Zum Inhalt springen

Man sollte nicht an alles glauben

Holger Fiedler
Datum:
Veröffentlicht: 3.6.25
Von:
Christoph Plass Frankenpost - 03.06.2025
Zum Abschied von Pfarrvikar Holger Fiedler - von Christoph Plass/Frankenpost

Nach 19 Jahren wechselt Pfarrvikar Holger Fiedler von Hof nach Kulmbach. Mit ihm geht einer, der durch Tiefgang und Menschlichkeit genauso viele Spuren hinterlässt wie durch seinen Humor.

Hof/KulmbachHolger Fiedler schätzt den Wert von Märchen – und bedauert, dass anscheinend nicht mehr so viel vorgelesen wird in Kinderzimmern. „Wer nur ins Tablet schaut, bekommt ja bloß vorgefertigte Bilder. Wer vorgelesen bekommt, der macht sich selbst auf in eine weitere Gedankenebene, denkt sich in die Welt hinter der Geschichte hinein.“ Und darum gehe es irgendwie auch beim Glauben: hinter die Welt zu blicken, weiter zu denken als das, was man sehen und anfassen könne. „Kann KI Kirche – kann Kirche KI?“, so lautete jüngst ein Vortrag von René Peinl vom Iisys-Institut der Hochschule Hof, wo er und Fiedler öffentlich ins Gespräch gekommen sind und – jeweils von ihrer Warte aus – auf die neuesten Entwicklungen geblickt haben. Fiedlers Fazit: „Da gibt es ein Menge Gutes, das man nutzen kann. Aber man sollte nicht eine Gläubigkeit aus der KI machen.“

Jenseits seiner Arbeit plant der 51-Jährige gerade seinen Umzug; bis zum 14. August wird er noch in Hof seinen Dienst tun, nach vier Wochen Urlaub wechselt er nach Kulmbach. Mit ihm verlässt Hof einer, der für seinen Tiefgang genauso bekannt ist wie für Nahbarkeit und die verschmitzten Witze.

Keine Flucht aus Hof

19 Jahre hat Holger Fiedler nun in Hof verbracht, vier davon als Kaplan, 15 als Pfarrer Dekan und Pfarrvikar. Ende Juni wird er in einem Gottesdienst verabschiedet (siehe Info-Stück am Ende des Textes), zum 15. September wechselt er ins Kulmbacher Pfarrhaus: Er wird dort Leitender Pfarrer. Flucht aus Hof sei es keine gewesen, betont er: „Ich fühle mich in Hof wohl, die Menschen sind mir ans Herz gewachsen, es gibt viele gute, auch freundschaftliche Kontakte, die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist sehr gut. Aber die Verantwortlichen in Bamberg haben mich gebeten, Kulmbach zu übernehmen – und mein Vorgänger dort freut sich, mit 70 sein Amt abgeben zu können.“ Mit Hof gehadert hat Fiedler dennoch ab und zu.

„Die Innenstadt rund um die Marienkirche hat sich leider sehr ins Negative entwickelt“, berichtet er. „Es wird Müll hinterlassen, es ist oft bis tief ins die Nacht laut, da ist keine Rücksicht mehr darauf, dass in der Innenstadt Leute wohnen.“ Und er gibt zu, dass er als Altstadt-Bewohner dünnhäutiger geworden sei: „Erst diese Woche habe ich zwei Jugendliche von der Pfarrhaustreppe verscheucht, die sich vor meiner Tür breit gemacht, gegessen, gekleckert und hingespuckt haben. Vor ein paar Jahren hätte ich sie womöglich freundlicher auf ihr Fehlverhalten hingewiesen.“ Die größte Ohnmacht zu seiner Hofer Zeit aber habe er an ganz anderer Stelle spüren müssen.

2012 war der damalige Kirchenpfleger mit seiner Geliebten nach Südamerika geflohen, wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht: Der Mann hatte immensen finanziellen Schaden in der Kirchenstiftung hinterlassen, was unterm Strich dazu führte, dass sie das Jugendhilfehaus St. Elisabeth nicht weiter betreiben konnte. „Wenn ich höre, die Kirche hat ja Geld, dann füge ich immer hinzu: oft ideell und theoretisch“, sagt Holger Fiedler: „Denn die Marienkirche würde ja nur etwas einbringen, wenn wir sie verkaufen wollten.“

Immobilien: Schmerzhafte Einschnitte

In Hof hat Holger Fiedler – zusammen mit seinem langjährigen Kollegen Hans-Jürgen Wiedow – schon frühzeitig Weichen gestellt, von denen das katholische Leben noch lange profitieren wird. Sie hatten (zusammen mit den Haupt- und Ehrenamtlichen) den Mut, die beiden Hofer Pfarreien zu fusionieren. Für den Neubau des Caritas-Seniorenzentrums St. Otto haben die Verantwortlichen eine Hauskapelle gebaut und dafür die benachbarte Kirche verkauft, auch das Vereinshaus in der Bachstraße hat die Kirche aufgegeben. Freilich hätten diese Schritte auch wehgetan, gibt er zu. Und erinnert sich an die Übergabe der Leupoldsgrüner Kirche an eine orthodoxe Gemeinde, die nicht bei allen auf Verständnis gestoßen sei. „Aber manchmal sind einschneidende Schritte nötig, um gut in die Zukunft gehen zu können.“

Das hat er nach der Fusion auch für sich selbst entscheiden: Er hat nicht mehr als Pfarrer, sondern als Pfarrvikar weitergearbeitet, um sich mehr der Seelsorge und theologischen Fragen widmen zu können.

Sein schelmisches Schmunzeln hat er auch mit 51 noch nicht verloren, und wer Holger Fiedler kennt, der weiß um seinen trockenen Humor und die zielsicheren Spitzen, die er verschießt – treffend, nie bissig. Da wechselt im Sommer auch ein gutes Stück Scharfsinn und Humor ins Kulmbacher Land. Ist Fiedler ein altmodischer Typ? Das würde er wohl schmunzelnd und mit einem Teuschnitzer „No!“ quittieren (einem „Ja“, für Nicht-Frankenwälder). Da steht er auch etwas über den Dingen: Diskussionen wie auf dem Synodalen Weg oder rund um Zölibat und Frauenpriestertum müsse es schon geben. Aber sie seien in seinen Augen nicht unbedingt entscheidend für die Zukunft der Kirche: Vieles, worüber hier gestritten werde, sei ja beispielsweise in evangelischer oder anglikanischer Kirche schon seit Jahrzehnten umgesetzt – gleichzeitig hätten die Kirchen aber die gleichen Probleme.„Ob vorne am Altar eine Priesterin oder ein Priester steht, hat doch nichts damit zu tun, dass Menschen sich entscheiden, in die Kirche zu gehen. Wer ist Christus für mich und was macht das mit meinem Leben? Diese Frage ist die Basis meines Glaubens: Es geht um meine Entscheidung für Gott.“

Indische Studenten im Gottesdienst

Am Sonntag in der Hofer Marienkirche gehe es sehr traditionell zu, erklärt er. Und die Kirchenbänke seien nicht so leer, wie man glauben möchte – das katholische Hof profitiert von denen, die hierher ziehen, besonders auch von den osteuropäische Familien. Die Gottesdienstgemeinde sei bunt und international, dazu gehörten auch Menschen aus Afrika oder indische Studenten. „Die Leute bringen ein Stück Glaube und Tradition aus ihren Heimatregionen mit, und die Kirche bietet ein Stück Heimat im neuen Land“, sagt Fiedler. Gleichwohl: Während sein früherer Amtskollege, der evangelische Dekan Günter Saalfrank, oft das Bild des „sinkenden religiösen Grundwasserspiegels“ gebraucht hat, spricht Holger Fiedler sogar von einer „Glaubensverdunstung“.

Erst kürzlich zum Beispiel habe er einen Hochzeitsgottesdienst gehalten, die Kirche sei voller junger Menschen gewesen: „Als ich schöne Gschichtla über die Brautleute erzählt hab, hingen alle an meinen Lippen – als ich dann etwas tiefer in den Glauben eingestiegen bin, hat die Aufmerksamkeit schnell nachgelassen.“ Da will der 51-Jährige aber nicht hadern mit seinem Amt und seinem Auftrag: „Wir dürfen dankbar sein für das, was wir haben.“ Und das sehe eben überall ein bisschen anders aus.

„In Hof werden wir wohl eher keine Prozessionen machen, wie sie in Gößweinstein oder Marienweiher zum Programm gehören – dafür feiern wir an Pfingsten einen mehrsprachigen Gottesdienst in St. Konrad und freuen uns über viele junge Familien.“ Er selbst habe irgendwann aufgehört, aktuelle und politische Ereignisse in seine Predigten einzubeziehen: „Statt dauernd die Bilder von Krieg und Leid wieder hochzukochen, die einen ohnehin überall erwarten, konzentriere ich mich auf die Auslegung des Glaubens. Und auf Botschaften der Hoffnung – das sind ja die Gläubigen selbst, und das sage ich ihnen auch.“

Ausblick auf Kulmbach

Er selbst schaue ja immer, dass er regelmäßig das Gefäß wieder auffülle, aus dem er schöpft für seine Arbeit. Jährliche Exerzitien, Orgelspielen, Wandern: Daraus zieht er seine Kraft. Und das Waafen mit den Leuten, wenn er in der Stadt unterwegs ist: Man müsse den Menschen begegnen und sie ansprechen. Auf Kulmbach freut er sich auch deshalb: „Da ist das Pfarrhaus in der Innenstadt, der Verwaltungssitz ist woanders – da werd ich auch viel unterwegs sein können in der Stadt.“ In Kulmbach erwartet ihn eine Pfarrei, die zwar etwas weniger Gläubige hat als in Hof, dafür noch mehr zum katholischen Kerngebiet gehört, beispielsweise durch Marienweiher und Stadtsteinach. „Ich freue mich auf die Menschen und die Arbeit dort.“

Seine Stelle in Hof solle nachbesetzt werden, ein Ergebnis gebe es hier aber noch nicht. „Ich würde mir wünschen, dass hier weiterhin Wertschätzung für den Seligen Bernhard Lichtenberg hochgehalten wird – und dass die Hofer weiter so viel in die Kirche gehen, da darf man wirklich zufrieden sein.“