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Und führe uns nicht in Versuchung

Fastenzeit 2023 St. Konrad
Datum:
Veröffentlicht: 25.2.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann
Die biblischen Versuchungen treffen den Menschen an seiner schwächsten Stelle: Materialismus, Vermessenheit gegenüber Gott und Macht. Nach 40 Fasttagen in der Wüste steht Jesus mit dem Rücken zur Wand – auf sich allein gestellt. Und der Teufel setzt noch eines oben drauf.

Liebe Schwestern und Brüder,

die biblischen Versuchungen treffen den Menschen an seiner schwächsten Stelle: Materialismus, Vermessenheit gegenüber Gott und Macht. Nach 40 Fasttagen in der Wüste steht Jesus mit dem Rücken zur Wand – auf sich allein gestellt. Und der Teufel setzt noch eines oben drauf, indem er Jesus im Kern seiner Identität trifft und packt: „Wenn Du Gottes Sohn bist, dann mach doch jetzt...!“ Das erinnert an die Kreuzigung. Wenn Du Gottes Sohn bist, dann steig herunter. Hilf dir doch selbst.

Das Böse kommt so harmlos und subtil daher, um Jesus schmeichelnd aufzusuchen, um ihn auf die Probe zu stellen und mit ihm ein Experiment zu statuieren. Das setzt sich ja später fort mit den Hohepriestern und Schriftgelehrten. Auffallend: die einfachen Leute machen das ja nicht! Doch Jesus lässt sich nicht zum Machtmissbrauch verleiten, sich selbst zu retten und die eigene Haut möglichst ins Trockene zu bringen. Nein, das ist nicht sein messianisches Verständnis! Dafür ist er nicht in die Welt gekommen, sondern die Macht als Mittel zu sehen, um andere aus dem Schlamassel zu ziehen. Mit allen Konsequenzen, so dass er selbst am Kreuz hängt!

Die Begegnung im Evangelium ist ein Duell zwischen Jesus und dem Teufel-auf einem ganz hohen biblischen Niveau. Jesus argumentiert jeweils aus dem Alten Testament, genauer gesagt aus dem Buch Deuteronomium. Das tut der Teufel dann spätestens ab der 2. Versuchung auch. Aber, da hält der Name, was er verspricht: der Teufel, der oft Vater der Lüge genannt wird, weil er in seiner bösen Absicht die Worte der Heiligen Schrift aus dem Zusammenhang reißt und somit verdreht. Man könnte auch sagen: er ist ein Fundamentalist.

Schauen wir uns die erste Versuchung an: „Befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ Brot ist für uns ein Grundnahrungsmittel. Die Sorge um das tägliche Brot für alle Menschen auf der Welt darf uns nicht abhanden kommen; die weltweite Solidarität muss unser Anspruch bleiben. Doch Jesus sieht den ganzen Menschen: Woran hängst du dein Herz? Wovon versprichst du dir Leben? Der Mensch lebt nicht nur von Brot, von unzähligen Spielsachen im Kinderzimmer oder großen Autos und Wohnungen. Hören wir die Worte „nicht nur...“, hören wir genau hin! Der Mensch lebt von einem Gesehen - werden, von Wertschätzung und Anerkennung und Liebe, d. h. von jedem guten Wort eines Mitmenschen, das ihn aufrichtet, bestärkt, ermutigt. Ansonsten verkümmert er! Was nährt dein Leben? Was rüttelt dich wach? Was gibt dir in schwierigen Situationen, im Leid, in der Krankheit Trost und geistliche Nahrung? Kennen wir noch Worte aus der Hl. Schrift? Leben wir daraus – sozusagen als geistliche Quelle? Vor 10 Jahren haben mich meine Kollegen in der Schule ausgelacht, weil ich in der 3. und 4. Klasse Psalmverse und Gebete auswendig lernen ließ. U. a. heisst "auswendig lernen"  im Englischen "lerning by heart", d. h. mit dem Herzen lernen. 

In der zweiten Versuchung kommt die ganze Vermessenheit gegen Gott zum Ausdruck: Die Worte aus dem Psalm 91 entnommen, werden selbst zur Versuchung, Gott und das Vertrauen in ihm herauszufordern und im ganzen Größenwahn des Menschen Gott auf die Probe zu stellen. Jesus bleibt demütig. Er weiß, dass alle Macht, wie alles Irdische, von Gott geschaffen ist und sich von ihm ableitet und daher begrenzt und endlich ist. Und der Teufel setzt noch eines oben drauf; er geht aufs Ganze, indem er so tut, als ob ihm alle Reiche der Welt selbst gehören und er Gott ist – ausgestattet mit Vollmacht - dem allein Ehre und Anbetung gilt! Jetzt zeigt der Teufel ganz offen sein Gesicht, so dass Jesus zu ihm sagt: Weg mit dir, Satan. „Ad majorem dei gloriam,“, zur größeren Ehre Gottes oder ich möchte hinzufügen „Alles zur größeren Ehre Gottes“ lege ich Jesus jetzt in den Mund.

Liebe Schwestern und Brüder,

erlöse uns von dem Bösen, und vorher beten wir: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ D. h. führe uns in der Versuchung, uns ihm in der Versuchung anzuvertrauen. Zwei Impulse für meine christliche Haltung, die Herausforderungen unserer Zeit anzunehmen und daran zu wachsen: Bringt sie mich näher zu Gott, oder bringt sie mich eher ab von Gott und seiner Liebe? Schränkt sie mich immer mehr ein, so dass ich am Schluss in einem goldenen Käfig sitze, oder schenkt sie mir inneren Raum und Weite, meinen Mitmenschen Freiheit und Leben, so wie Jesus verheißen hat, Weg, Wahrheit und Leben zu sein.

Amen.