Karfreitag-Predigt

Der Himmel ist an diesem Morgen grau in grau; heute mal wieder eine trübe Wetterlage in Hof. Ich schaue bewusst auf das Kreuz – dort droben. Es war den Menschen damals wichtig, dass ein Kreuz – gut sichtbar – auf dieses Gotteshaus in besonderer Weise hinweist und zum Glauben an ihn, Jesus Christus - den Gekreuzigten und Auferstandenen, einlädt.
Sehr unaufdringlich weist es jetzt auf ein ehemaliges Gotteshaus am Steinweg 23 (St. Otto), das vor einiger Zeit profaniert wurde. Wie groß und mächtig wird das Kreuz wohl sein, wenn wir es gleich in Empfang nehmen? Ein ungewöhnlicher und zugleich bewegender Augenblick für die versammelte Schar von Christen, die sich in dieser Stunde versammelt hat.
- Die Kreuzabnahme erinnert an die Betenden Gestalten Maria und Johannes am Kreuz, die dann später zu Zeugen der Auferstehung Jesu Christi werden.
- Die Kreuzabnahme erinnert an ganz einfache Menschen, Josef von Arimatäa und Nikodemus, die sich in den Dienst nehmen lassen, Jesus die letzte Ehre zu erweisen.
Ich schaue nach oben: Das Kreuz wird losgelöst vom Baukörper und abgenommen. Es wird heruntergelassen – ganz langsam schwebend und in großer Leichtigkeit. Ich deute diesen Augenblick in meiner Ansprache: Der Tod des Gottes Sohnes am Kreuz stiftet ein neues Liebesband zwischen den Zurückgebliebenen. Es ist Gottes Kraft und Stärke. Gott hat seinen Sohn gesandt, damit wir uns an ihm, seinem Kreuz festhalten, der uns hinüberführt zum ewigen Leben.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung!“ Dieser Ruf, ja Jubelruf, begleitet uns an diesem Morgen. Ich lausche selbst meinen Worten. Es ist doch ungewöhnlich, das Kreuz so zu gegrüßen. Ganz menschlich gesehen, ist es doch normal vor dem Kreuz zu fliehen; schließlich machen es doch die Jünger auch: sie verleugnen, verraten, sie wollen nicht wahrhaben, sie flüchten; ganz normal aus Angst, den Rückzug anzutreten; alles andere wäre ja lebensmüde.
• Das Gespräch läuft aus dem Ruder; ein Missverständnis jagt das nächste. Es ist zum Davonlaufen.
• Der Streit in der Familie eskaliert; kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Keine Lösung. Jeder beharrt auf seine Sichtweise. Es ist zum Auf-und-davon-laufen.
• Ich liege auf der Pritsche. Ich werde gleich untersucht. Ich würde jetzt am liebsten aufstehen, durch diese Türe einfach nach Hause gehen.
• Ich sehe die Nachrichten. Wieder ein Konflikt, der eskaliert. Es ist zum Verrückwerden, welcher Gewalt -und Kriegssituation Menschen erneut ausgesetzt werden: Kinder, Jugendliche, Mütter, Väter, alte Frauen und Männer.
• Ein lieber Mensch entscheidet sich für den Suizid. Eine totale Katastrophe für die ganze Familie. Es sind nur noch Fragen über Fragen. Die momentane Situation ist unerträglich, nicht zum Aushalten.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir kennen das: nur weg von hier oder sich einfach mal wegbeamen und unsichtbar sein. Heute sind wir gekommen, uns den vielen Kreuzen dieser Zeit, unserer Welt und unseres Lebens auszusetzen und diese Kreuze im Kreuz Jesu Christi auszuhalten. Mehr noch: Das Kreuz zu verehren; auf das Kreuz zu schauen und zu beten. Im ersten Korintherbrief heisst es: „Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“
Schauen wir zurück auf Situationen, wo wir geblieben sind, ausgehalten haben, welch innere Kraft uns zu teil wurde, zu bleiben, gemeinsam in seiner Liebe. Manchmal hat auch ein Zuspruch geholfen, ein Bibelvers, ein Wort des Trostes, die gehaltene Hand, die nicht verzweifeln lässt und zum Bleiben ermutigt.
Liebe Schwestern und Brüder,
jede Zeit hat ihre Kreuze, auch ganz persönlich. Trost fand der Mensch, sich im Gebet in der Gegenwart Gottes zu wissen – verbunden zu sein mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Das Kreuz wird im Stundengebet der Kirche im Bild des Baumes gedeutet:
- „Heilig Kreuz, du Baum der Treue, edler Baum, dem keiner gleich, keiner so an Laub und Blüte, keiner so an Früchten reich: Süßes Holz, o süße Nägel, welche süße Last an euch.
- Beuge, hoher Baum, die Zweige, werde weich an Stamm und Ast, denn dein hartes Holz muß tragen eine königliche Last, gib den Gliedern deines Schöpfers an dem Stamme linde Rast.
- Du allein warst wert, zu tragen aller Sünden Lösegeld, du, die Planke, die uns rettet aus dem Schiffbruch dieser Welt. Du, gesalbt vom Blut des Lammes, Pfosten, der den Tod abhält.“
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir heute das Kreuz verehren als Zeichen des Heiles, des Lebens und der Hoffnung dann auch in dem Bewußtsein, dass Gott um unsere menschlichen Grenzen und Schwächen weiß; unsere Welt, unsere Schöpfung, unser irdisches Leben hat begrenzte Ressourcen; das vergessen wir oft und wollen es in all den Veränderungs- und Transformationsprozessen nicht wahrhaben.
Auch wenn wir uns verdrücken wollen, wenn das Kreuz in der Nachfolge zu schwer wird, wenn wir resignieren und müde liegen bleiben, wenn wir versagen und Schuld auf uns nehmen, geht er uns voran oder vielmehr: er geht uns nach wie den Emmausjüngern, um zu suchen und zu finden was verloren ist. Wir glauben an einen nachgehenden Gott, der es uns nichts nachträgt und nachtragend ist, weil er barmherzig und gütig und gnädig ist, im Leben und im Tod. Welch ein Trost für den Menschen. Glaubst Du das?
Der graue Himmel hat sich mittlerweile aufgetan: ein blauer Himmel, die Sonnenstrahlen erwärmen ganz sanft mein Gesicht. Ich umfasse das Kreuz von St. Otto Am Steinweg 23, ich halte mich an ihm fest. Es bewegt mich- ganz emotional. Ich schaue auf das Kreuz: Es ist mächtig, zu groß und zu schwer für mich, es zu begreifen, zu erfassen und zu umfassen: Gottes Kraft und Weisheit. Amen.