„Samer wieder gud“

„Samer wieder gud“,
erst kürzlich habe ich diese Worte gehört und darüber schmunzeln müssen. „Samer wieder gud“, aber geben wir zu: Im Alltag ist das nicht immer so einfach. Und Jesu Handeln provoziert unser Nachdenken darüber, wenn es im heutigen Evangelium heisst:
„Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.“
Was sagen Sie dazu? Ist das in Ordnung, was da Jesus tut? Auch gegenüber den anderen, die immer versuchen, alles recht zu machen und sich an die Vorschriften und Vorgaben zu halten?
Und Jesus legt ja noch ein Gleichnis oben drauf, damit es jeder versteht: das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Wir sagen oft dazu das Gleichnis vom verlorenen Sohn: Die Vergebung und die Versöhnung stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Unser Alltag schaut oft ganz anders aus, menschlich verständlich: Wut, Ärger, Verletzung, Enttäuschung und vieles mehr melden sich im Innersten zu Wort, zumal alles auch eine Vorgeschichte hat:
„Wenn Du jetzt gehst, brauchst Du gar nicht wieder kommen.“
„Denke bloss nicht, dass ich dich da wieder raus hole.“
„Die Türe bleibt zukünftig für dich geschlossen, du bist für mich gestorben.“
Solche ausgesprochenen Worte sitzen – tief - für lange Zeit! Der Weg zu einem versöhnten Neuanfang scheint unendlich weit und lang, weil es Täter und Opfer gibt, weil es um eine Wiedergutmachung entstandenen Schadens oder Schmerzes geht an Leib, Geist, Seele.
Liebe Schwestern und Brüder!
Ich habe mich gefragt, warum ist Jesus die Vergebung, die Versöhnung und dieser gemeinsame Neuanfang so wichtig. Warum ist das ihm so wichtig? Vielleicht …
…weil er wusste, dass der Mensch sich selbst schadet, wenn er nicht vergibt! Schließlich ist er es, der dem anderen – im wahrsten Sinne des Wortes – etwas nachträgt. Das kostet Energie, das raubt Lebensatem.
… weil er wusste, dass der Mensch langfristig seine Beziehung zerstört, wenn er nicht vergibt. Ende, aus und vorbei!
… weil er wusste, dass zwischenmenschliche Unversöhnlichkeit auch die Beziehung zu Gott in Mitleidenschaft zieht.
Liebe Schwestern und Brüder,
mich beeindruckt ein Satz im Evangelium: „Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen.“ Der Vater hält sozusagen Ausschau nach seinem Sohn; er ist mit ihm immer verbunden geblieben. Er hat Sehnsucht, ihn wieder in seine Arme zu schließen. Er möchte ja, dass es seinem Sohn gut geht. Und der Vater weiss um seinen Sohn, so dass er gar nicht mehr viel sagen muss, dass es ihm leid tut, dass er sich versündigt hat, dass er nicht mehr sein Sohn sein kann. Der Vater möchte gar nicht, dass er zu kreuze kriecht.
Sein älterer Bruder, der es immer seinem Vater recht machen wollte, versteht das Ganze nicht – was, für diesen da ein Fest feiern! Er versteht auch seinen Vater nicht mehr. Ein solches Fest fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Erinnern wir uns an den Anfang des Evangeliums. Vielleicht meint Jesus mit dem Bild des älteren Bruders sogar die Pharisäer und die Schriftgelehrten, und dementsprechend ihr Unverständnis und ihre Verstocktheit. Was meinen Sie? Der barmherzige Vater ist dann Gott, und der jüngere Sohn steht für die Heiden, die ihr Herz an anderen Göttern festmachen und auf Umwegen erst spät zum Glauben an ihn kommen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Samer wieder gud.“ ich möchte Ihnen ein Bild in die neue Woche mitgeben: Das Bild einer Freundschaftsikone. Sie kann uns auch heute eine Hilfestellung geben. Die beiden – Jesus Christus (rechts) und der heilige Abt Menas (links)– scheinen einen versöhnten Weg miteinander zu gehen, der sie tiefer zueinander und zu Gott führt.
Zu allererst fällt auf, dass Jesus Christus seinen Weggefährten umarmt. Oft braucht es keine Worte. Eine Umarmung ist wie eine Versöhnungsgeste: „Komm, wir schaffen das - miteinander!“ All das geschieht auf Augenhöhe. Bei einer ehrlichen Vergebung und Versöhnung gibt es kein Gefälle, kein oben und unten.
Zum Zweiten: Jesus Christus hat die Bibel in seiner Hand, das Wort Gottes. Es erinnert den Leser an die Zusage Gottes, dass er zuerst vergibt. In dieser Hinsicht ist Vergebung Gnade, ein Geschenk, ja sie hat etwas mit Heilung und Erlösung zu tun, weil kein Mensch alles richtig macht. Wir sprechen heute auch von der Schuldverstricktheit des Menschen – was wir unserer Schöpfung antun, worunter die Ärmsten der Armen leiden, u. v. m. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Vaterunser-Bitte ist daher Zusage und Auftrag zugleich, immer wieder Vergebung zu erbitten und Vergebung zu schenken.
Zum Dritten: Schauen Sie bitte mal den Abt Menas genauer an. Er hat eine Schriftrolle in der Hand, vielleicht so was wie eine Mönchsregel: Wie kann Vergebung und Versöhnung zwischen den Menschen und in den Gemeinschaften gelingen? Die Rolle ist so eine Art Grundgesetz. Das Wort „Entschuldigung“ wird darin sicherlich eine Rolle spielen.
Zum Letzten: Der Blick von beiden geht in eine Richtung, sozusagen in die Zukunft. Wer vergibt und um Vergebung bittet schenkt sich und dem Anderen Zukunft und Leben, so dass das Leben wieder lebenswert und liebenswert wird.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Samer wieder gud“, nicht so einfach, da sind wir uns einig. Am Schwersten ist sicher, sich selbst zu vergeben und kleine Schritte zur Versöhnung zu gehen. „Samer wieder gud.“. Probieren Sie es abends mal im Spiegel.
Literatur:
- Wrembek, Christoph, Judas der Freund, München 2018 (4. Auflage).
- Handrock, Anke, u. a. Vergeben. Psychologisch – spirituell – biblisch, Würzburg 2018 (Ignatianische Impulse).