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Mein Entwurf von Gott

Tropfen
Datum:
Veröffentlicht: 23.9.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann
Von Bert Brecht ist uns folgende Geschichte überliefert: „Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache mir einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ Liebe Schwestern und Brüder, mit diesem Gespräch kritisiert der Schriftsteller die Art, wie Menschen oft einander begegnen.

Von Bert Brecht ist uns folgende Geschichte überliefert: „Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache mir einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“

Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesem Gespräch kritisiert der Schriftsteller die Art, wie Menschen oft einander begegnen. Menschen, die sich nahestehen, kennen dieses Verhalten: Jeder macht sich von dem anderen ein Bild und erwartet, dass der andere im Laufe der Zeit, im Laufe der Partnerschaft oder der Ehe, in dieses Bild hineinwächst. Nicht der Entwurf passt sich dem Menschen an, sondern der Mensch soll sich dem Entwurf anpassen. Über einer solchen falschen Erwartung zerbrechen manchmal sogar Beziehungen, Freundschaften und Ehen. Solche Entwürfe vom Menschen haben schon manchen die Schul- und Berufskarriere gekostet.

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Gespräch mit Herrn K. lässt sich auch auf die Beziehung des Menschen zu Gott übertragen. Viele tragen in sich ein Bild von Gott, das sie sich selbst gemacht haben, oder das viel mehr anerzogen ist: ein Gott mit oder ohne Bart, als Buchhalter oder Schulmeister, kleinlich, prüfend, rechnend oder leicht beleidigt. Mit diesem bedrohlichen dämonischen Richtergott rechnet Tilmann Moser in seinem Buch ab. Sie kennen es sicherlich: „Gottesvergiftung“.

Das Verhalten des Gutsbesitzers, von dem Jesus im Gleichnis erzählt, passt dann überhaupt nicht mehr in unsere Vorstellungen von Gott. Gott muss - nach unserer Auffassung – gerecht sein und – nach unseren Kriterien und Maßstäben von Arbeit und Leistung - den verdienten Lohn zahlen. Wenn er das nicht tut, ist er ein ungerechter Gott.

Vielen Menschen ist Gott heute fremd. Weshalb eigentlich? Ein Grund sicherlich: Ihr Gottesbild ist festgefahren; ein Gottesbild, das oft eines Kindes entspricht. Lebenswirklichkeit, die Realität des Alltags und Gott bilden keine Schnittmenge mehr. Oder: Viele Menschen erlebten die christliche Frohbotschaft als Drohbotschaft, und ließen sich dadurch die Freude am Glauben und an der Kirche nehmen. Oder eine Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag machen Gott unbegreiflich: „Warum?“ „Warum, ich?“ Ich könnte noch viele andere Gründe anfügen!

Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem in der Kindheit entwickelten Gottesbild ist notwendig. Das kann mühsam sein, aber es hilft, die Geister zu unterscheiden und zu einer lebendigen und persönlichen Beziehung zum wahren Gott zu kommen, der das Leben will - für mich, für die Mitmenschen und meine Welt. Ein Gott, der bejaht und alle liebt – so wie der Gutsherr im Gleichnis. Er gibt jedem Menschen eine Chance, eben auch jenen mit schlechteren Startbedingungen. Und seine Güte ist so groß, dass er jedem das gibt, was er zum Leben braucht. In unserer Parabel ist es ein Denar.

Seine Güte ist so groß, dass dieses Verhalten Erstaunen, ja sogar Neid hervorruft. Neid, der Vergleich mit anderen Menschen, das Schauen auf einen anderen Lebensweg, der nicht der meine ist, machen unzufrieden und so viel kaputt in der Beziehung unter den Menschen und auch zu Gott: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin“ Im Gleichnis vom barmherzigen Vater liegt ein ähnliches Problem vor – nämlich in Reaktion des älteren Bruders, der überhaupt nicht das Handeln des Vaters verstehen kann.

Wie sollen wir uns nun Gott vorstellen? Wie kommt er uns nahe? Dieser wahre Gott der Offenbarung, der auch immer wieder in der Menschheit und Welt aneckt und unbequem ist, begegnet uns vor allem in der Person Jesu, des menschgewordenen Gottes. In Jesus sind die Grundhaltungen Gottes zum Menschen sichtbar, die Achtung vor der Würde und Freiheit des Einzelnen, getragen von einer grundsätzlichen Zuwendung und Liebe, die bleibt, egal ob und wann sich der Mensch für oder gegen Gott entscheidet. Und wenn es im Sterbebett ist. Das möchten auch die Gleichnisse und Geschichten, die Jesus dem Volk immer wieder erzählte, zum Ausdruck bringen. In der Beziehung zu Jesus Christus – dem auferstandenen Herrn - finden wir immer mehr und immer wieder einen Zugang und eine Annäherung zu diesem wahren Gott der unbegrenzten Möglichkeiten: im Gebet, im Hören auf sein Wort, in der Anbetung, in der Feier der Sakramente.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache mir einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ Gott geht ungeahnte Wege – auch mit uns Menschen. Im Buch Jesaja können wir uralte Worte nachlesen, wir haben sie auch heute gehört: „Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken, und euere Wege sind nicht meine Wege. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über euere Gedanken.“ Amen.

 

Literaturhinweis:

„Ignatianische Impulse“

Karl Frielingsdorf, Gottesbilder – Wie sie krank machen – wie sie heilen.

Echter Verlag. Würzburg 2004