Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

1. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ So sangen junge Leute immer sehr gerne im Studierendengottesdienst im Priesterseminar. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
2. Ich höre dieses Lied sehr gerne – ein Vers aus dem Psalm 8. Der gewaltige Sternenhimmel lässt einen betrachtenden Menschen dieses Lied anstimmen. Was ist der Mensch in der Verlorenheit des Weltraums? Was ist der Mensch in Anbetracht des großen Schöpfers?
3. Die Frage verstummt nie! Was ist der Mensch? Gibt es keine Antwort? Wir sehen und hören täglich die Nachrichten, was Menschen erleiden und anderen an Leid zufügen und schuldig werden, was sie tun und unterlassen. Was ist der Mensch? Soviel Leid, soviel Not, aber auch so viel wunderbares schöpferisches Werk, das wir sehen und spüren, wie großartig die Erde geschaffen ist, und noch wunderbarer der Mensch: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“
4. „Was ist der Mensch?“ Wir schauen in die Menschheitsgeschichte, mit Licht und Schatten; wir schauen in unsere Kirchengeschichte bis in unsere Zeit voll Staunen, Unverständnis und Nichtverstehen; und wir schauen in unsere eigene Geschichte – der Mensch oft ein Rätsel, das nicht zu lösen ist: Ich stehe am Krankenbett. Noch vor ein paar Monaten blühendes Leben. Nichts erkennbar, was auf eine Erkrankung hindeutete. Und jetzt gezeichnet von völliger Hinfälligkeit. Wir haben uns am Sterbebett verabschiedet, und auf dem Heimweg kam wieder diese Frage: Was ist der Mensch?
5. Die Frage wandelt sich: „Was bin ich?“ Auch diese Frage verstummt nie. Sie fragt nicht nach dem Beruf, was ich bin und kann, vollbracht und geleistet habe, sondern geht viel tiefer. Ich stehe vor dem Spiegel und schaue mir einmal selbst in die Augen. Was bin ich? Wer bin ich denn eigentlich?
6. Auch der Psalmist kennt diese Frage: „Was ist der Mensch? Wie mit großen Erstaunen lässt der Psalmbeter die Frage weitergehen: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, das du dich seiner annimmst?“ Und wieder wandelt sich das Wort: „Wer bin ich, dass du an mich denkst, dass du dich meiner annimmst?
7. In der Frage steckt die Antwort: „Er hat an mir Gefallen!“ Huub Oosterhuis übersetzt den Psalm so: „Göttertöchter sind wir und – söhne, gekrönt mit unsichtbaren Kronen, in verfeinerte Körper gekleidet!“ Das ist das Geheimnis des Menschen.
8. „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst“. Fast unglaublich will uns das vorkommen: der große, ewige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde – und ich der winzige Mensch. Der tiefste Grund dafür, dass Gott liebend an mich denkt: Jesus, der Sohn Gottes. Von diesem Jesus, den Christus, werden wir an den nächsten Sonntagen im Jahreskreis aus dem Lukasevangelium erfahren, wie er den Menschen, sein begnadet und angenommen sein von Anfang an, in den Mittelpunkt stellt: Wir hören von den Jüngern, die von Jesus zur neuen Aufgaben des Menschenfischens ermuntert werden; der Witwe, die ihren Sohn verloren hat; von einer Sünderin, die Jesus ihre ganze Liebe entgegen bringt; vom Zöllner Zachäus, der in der Gegenwart Jesu auch seine liebenswerte Seite entdeckt; vom barmherzigen Samariter, der den unter die Räuber Gefallenen hilft.
9. Geschichten, wie das Leben so spielt, aber auch, wie Gott am Menschen handelt, wie ein Vater, der sich für seine Kinder engagiert, vergibt, tröstet, hilft und zu neuem Aufbruch verhilft. Die Menschen, die Gott in seinem Sohn Jesus Christus begegnen, sind von ganzem Herzen ergriffen. In diesem Ergriffenwerden und sich ergreifen lassen – von seinem Wort, seiner Nähe, seinem Geist – werden ganz neue Wege aufgetan und Menschen kommen zum Glauben an Jesus Christus – auch heute noch. „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“
Amen.