sein darf?

Und noch eine Grundlinie gibt es, fast vergessen oder im Alltag verdrängt: Gott. Rechne ich noch mit ihm? Oder habe ich ihn längst abgeschrieben, weil er sich anscheinend aus dem Staub gemacht hat? Und außerdem: Wo ist er denn? "In ihm leben wir, in ihm bewegen wir uns und sind wir," (Apg.17,28) diese Worte findet der heilige Paulus. In seiner Gegenwart darf jeder Mensch leben und dem Leben trauen, weil Gott das Leben mit uns lebt und uns liebt. Welchen Trost schenken diese Worte, welche Hoffnung dieser Glaube -in der Zeit gegenwärtiger Krisen.

Ein Vater erzählte mir, dass er seit der Coronapandemie mehr Zeit mit seinem 9-jährigen Sohn verbringt: Dabei kommt vieles zur Sprache, was Freude und Hoffnung schenkt, aber auch traurig und nachdenklich macht. Erst kürzlich war der Krieg in der Ukraine ein Thema. Am Schluss des gemeinsamen Spaziergangs gehen sie in die Kirche und zünden dort eine Kerze an. Dabei nehmen sie sich an die Hand; manchmal sprechen sie ein kurzes Gebet. "Das ist immer ein besonderer und kostbarer Moment für uns beide, gehalten und getragen zu sein von einem Größeren."

Gehalten und getragen zu sein von einem Größeren, wer wünscht sich das nicht? In einem Kirchenlied, das ich sehr gerne habe, heißt es: „Hat er nicht zu aller Zeit uns bisher getragen und geführt durch allen Streit? Sollten wir verzagen? Seine Schar verlässt er nicht, und in dieser Zuversicht darf sie`s fröhlich wagen.“

Kleine Gesten und Rituale im Alltag spielen eine besondere Rolle, Gemeinschaft zu spüren und Vertrauen zu stärken: ein Spaziergang, das Anzünden einer Kerze, ein Gespräch, ein Gebet zum Tagesschluss, ein Lied, etc. Dann fällt es leichter, das eigene Leben wieder anzupacken und für andere dazu sein. Ich wünsche uns viele solche Momente und Augenblicke - jeden Tag neu. Sie sind wie Grundlinien, die aufleuchten und einfach gut tun – mitten im Alltag.