Ökumenischer Volksfestgottesdienst am 31.07.2021 mit Pfr. Thomas Persitzky und Pfr. Stefan Fleischmann


Thomas: Liebe Gemeinde, eine Zeit des Feierns ist jetzt: Wiesenfeste, Volksfest, Konzerte, Festivals - das Leben genießen, fast entspannt! Nach jahrelang Regeln, Abstand Masken – jetzt wieder Freiheit, wieder feiern – beinah wie früher. Da hat sich was gewendet. Eine andere Zeit - auch wenn die Frage bleibt: Was kommt im Herbst? Jetzt wollen wir das Leben genießen! Oder Stefan?
Stefan: Freilich. Wir feiern jetzt erst einmal, vielleicht auch, um Krisen zumindest für einen Augenblick zu vergessen, von denen es genug gibt: Corona – auch bei manchen Festen, Krieg und Klimanotstand, und die Kirchenkrise gibt es auch noch. „Zeitenwende“ - davon sprach unser Kanzler Ende Februar sogar – mit ernsten Worten. Viele Jahre hatte das Wort „Wende“ einen guten Klang, gerade hier in Hof: Mauerfall, Freiheit, Wiedervereinigung und meistens große Freude. Jetzt fühlt es sich das ganz anders an. Krieg gibt es, und wieder einen Feind. Aufrüstung und abgebrochene Beziehungen zu Russland. Viel Geld für Waffen. Und dann noch die Energiewende im Gasnotstand. Und das ist noch nicht die letzte Zeitenwende, die wir jetzt verkraften müssen.
Thomas: Und deswegen hat Zeitenwende für mich jetzt eher einen dunklen Klang. Und wenn wir manchmal Euphorie gespürt haben über die Wende 1989 oder die Energiewende, so frage ich mich jetzt, ob unser Blick auf die Welt im Ganzen sich gewendet hat: von Hoffnung zu Skepsis, von manchem Optimismus zu Gedanken um den Weltuntergang. Veränderung in unserem Lebensstil, Bekämpfung von Hunger und Armut: Schaffen wir das alles? Das ist nicht mehr sicher.
Stefan: Du hast recht. Was wird aus der Welt? Können wir die Probleme lösen, noch eine Zukunft sichern? Nach einem Paradies von Wohlstand und Gerechtigkeit, nach Sicherheit in Zukunft sieht es nicht aus! Vieles muss jetzt neu gedacht und eingeordnet werden und der Blick auf unsere Weltordnung ist plötzlich eine andere geworden. Du, Thomas, wir sprechen innerhalb der Kirche immer so schnell vom Reich Gottes in dieser Welt. Wir meinen damit Frieden und Gerechtigkeit - kann man darauf noch hinarbeiten? Oder ist eher das Ende der Welt in Sicht...? „Alles hat seine Zeit“, sagt die Bibel, so hören wir aus dem Buch Kohelet: „geboren werden und sterben, töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit, eine Zeit Steine zu werfen und zu sammeln....“
Thomas: Mich schauert fast, wenn ich das höre. Töten: Kkann das wirklich eine Zeit haben, ein Recht in unserer Zeit? Weinen, Klagen Schweigen, muss das alles wirklich sein? Hassen und Streit sogar?
Stefan: Kohelet hatte schon vor über 2000 Jahren einen sehr realistischen Blick auf die Dinge. Ja scheinbar können Menschen nicht anders leben; und wenn wir auf die Menschheitsgeschichte schauen, dann ist es dieses Auf und Ab, diese beiden Seiten, die Kohelet uns unmissverständlich vor Augen stellt. Kohelet ermutigt, das Ganze zu sehen, Gott den Schöpfer und Erhalter des Lebens nicht aus dem Blick zu verlieren. Sein Sohn hat den Weg zum Leben gezeigt, und ganz bitter am eigenen Leib Leid und Tod erfahren müssen. Der Tod war aber nicht das Ende. Jesu Name heißt übersetzt „Gott rettet.“ So war sein Name und ist sein Leben Programm, dass Gott rettet, hilft und heilt.
Thomas: Wie können heute noch Menschen diese Erfahrung machen?
Stefan: Es ist wichtig, dass wir einen Zufluchtsort haben, an dem wir auch mal zur Ruhe kommen, um manches einzuordnen. Orte, wo wir mit unserer Angst, unseren Fragen und Zweifeln sein können, Mut und Hoffnung schöpfen. Ich kenne Menschen, denen tut dann das Alleinsein gut, andere suchen eher das Miteinander und die Gemeinschaft. Ich bin mir sicher: Immer sieht Gott unsere Not, er teilt unser Leid, auch wenn wir nicht immer alles verstehen und durchschauen können.
Thomas: Das hilft mir wirklich. Und es stimmt wie wir vorhin gebetet haben: Er sättigt die durstige Seele! Es gibt immer wieder Grund dankbar zu sein. Und das gibt auch Kraft: Viele erleben es. Aus ihrem Glauben an eine bessere neue Welt – in dieser Zeit oder über die Welt hinaus - können sie verzichten, für andere: auf Spaß, Geld, Anerkennung. Viele haben das gezeigt, wenn sie ukrainischen Familien halfen, für Flutopfer gespendet haben, oder jetzt für Hungernde in der Welt. Ungezählte Menschen haben die Kraft zum Helfen oder sind ganz kreativ, wenn es um Veränderung unserer Gesellschaft geht - bei Plastikkonsum, Essen, Verkehr, Reisen… und vielem mehr. Dann kann Zeitenwende manchmal sogar Spaß machen – mit dem 9 ,- € Ticket oder Fahrrad hab ich das schon erlebt! Der Glaube an Gott ist dann eine zusätzliche Kraftquelle,
Stefan: „Alles hat seine Zeit“ meint auch, dass wir gerade in den Zeitenwenden Vertrauen haben dürfen, auch wenn wir nicht immer alles verstehen und den Sinn erkennen. Der Glaube an Gott und das Vertrauen in Gott sind Kraftquellen, mit den Zeitenwenden umzugehen, sie auszuhalten, umzukehren und neue Weg zu beschreiten, damit ein gutes Leben für alle möglich ist – sozusagen Hoffnung für alle!
Thomas: Und darum dürfen wir auch feiern, fröhlich sein, essen und trinken – das ist ein Geschenk Gottes – so sagt es das Bibelwort. Und wir müssen den Mut nicht verlieren – auch durch Gott, der Ansprechpartner, Fluchtort und Hilfe ist. Und nach dem Fest werden wir wieder an die Arbeit gehen – für den Winter, die Menschen im Krieg, die zukünftige Welt – mit Gottes Hilfe. Amen.