Lernen, Schale zu sein

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf meiner gepackten Reisetasche: Denn ich darf in dieser Woche Exerzitien machen, die jährlichen geistlichen Übungen. Was in diesen Tagen geschehen soll, macht der Heilige Bernhard von Clairvaux in einer Predigt über das Hohelied deutlich. Dabei verwendet er das Bild von der Schale, die sich immer wieder füllen lassen muss, wenn sie selbst geben will. Er schreibt: „Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Wir haben heutzutage viele Kanäle in der Kirche, aber sehr wenige Schalen. Diejenigen, durch die uns die himmlischen Ströme zufließen, haben eine so große Liebe, dass sie lieber ausgießen wollen, als dass ihnen eingegossen wird, dass sie lieber sprechen als hören, dass sie bereit sind zu lehren, was sie nicht gelernt haben, und sich als Vorsteher über die anderen aufspielen, während sie sich selbst nicht regieren können. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigebiger als Gott zu sein. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.“
Während der Exerzitien im Kloster geschieht eigentlich nichts Spektakuläres: Es wird durchgängig geschwiegen, es gibt täglich drei Vorträge und viel Zeit zum Nachdenken, zur Meditation, zum Gebet. Nach diesen Tagen, um es mit Bernhard zu sagen, ist die Schale wieder voll. Es sind erfüllende Tage, in denen ich mich von Gott beschenken lassen darf. Vielleicht können einige Tage der Fastenzeit für manche Leserinnen und Leser auch solche Tage geistlicher Übungen werden, in denen die Schale des Lebens und Glaubens wieder neu von Gott gefüllt wird.
Wie kann so ein tägliches Programm aussehen, damit Gott die Schale wieder neu füllen kann?
- Zeit nehmen, in der Heiligen Schrift zu lesen – nicht flüchtig, sondern aufmerksam; was will Gott mir durch sein Wort sagen?
- Mal auf äußere Reize verzichten – schauen, wie es ohne Fernseher, Radio und Internet geht; sich der Stille im Leben stellen.
- Zeit nehmen fürs persönliche Gebet – jeden Tag zur selben Zeit mal ausgiebig beten; Gott loben, ihm danken, ihn bitten.
Jesus hat das auch immer wieder gemacht: Er hat sich in die Stille zurückgezogen, ist ins Gebet gegangen, um Kraft zu haben für seine Aufgaben.