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„Sonntag ist wie Auferstehung“ im Gespräch mit Pater Hengsbach SJ

Hengsbach SJ
Datum:
Veröffentlicht: 23.9.11
Von:
Elisabeth Goller

Artikel aus dem Andere Zeiten Magazin

Das Grundgesetz sagt es klar und deutlich: Der Sonntag ist als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung geschützt. Doch er ist von vielen Seiten bedroht: Immer mehr Geschäfte haben auch sonntags geöffnet, und viele Menschen wissen mit dem freien Tag schlicht nichts mehr anzufangen. Darüber hat Andere-Zeiten-Redakteurin Ulrike Berg mit Friedhelm Hengsbach gesprochen. Der 74-jährige Jesuit gilt als einer der bekanntesten Sozialethiker Deutschlands.

Das Grundgesetz sagt es klar und deutlich: Der Sonntag istals Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung geschützt. Doch er ist vonvielen Seiten bedroht: Immer mehr Geschäfte haben auch sonntags geöffnet, und vieleMenschen wissen mit dem freien Tag schlicht nichts mehr anzufangen. Darüber hatAndere-Zeiten-Redakteurin Ulrike Berg mit Friedhelm Hengsbach gesprochen. Der 74-jährigeJesuit gilt als einer der bekanntesten Sozialethiker Deutschlands.

PaterHengsbach, wie gefährdet ist der arbeitsfreie Sonntag Ihrer Meinung nach derzeit?

Der ist jetzt so gefährdet wie vielleicht vor einigen Jahrendas freie Wochenende gefährdet war. Damals haben die Kirchen gesagt: DerSamstag, den sollen die Gewerkschaften verteidigen - wir verteidigen denSonntag. Weil sie keine Koalition zustande bekommen haben, ist der freie Samstagschon zum Werktag geworden. Die Verteidigungslinie des Sonntags ist brüchig: Aufder einen Seite nehmen Sonntagsarbeit, Nachtarbeit und Schichtarbeit drastischzu. Auf der anderen Seite versuchen Städte und Gemeinden, verkaufsoffene Sonntageeinzurichten, um die Leute in die Städte zu ziehen und den Umsatz zu steigern.

Warum ist ein freier Sonntag denn überhaupt wichtig für dieMenschen?

Wichtig ist, die Freiheit des Menschen zu erhalten gegenüberselbst erzeugten Zwängen: Immer etwas tun zu müssen. Der Sonntag wäreeigentlich so ein Tag der Freiheit, wie es in der Bibel eben auch heißt: Dusollst frei sein, du sollst nicht arbeiten müssen, aber auch deine Knechte,deine Sklaven, dein Vieh, die sollen an dem Tag nicht arbeiten müssen. Und dassind zwei Dimensionen. Auf der einen Seite ist es ein Tag, wo eigentlich ichfrei bestimmen kann, was ich mache. Und das andere ist, dass es keinen Sinn macht,dass jeder sich seine freie Zeit am Montag, am Dienstag oder an einem anderen Tagverschafft, denn das ist dann nur Freizeit. Festzeit dagegen kann man nur mitanderen haben, sie muss gesellschaftlich organisiert werden. Sonst verheddernwir uns in der Organisation. Dann habe ich frei, aber meine Freundin hat nichtfrei oder das überschneidet sich nur halb. Das kostet dann enorme Nerven, eineParty zu organisieren…Einen Restbestand an kollektiv reservierter Zeit gibt es janoch. Aber die ist sehr eng geworden.

Worauf sollten Eltern bei der Gestaltung desFamiliensonntags achten?

Ich habe vor kurzem gelesen von einem Vater, der mit seinenKindern im Zoo war. Und kaum waren sie im Auto, da holte das Mädchen dieHausaufgaben raus und fing an, Potenzrechnung zu üben. Da fiel dem Vater ein,dass sie früher nach dem Besuch so eines Zoos erstmal darüber geredet haben,einfach so das Ganze noch mal nachgespürt haben und dass das heute selbst für12-jährige Kinder nicht mehr möglich ist: Sich zu freuen und dann gleichsamnoch mal dieser Freude im Erzählen nachzuspüren. Das ist auch eine Frage der Zeitnot,dass selbst solche gemeinsamen Erholungszeiten unter dem Druck dessen stehen,was dann am nächsten Tag passiert. Selbst bei Kindern! Ich denke, dass die Bedrohungdes freien Sonntags nur ein Bestandteil der Bedrohung der autonomen Zeit von Menschen,aber auch der Gesellschaft ist.

IstSonntagsruhe angesichts der hohen Zeitnot heute noch wichtiger geworden alsfrüher?

Ich finde schon, weil es verschiedene Invasionen in unsereselbstbestimmte Zeit gibt. Das hängt zum Teil mit der Computerzeit zusammen,dass man also auf der ganzen Welt immer in dieser „Echtzeit“ kommunizierenkann. Irgendwo kann immer irgendein Computer arbeiten und Informationenaufnehmen und weiterreichen. Wir müssen alles gleich mitkriegen, wenn espassiert ist. Wir können nicht warten.

Beim kleinen Prinzen heißt es ja so schön: Es muss feste Zeitengeben. Ich darf nicht jederzeit erreichbar und verfügbar sein. Es muss festeZeiten geben, damit ich darauf warten kann. Wenn ich weiß, dass du in zweiStunden kommst, kann ich mich zwei Stunden darauf vorbereiten, kann überlegen,welche Fragen ich habe oder wie der andere gestimmt ist. Dann dehnt sich dieZeit, die ich mit einem anderen verbringe, auch auf die Wartezeit aus. Wir aberkönnen nicht mehr warten. Und das ist eine Bedrohung, die ja auch bei vielenLeuten durch das Handy oder durch die Medien noch mal zugespitzt wird.Permanent online…Manchen Menschen fällt es schwer, ihren freien Sonntagsinnvoll zu füllen. Dann ist es eher ein Tag der Leere als ein Tag desGenießens.

Woranliegt das Ihrer Meinung nach?

Der Druck, der in der Erwerbsarbeitszeit ausgeübt wird,lässt Leute am Wochenende völlig erschöpft oder auch am Abend leer und überfordertsein. Dass so viele abends einfach nur den Fernseher einschalten, hat auchdamit zu tun, dass sie erschöpft sind oder auch diese Unruhe, die durch Kinderum sie verbreitet wird, einfach nicht mehr ertragen. Dass uns das so schwergelingt, einen solchen Tag autonom und schöpferisch zu gestalten oder auch mitder Familie hängt zum Teil mit diesem ungeheuren Zeitdruck und derArbeitsintensität zusammen, die sich in der normalen Erwerbsarbeit ausgebreitethat.

Sie leben in einer Jesuitenkommunität. Wie gestalten SieIhren Sonntag?

Mein Problem ist, dass ich auf der einen Seite frei verfügenkann über meine Zeit, eine interessante Arbeit habe und mich eigentlich vor mirselbst schützen muss. Ich versuche das, aber es gelingt nicht immer. In denletzten zwei Monaten war der Druck so groß, dass ich wirklich sonntags meineVorträge vorbereitet habe. Das finde ich nicht normal. Was ich anstrebe: Sonntagkeine E-Mail, keine so genannte dienstliche Arbeit. Dann höre ich Musik. Der Gottesdienstgehört dazu. Ich lese ein Buch oder schreibe Briefe. Der Sonntag muss anderssein als der Werktag.

Vor kurzem habe ich eine Frau getroffen, die hatte ich langenicht gesehen. Sie hat ihren Mannverloren, und da haben wir gesprochen. Das waren zwei Stunden sehr schöne Zeit.Anschließend habe ich gedacht: Ich kann jetzt nicht an den Schreibtisch gehenund eine Arbeit wieder anfangen. Jetzt gehe ich eine Stunde spazieren und lassdas einfach mal nachklingen. Das sind für mich die Zeiten, wo ich „Sonntag“und, wie man so sagt, auch „Auferstehung“ erlebe.

aus: Magazin zumKirchenjahr, Heft 3/2011, Verein Andere Zeiten Hamburg, www.anderezeiten.de

An dieser Stellle möchte ich mich ganz herzlich beim Andere-Zeiten-Redaktionsteam uns natürlich bei unserem Pfarrer bedanken, dass ich diesen Arkikel hier veröffentlichen durfte.

Hinweisen möchte ich noch auf:

"Sonntags. Erfindung der Freiheit" so heißt das Sonntagsbuch von "Andere Zeiten", eine Liebeserklärung an der wertvollsten Tag der Woche. Im Sonntagsblog im Internet unter www.machmalsonntag.de erfahren Sie weiterhin Nachdenkliches, Aktuelles und Witziges zum Sonntag.