Predigt zum ökumenischen Gottesdienst auf dem Hofer Volksfest

Pfarrer Stefan Fischer
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gottesdienst-Gemeinde!
Wie groß und wie gut denkt Gott von uns?
Was würdest Du darauf antworten?
Eine mögliche Antwort könnte lauten: Eigentlich nicht so viel; Gott macht lieber alles selber. So verhalten sich ja manche Eltern ihren Kindern gegenüber.
„Komm, lass mich das lieber machen. Du kannst es ja doch nicht.“ Ist das Gottes Haltung uns gegenüber; eine Haltung, die mutlos macht?
Oder lautet die Antwort eher so: Gott traut uns gerade so viel zu, dass er uns streng kontrolliert und überprüft. Ich gebe dir noch eine Chance. Wenn du die nicht nützt, dann bin ich endgültig mit dir fertig. Ich schaue dir deshalb scharf auf die Finger.
Sehen wir Gott als einen, der nur darauf wartet, dass wir Fehler machen, damit er uns bestrafen kann?
Oder: Gott traut uns so viel zu, dass er uns in unwichtigen Dingen selbst werkeln lässt, alles Wichtige aber sich vorbehält? Briefmarken einkaufen und auf die Briefumschläge kleben, das darf der Lehrling, aber die Briefe schreiben, das macht der Chef doch lieber selbst. Handlangerdienste sind willkommen, aber die Verantwortung bleibt oben beim Chef. Die wird nicht geteilt. Sehen wir Gottes als einen, der eifersüchtig seine Zuständigkeiten verteidigt?
Jesus gibt uns eine ganz andere Antwort: „Von den anvertrauten Talenten“ ist unser heutiger Predigtabschnitt in der Lutherbibel überschrieben. „Und was man daraus macht“, möchte ich ergänzen.
Der Mensch im Gleichnis, der außer Landes ging, ist Gott. Was tut also Gott? Er vertraut seinen Knechten sein Vermögen an. Mit den Knechten sind wir gemeint: Frauen und Männer, Christinnen und Christen, Ehrenamtliche, Nebenamtliche und Hauptamtliche – seine Kirche halt. Dort steht jetzt aber nicht: er vertraut uns nicht nur einen Teil seines Vermögens an. Er vertraut uns alles an.
Ich denke, dass wir das ganze Ausmaß dieses Gottvertrauens gar nicht erfassen können, wenn wir nur von Knechten und Mägden sprechen. Denn mit Knechten und Mägden verbinden wir eigentlich freie Menschen mit vollen Bürgerrechten, die in einen Landwirtschaftlichen Betrieb in Anstellung sind.
Wenn das Neue Testament von Knechten redet, dann bedeutet das griechische Wort hierfür aber eigentlich „Sklave“ – also das krasse Gegenteil. Ein Sklave ist ein Leibeigener seines Herrn, ohne Bürgerrechte. Ein Sklave konnte ohne rechtliche Folgen von seinem Herrn umgebracht werden. Das, sagt Jesus, sind wir eigentlich vor der Unendlichkeit und Allmacht Gottes: Unfreie, kleine, ohnmächtige Wesen.
Ich denke, jetzt wird uns allen klar, warum dieses Gleichnis von Jesus ein echter Knaller ist. Diesen unfreien, kleinen, ohnmächtigen Wesen vertraut Gott alles an.
Alles, was er hat, gibt er an diese Sklaven, die so viel noch nie in eigenen Händen hatten. So groß und so gut, will Jesus sagen, denkt Gott von euch, dass er euch alles anvertraut. So sehr vertraut uns Gott, dass er sein Vermögen in unsere Hände gibt.
Ich könnte auch so sagen: Ohne Gott sind wir nichts, aber durch Gott sind wir alles.
Liebe Schwestern und Brüder,
Dieses Gleichnis muss Folgen haben. Jesus erzählt dieses Gleichnis an der Wende seines Lebens, auf dem Weg nach Jerusalem, ans Kreuz. Bis dahin waren seine Jünger Schritt für Schritt hinter ihm hergegangen. Aber jetzt kommt die Zeit, da wird aus einfacher Nachfolge verantwortliche Nachfolge. Die Jünger müssen erwachsen werden im Glauben; auf eigenen Füßen stehen, denn Jesus wird bald nicht mehr sichtbar unter ihnen sein. Gottes ganzer Reichtum wird ihnen anvertraut.
Für die Jünger damals ist das durch die Zahlenangaben klar geworden: ein Talent oder Zentner Silber war damals eine unvorstellbare Summe, also unvorstellbarer Reichtum. So groß und so gut denkt Gott von uns, dass er uns solchen Reichtum anvertraut zum selbstverantworteten Handeln. Und wie gehen wir damit um?
Wie der erste Knecht in Jesu Gleichnis: Hochbegabt mit Mut und Fleiß; der weiß was er hat und was er kann; der mutig alles einsetzt und es schafft das Vermögen zu verdoppeln?
Oder wie der zweite Knecht – eher so wie du und ich – durchschnittlich begabt, vielleicht auch etwas neidisch auf den schielend, der das zweieinhalbfache bekommen hat, aber dennoch selbstbewusst, weil er das Doppelte hat als der letzte. Auch er setzt mutig alles ein und verdoppelt das Vermögen.
Oder finden wir uns eher im dritten Knecht wieder, der beeindruckt von der Allmacht und Größe Gottes zu demütig auf das scheinbare Wenige blickt, das er bekommen hat. Aus Angst auch das zu verlieren, setzt er es im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand, vergräbt es, anstatt es wenigstens verzinsen zu lassen?
Die Antwort scheint klar!
Aber Vorsicht! Jesus erzählt das Gleichnis ja nicht ohne Grund. Wahrscheinlich, weil die Antwort, zu welchem Knecht ich mich rechne, doch nicht so einfach und eindeutig ist.
Ich persönlich finde mich in jedem der drei Knechte wieder – je nach meinen Gaben, die ich bei mir finde oder vermisse – je nach Lebenslage und Tagesform.
Jesu Gleichnis ist Zuspruch und Warnung zugleich: So groß und so gut denkt Gott von Dir, dass er Dich begabt hat – mit so viel Reichtum ausgestattet hat – so viel, dass Du es eigentlich gar nicht fassen kannst. Deshalb sei mutig und stark, vertrau auf Gott und vertrau auf die Talente, mit denen er Dich ausgestattet hat! Schau nicht darauf, wieviel Du bekommen hast – denn Ihr seid alle reich begabt! Wichtig ist nur, wie Du Deinen Reichtum an Talenten einsetzt. Also, grab dich nicht ein, sondern mach hin und teile mit vollen Händen aus, was Gott Dir geschenkt hat!
Pfarrer Stefan Fleischmann:
Gott geht in Vorleistung. Denn: Er traut uns etwas zu und vertraut uns etwas an – in besonderer Weise unsere Talente, Fähigkeiten und Charismen. Im Tagesgebet haben wir gesprochen: „Guter Vater, du hast uns verschiedene Gaben geschenkt. Keinem gabst du alles, und keinem nichts. Jedem gibst du einen Teil.“ Von daher dürfen wir Vertrauen haben, dass die schwindenden Ressourcen innerhalb unserer Kirchen ausreichen werden: Ja, die finanziellen Mittel werden uns zukünftig nicht mehr so zur Verfügung stehen. Ja, personell werden wir mehr zusammenrücken – auch über die konfessionellen Grenzen hinweg. Wir werden weiterhin unseren kirchlichen Auftrag erfüllen, den christlichen Glauben leben, feiern und weitergeben. Ich wünsche uns dazu Mut, Leidenschaft und Kreativität zum Glaubenszeugnis in Tat und Wort.
Gottes Zuspruch wird zum Anspruch an uns -auch im gesellschaftlichen Bereich. Unser Glaube ist uns geschenkt werden; dieser drückt sich aus im Gebet:
Wer soll für den Frieden beten, wenn wir es nicht tun?
Wer soll Versöhnung stiften, wenn wir dazu nicht beitragen?
Wer soll für die Freiheit und Gerechtigkeit eintreten, wenn wir nicht voranschreiten? Wer soll für die Sprachrohr sein, die am Ende ihrer Kraft sind und den vielen Veränderungen unserer Zeit nicht standhalten können?
Ein Sozialwissenschaftler, Klaus Hurrelmann, beschreibt unsere Gesellschaft so: „Die ganze Gesellschaft leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung.“ Ich kann seine Einschätzung teilen, denn: Die dreijährige Coronapandemie wurde unmittelbar von dem nicht enden wollenden Krieg Russlands gegen die Ukraine abgelöst, verbunden mit Inflation und starken Fluchtbewegungen. Hinzu kommen die ganz persönlichen Schicksalsschläge, die in unseren Familien und Freundeskreisen nicht ausbleiben. Wichtiger denn je, wachen Auges und Herzens auf sich selbst und noch mehr auf unsere Mitmenschen zu schauen, das eine oder andere in einem WIR auszuhalten, mitzutragen und Sinnstifter und Glücksbringer für unsere Mitmenschen zu sein.
Junge Menschen frage ich gerne: „Was willst Du einmal werden?“ „Was fängst Du mit deinem Leben an, das so kostbar ist und dir anvertraut ist.“ Hintergrund der Frage: Du hast ein Talent. Finde es heraus. Vergrabe es nicht. Gehe nicht nach Maßstäben: In welchen Berufsgruppen verdiene ich am meisten? Oder: Wo kann ich am schnellsten aufsteigen? Oder lohnt sich das überhaupt in dieser Welt? Jede und jeder hat von Gott Talente und Fähigkeiten von Gott geschenkt bekommen. Mach etwas daraus. Bring dein Talent, dein Charisma, deine Fähigkeit zum Blühen, träume dein Leben und leben deinen Traum – dieser Weg führt zum Glück, das sich immer mehr vervielfacht, weil dieser Weg zum wahren Leben führt. Und Jesus Christus wird dabei dein treuer Wegbegleiter sein.
Dafür wach zu sein und aufmerksam, auf was es im Leben – in meinem Leben, aber auch in unserer Gesellschaft, in der Kirche, in unserer Welt - ankommt, das wünsche ich uns. Unser Christsein und unser Glaube an Gott, seine Liebe, sein Geist, sind Zusage und Anspruch zu sein, im Bruder und in der Schwester ihm – Jesus Christus – selbst zu begegnen und in ihm Hoffnung und Zukunft zu erfahren. Wer sich auf den Weg begibt, hinterlässt Spuren. Wer Großes träumt und denkt, wird auch das eine oder Wunder im Leben und in der Welt erfahren. Amen!