„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15)

Ich erinnere mich an meine Diakonenweihe am 17.Oktober 2009 in meiner damaligen Pfarrei St. Martin in Nürnberg. Ich erinnere mich besonders an die Anrufung der Heiligen in der Allerheiligenlitanei, als ich ausgestreckt auf dem Boden lag und die Menschen in der Kirche mit ihrem Gebet im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken stärkten. Und ich erinnere mich an das vom Erzbischof gesungene Weihegebet. Ein Satz daraus ist: „So bezeuge er wahrhaft den Glauben und bleibe bis ans Ende fest in Christus verwurzelt“.
Seit ich nun Diakon bin, hatte ich immer wieder die Möglichkeit, die Gelegenheit und die Chance, diesen Glauben zu bezeugen. Es war und ist nicht immer einfach. Ich erinnere mich an sehr herausfordernde Gespräche, z.B. einmal in einer Wärmestube für Obdachlose in Nürnberg - „an so was kann man doch nicht glauben … Gott gibt es nicht, ich kann ihn weder sehen noch hören“ … oder auch persönliche Gespräche in jüngster Zeit im Bekanntenkreis, die natürlich oft im Fokus der Kirchenkritik stehen: „Wieso bist du eigentlich noch bei diesem Verein?“ „Das ist doch total out, sich an diese alten Vorstellungen zu klammern ...“, usw.
Ich sehe mich da als Diakon in dreifacher Weise herausgefordert: zum einen habe ich natürlich meine eigene Lebens- und Glaubensgeschichte und versuche als getaufter Christ meinen Glauben und meine Überzeugungen im Leben zu vertreten. Zum zweiten bin ich kirchliche Amtsperson und stehe auch für die Amtskirche, die heute aus den unterschiedlichsten Gründen kritisiert und hinterfragt wird. Und zum dritten bin ich Diakon, d.h. geweiht zum Dienst an den Menschen, dem Beispiel Jesu folgend, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.
Das heißt für mich konkret, auch die Menschen im Blick zu behalten, um die sich sonst vielleicht niemand kümmert. Das war auch die Grundintention der Einrichtung dieses Dienstes überhaupt: die Apostel der Urkirche konnten durch die schnellwachsenden Gemeinden ihre caritativen Aufgaben nicht mehr bewältigen, die „Witwen und Waisen“, d.h. die am Rand Stehenden, blieben außen vor, und so wurden (in der Bibel steht die symbolische Zahl sieben) mehrere Männer (und möglicherweise auch Frauen) für diesen Dienst beauftragt. Es sollten Menschen „von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ sein, die sich der Aufgabe des „Dienstes an den Tischen“, also der caritativ-sozialen Fürsorge der Gemeinde widmen sollten, die bisher von den Aposteln geleistet wurde. „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen“, so lautete die Begründung für den Wahlakt, der nach seinem Vollzug durch Gebet und Handlauflegung der Apostel besiegelt wurde.
Wie es der Zufall will, findet sich in der Lesung des heutigen Tages aus dem ersten Petrusbrief ein Satz, der einiges von meinen bisherigen Worten aufnimmt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Dieser Satz hat es in sich: zum einen reibe ich mich an dem Wort „stets“, das bedeutet ja „immer“. Zum anderen ist die Rede von einer „geforderten Rechenschaft“, das hört sich schon fast nach Zwang an, als ob ich bei jeder Gelegenheit, also immer, herausgefordert werde und immer wieder neu Farbe bekennen muss, Rechenschaft ablegen muss von meiner christlichen Hoffnung.
Diese Frage des Glaubenszeugnisses, das ich eingangs schon an dem Beispiel der Gespräche in der Wärmestube und im Bekanntenkreis angesprochen habe, treibt mich um. Wie positioniere ich mich in einer Welt, die möglicherweise von all diesen Dingen gar nichts mehr wissen will und in der Glaubensfragen kaum mehr eine Rolle spielen?
Nach meinem Glaubensverständnis ist diese Frage entscheidend, auch für die Zukunft der Kirche. Und ich nehme wahr, dass es immer mehr auf diese Positionierung ankommen wird: exklusiv, möglicherweise abgehoben, nur sich selbst im Blick - oder inklusiv, mitten unter den Menschen (und ich meine nicht nur die gläubigen Menschen, sondern alle Menschen), die Sorgen und Nöte dieser Menschen im Blick.
Zwei Positionen - es wird oft behauptet, dass die Kirche nur der einen Seite zuzuordnen sei, dass sie weltfremd sei, die Zeichen der Zeit nicht erkennen könne. Es wird ihr - vor allem auch durch die Mißbrauchskrise - abgesprochen, eine Instanz der Glaubensvermittlung und des Vorbilds eines guten Umgangs miteinander zu sein. Und doch muss es eine Institution geben, die Zweifel sät am Gott des Kapitalismus. Die es aufgrund ihrer Grundbotschaft ernst meint mit der Gleichheit aller Menschen. Die die Botschaft Jesu immer wieder ins Spiel bringt, wenn es um ungerechte Strukturen und um vermeintliche Wahrheiten geht, die den Menschen mehr schaden als nützen.
Vielleicht geht es darum, sich nicht eindeutig auf die eine oder andere Seite zu stellen, sondern sich dazwischen aufzustellen, sozusagen immer wieder Schwellen zu überschreiten, Brücken zu bauen, zu vermitteln. Wir spüren intuitiv, dass die Tage der „Komm-Her-Kirche“ gezählt sind. Wir beklagen mangelnden Gottesdienstbesuch, tun aber möglicherweise nur wenig dazu, den Menschen, die nicht zu den Gottesdiensten in die Kirchen kommen, den Menschen draußen, von Gott zu erzählen - damit sie sich vielleicht irgendwann zu einer Gemeinde zugehörig fühlen und den heiligen Raum Kirche neu entdecken lernen. Wir spüren intuitiv, dass die Tage der „Geh-Hin-Kirche“ gekommen sind, wo auch Organisationen wie die Caritas oder kirchliche Gruppen und Verbände wichtig für die Vermittlung des Glaubens werden - eine Sozialstation, ein Altenheim, ein Kindergarten sind genauso Orte der Verkündigung und die Mitarbeiter dort auch im Auftrag des Herrn unterwegs.
Um noch einmal auf den Diakon zurückzukommen: mir gefällt, dass er durch seine „Weihe zum Dienst“ eigentlich genau und sozusagen „von Amts wegen“ in diesem Bereich „dazwischen“ unterwegs ist. Er soll Brückenbauer sein, Grenzgänger und Repräsentant des „dienenden Christus“.
Hilfreich ist dazu auch, dass es den Diakon in zwei Formen gibt: Zum einen gibt es den Diakon im Hauptberuf, d.h. der in der Kirche hauptberuflich arbeitet, ähnlich wie auch Gemeinde- oder Pastoralreferenten und Priester unterwegs sind. Zum anderen gibt es Diakone mit Zivilberuf, sogenannte „nebenamtliche Diakone“, die zwischen ihrer zivilberuflichen Tätigkeit und der kirchlichen Beauftragung eine Brücke bauen können von einer Tätigkeit in der Arbeitswelt und der heutigen Gesellschaft zum Netzwerk der Gläubigen in der Gemeinde.
Die Diakone sind in der Regel auch verheiratet, das bedeutet, sie bringen ihr Erfahrungsspektrum als Familienväter und Ehemänner in die Glaubensverkündigung und sakramentale Beauftragung mit ein.
Ich bin natürlich einerseits hier, um Werbung für dieses meiner Meinung nach sehr attraktive kirchliche Amt zu machen (Näheres können Sie von der Ausstellung erfahren, die in der Kirche aufgebaut ist). Ich möchte Sie andererseits aber auch dazu ermutigen, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, wo wir uns als getaufte Christen, ausgestattet mit Taufwürde, in unserem Verkündigungsauftrag positionieren, wo wir herausgefordert werden durch den Satz aus unserer Lesung.
Auch in unserem Evangelium heute scheint diese Herausforderung durch, wenn von dem „Geist der Wahrheit“ die Rede ist, „den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.“ Von der eigenen Hoffnung Zeugnis zu geben und vom Geist der christlichen Wahrheit erfüllt zu sein - das wäre in Kurzfassung die Frohe Botschaft des heutigen Sonntags.
Es ist keine leichte Aufgabe und es gibt immer wieder Situationen, Ereignisse und auch innerkirchliche Meldungen, die uns ratlos oder manchmal sogar verzweifelt stehen lassen. Aber ich sage mir: trotz alledem will ich auf das Wort Gottes vertrauen und meine Hoffnung auf Jesu Beistand und seine Unterstützung setzen. Ich will trotz allem unterwegs bleiben zu den Menschen, hin- und herlaufen zwischen der Schwelle von Kirche und Welt, mehr Kirche in der Welt entdecken und mehr Welt in die Kirche bringen - ohne die Kirche zu verweltlichen.
Und ich will mir immer wieder einen der häufigsten Sätze der Bibel in Erinnerung rufen, der auch in unserer heutigen Lesung vorkommen würde, wenn wir sie einen Vers früher begonnen hätten: Fürchtet euch nicht, lasst euch nicht erschrecken (1 Petr 3,14).
Fürbitten:
Jesus Christus hat uns den Beistand des Geistes der Wahrheit zugesagt, er lässt uns nicht verloren zurück. Wir rufen voll Vertrauen zum barmherzigen Gott und bitten ihn:
- Für die Kirche: dass sie sich den Menschen in Not zuwendet und ihnen beisteht, wenn die Mühen zu groß und die Lasten zu schwer werden.
- Für alle, die auf den Namen Jesu Christi getauft sind: dass sie aus dem Geist der Taufe leben können und Verkünderinnen und Verkünder sind von Glaube, Hoffnung und Liebe.
- Für Menschen, die Erfahrungen des Scheiterns machen: dass ihre Zuversicht wachse und sie Bestärkung und Beistand finden.
- Für alle, die sich in ihrer verbliebenen Lebenszeit verlassen fühlen: dass dein Geist der Barmherzigkeit und des Trostes sie umfange.
- Für kirchliche Berufungen: dass sich immer wieder Männer und Frauen finden, die sich in den Dienst nehmen lassen, bei den Menschen und für die Menschen Kirche zu sein.
Erbarmender Gott, ohne deinen heiligen Geist sind wir kraftlos und mutlos, Stärke du uns und segne unser Tun, heute und alle Tage, die uns geschenkt sind. Amen.