Was uns der Heilige Konrad für das Neue Jahr zu sagen hat

Liebe Schwestern und Brüder,
1. ich muss immer schmunzeln, wenn Kinderhände die Hand des Heiligen Konrad ganz kumpelhaft abklatschen und ihren Weg dann fortsetzen. Dort hinten im Eingangsbereich unserer Kirche hat er seinen Platz gefunden –ein Spiegel seines „Lebenswerkes“, leistete er doch als Pförtner einen wichtigen Dienst an der Schwelle zwischen Drinnen und Draußen. Ein wahres Vorbild bis heute, eine Willkommens- und Abschiedskultur in unserer Kirche und Gesellschaft zu pflegen und weiter zu entwickeln.
2. Der Bruder Konrad war ein sogenannter Brückenbauer für all die hilfebedürftigen und suchenden Menschen, die bei ihm an der Pforte aufschlugen. Er trat mit ihnen in Beziehung und schenkte ihnen ein Wir-Gefühl: „Du gehörst dazu!“ Damals wie heute sind die Risse, die durch die Gemeinschaften, durch die Gesellschaft, aber auch durch das Leben Einzelner gehen, unübersehbar. Wir haben hier keine Klosterpforte mehr, aber es gibt viele Menschen (Haupt- und Ehrenamtliche) in unserer Pfarrgemeinde, die einen Liebesdienst – oft ganz unscheinbar und im Verborgenen – außerhalb unserer Liturgie ausüben. Ich nenne sie gerne „Engel“ oder einen „guten Geist“. Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückschaue, bin ich dafür sehr dankbar, weil dadurch gerade die Menschen im Blick bleiben, die wir sonst im Alltag vergessen oder die ganz von der Bildfläche verschwinden würden.
3. Es ist historisch belegt, dass der Heilige Konrad sehr viele und lange Wege im Kloster selbst zurückgelegt hat; er war sozusagen unermüdlich unterwegs. Kein Weg war ihm für die an der Pforte anklopfenden Menschen zu weit, und er war es gewohnt; denn ein bewegendes Leben hatte er schon vor Eintritt ins Kloster. Er war stundenlang unterwegs, um Gottesdienste und Einkehrtage zu besuchen, die Beichte und die hl. Eucharistie zu empfangen. Was hindert uns Christen eigentlich heute, die eine oder andere Etappe innerhalb der Pfarrei oder im Seelsorgebereich anzunehmen, weil nicht mehr an allen Orten das breite pastorale Angebot aufrechterhalten werden kann? Was hindert uns eigentlich, wieder einmal das Sakrament der Versöhnung zu empfangen oder um ein Seelsorgegespräch zu bitten?
4. Bruder Konrad muss von einer großen, sehnsuchtsvollen Suche nach dem Göttlichen und Größeren erfüllt gewesen sein, die ihn angetrieben hat, sich immer wieder auf den Weg, auf einen geistlichen Weg, zu machen. Aber auch das eine oder andere zu bedenken und zu verarbeiten, loszulassen und Neues zu entdecken. Es waren vertraute Wege, aber auch neue und unbekannte Wegetappen: „Alles – die Probleme, die Spannungen, die Nervösität, die Ängste, die Gedankenschleifen -löst sich im Gehen um seiner selbst willen… Dadurch, dass ich gehe, verändere ich mich von meinem Seinszustand her, werde ein anderer Mensch.“ (A. Schöpf).Wenn wir zum 70jährigen Kirchenjubiläum eine 4 Tagesfahrt nach Altötting anbieten (9-12.05.2024), dann gehen wir auch auf seinen Spuren Pilgerwege. Ich freue mich darauf! Aber was ist, wenn man aus gesundheitlichen oder anderen Gründen an einen Ort gebunden ist – und kein längeres Gehen mehr möglich ist? Vielleicht hilft hier der Hinweis auf die mittelalterliche Praxis einer geistlichen Pilgerfahrt weiter. Man wählt auf Karten, aus dem Fotoalbum oder aus Reiseführern einen Ort und eine Wegstrecke dorthin aus und versucht, mit Hilfe der Fantasie sich einen Weg vorzustellen und mit Hilfe der Vorstellungskraft eine geistig-geistliche Neuorientierung auf den Weg zu bringen. Probieren Sie es einmal im neuen Jahr aus und gehen Sie in Gedanken los!
5. Am Ende eines Jahres spüren wir zurückblickend: Leben ist nicht Stillstand, sondern Leben ist immer innere und äußere Bewegung im persönlichen Leben, in der Familie, im gesellschaftlichen Kontext, aber auch in einer Pfarrei und im Seelsorgebereich. Manche Wege waren im vergangenen Jahr angenehm und bereichernd, andere anstrengend und kräftezehrend! Vergelt`s Gott für die Weggemeinschaft im Pfarrgemeinderat und in der Kirchenverwaltung, für jedes aufmunternde Wort, für jede hoffnungsvolle Geste der Verbundenheit Einzelner, für jede Aussprache zur Klärung und Versöhnung.
6. Die hohe Geschwindigkeit und die Vielzahl an Veränderungsprozessen in unserer Zeit machen den Menschen insgesamt zu schaffen, dabei nicht mithalten zu können oder ganz auf der Strecke zu bleiben. Geschaffene Komfortzonen werden zusätzlich oft zum Hemmschuh, sich darauf einzulassen, immer wieder neu auf den Weg zu machen, loszugehen, das eine oder andere Schritt für Schritt anzupacken, statt zu klagen und wehmütig zurückzuschauen
7. Bewegung verbinde ich mit Lebendigkeit, Entwicklung und Wachstum: „Das Alte ist vergangen. Neues geworden. Seht ihr es nicht?“ (vgl. Jes 43) Altes ist Vergangenheit und darf losgelassen werden und bleiben und behält seinen unverwechselbaren Wert. Diese Erfahrung mussten wir als Pfarrgemeinde in diesem Jahr mehrfach machen, z. B. mit der St. Otto – Kirche. Aufbrechen ist Verheißung, das nie Dagewesene finden und entdecken: „Ich – DU – Wir“. Friedrich von Bodelschwingh hat einmal gesagt: „Christus steht nicht hinter uns als Vergangenheit, sondern vor uns als unsere Hoffnung.“ Nach ihm –dem Stern unserer Hoffnung und Freude – dürfen wir immer wieder in jeder Lebenssituation sehnsuchtsvoll und vertrauensvoll Ausschau halten und uns orientieren auf dem Weg ins Neuland 2024.
8. Ob Bruder Konrad gerne gefeiert hat, wissen wir nicht. Als unser Kirchenpatron hält er aber seine schützende und fürbittende Hand über uns, wenn wir im kommenden Jahr drei Jubiläen feiern: 70 Jahre Kirche St. Konrad, 60 Jahre Frauenbund, 10 Jahre KITA. Das ist Grund zum Feiern und zur Freude. Vergelt`s Gott für alles Engagement. Der Heilige Konrad selbst fügt noch zwei weitere Jubiläen hinzu: sein 130. Todestag (1894) und seine Heiligsprechung vor 90 Jahren. (1934).
9. „Geh jetzt!“ So könnte uns der Heilige Konrad -nach dem Abklatschen - zurufen. Gerade an Knotenpunkten und neuen Wegabschnitten des Lebens tun solche Worte gut, schenken sie doch Mut und Zuversicht. „Geh jetzt einfach mal los…alles Weitere wird sich geben, wird dir auf dem inneren und äußeren Weg geschenkt!“ Freilich: dazu gehören Straucheln und Fallen, Umwege und Irrwege, Sonne und Regen, schwere Beine und ein müder Geist, Sorge und Freude, Distanz und Nähe, belastende und ermutigende Erlebnisse. Geh jetzt! Immer wieder wirst du Menschen begegnen, die dich aufrichten oder du wirst selbst aufstehen und dem Ziel näher kommen. Geh jetzt den ersten Schritt ins neue Jahr vertrauensvoll mit Gottes Segen! Amen.