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Und das Volk stand da und schaute zu

Kreuzigung
Datum:
Veröffentlicht: 20.11.22
Von:
Stefan Fleischmann
Ein Satz geht unserem Evangelium voraus, der leider in der Leseordnung nicht vorgesehen wurde. Er wurde einfach weggelassen: Und das Volk stand da und schaute zu! Jesus hängt am Kreuz. Jesus wird am Kreuz verhöhnt und verspottet. Nicht nur einmal, sondern dreimal von verschiedenen Personengruppen. Das sind Nadelstiche, die sitzen.

Ein Satz geht unserem Evangelium voraus, der leider in der Leseordnung nicht vorgesehen wurde. Er wurde einfach weggelassen:

Und das Volk stand da und schaute zu!

Jesus hängt am Kreuz.
Jesus wird am Kreuz verhöhnt und verspottet.
Nicht nur einmal, sondern dreimal von verschiedenen Personengruppen.
Das sind Nadelstiche,  die sitzen.

Führende Männer sagen:
Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte.

Soldaten reichen ihm Essig und sagen:
Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!

Und dann noch der Verbrecher, der neben ihm hängt:
Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns!

Und das Volk stand da und schaute zu!
Sprachlos, fassungslos, entsetzt.

Ja, warum befreit er sich denn nicht selbst?
Warum tut er sich das denn an?

Am Ende des Kirchenjahres werden wir vom Evangelisten Lukas auf eine Bibelstelle verwiesen, die ziemlich am Anfang steht – nämlich vor dem öffentlichen Auftreten Jesu: seine Versuchung in der Wüste. Erinnern Sie sich? Da sprach zu ihm der Teufel: Wenn du Gottes Sohn bist, befiel diesem Stein, dass er Brot werde? Ich will dir Macht und Herrlichkeit geben, wenn du mir huldigst? Wenn du Gottes Sohn bist, stütze dich vom Tempel herab? Reichtum, Ehre und Macht verbergen sich hinter den drei Versuchungen. Und Jesus, er hält diesen Versuchungen stand. Von Anfang an wird Jesus vorgestellt als der ganz andere ...König, nicht als Herrscher oder Machtmensch. Jesus ist nicht gekommen,  um sich dann am Ende selbst zu retten und zu erlösen, sondern um zu suchen und zu retten, was verloren ist.  In der Nachfolge Jesu  (ob als Pfarrer oder in anderen Rollen und Ämtern)  ist genau das unser Auftrag. Reichtum: Nicht so sehr nach dem eigenen Reichtum zu streben, sondern danach zu fragen, wer denn die Armen sind? Ehre: sich nicht selbst zu inszenieren und in den Mittelpunkt zu stellen, sondern Menschen durch den Glauben an Jesus Christus zu einem Leben in Würde und Freiheit zu führen und befähigen. Macht: Nicht den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, sondern in der je eigenen Verantwortung mit Achtsamkeit, Geduld und Menschenliebe dem Menschen zu begegnen und zu handeln! Sein Königtum mitten unter uns!

Und das Volk stand da und schaute zu
und schaut auf das gescheiterte Leben seiner Botschaft vom Reich Gottes. Und auch wir wissen: Wenn wir Jesus nachfolgen, werden wir nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sondern auch immer wieder gegen den Strom schwimmen müssen –unserem Gewissen verpflichtet.

Liebe Gemeinde,

der folgende Dialog am Kreuz zwischen Jesus und dem Verbrecher,  markiert genau die Sendung Jesu und das Ziel unseres irdischen Lebens:

„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“
Der Verbrecher hebt sich in seiner Anrede von den anderen ab. Er sieht in dem leidenden Angesicht das Gesicht Gottes und nennt ihn Jesus – Retter, Heiland, Erlöser.

Und Jesus sagt: „Amen, ich sage dir. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Am Ende steht die Vergebung und das ewige Leben. Darauf dürfen wir vertrauen als seine Königskinder. Diese Königswürde hat uns Christus bei der Taufe schon längst ins Herz gelegt.

Und das Volk stand da und schaute zu!

Es ist davon auszugehen, dass sich in diesem Stehen am Kreuz ein innerer Wandel – eine innere Verwandlung -  vollzogen hat und auch heute noch vollzieht – im Leben und in unserem Sterben: Vom Schauen auf ihn zum Glauben an ihn, Jesus Christus. Amen.