Welches Weihnachtslied haben Sie besonders gerne?

Liebe Schwestern und Brüder,
welches Weihnachtslied haben Sie besonders gerne?
Alle Weihnachtslieder haben eines gemeinsam; sie besingen die zentrale Botschaft von Weihnachten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geborgen, er ist der Messias, der Herr.“ Oft sind Text und Melodie in schwierigen Zeiten und Lebenssituationen entstanden. Umso mehr schenken die Lieder Trost, Hoffnung und Zuversicht, was wir ja auch in der Menschwerdung Gottes feiern! Und vor allem: Die Lieder wollen uns weiter und tiefer in das Festgeheimnis einführen und uns einladen zum Staunen und Verstehen, zum Glauben und zur Anbetung – oft in einer bildhaften Sprache.
Welches Weihnachtslied singen Sie gerne?
Seit einigen Wochen ist mir ein Weihnachtslied in besonderer Weise präsent: „Es kommt ein Schiff geladen!“ Es hat seinen Hintergrund. Zu Beginn des Advents besuchte mich ein älteres Ehepaar aus der Pfarrgemeinde und überreicht mir eine große Osterkerze: „Diese wollen wir ihnen schenken.“ Ich wundere mich! „Im Advent – eine Osterkerze?
„Wir haben noch viele Osterkerzen. Aber diese soll ihre sein. Schauen sie selbst –die Osterkerze zeigt ein Schiff“, fügt der ältere Mann hinzu. „Mmh Schiff?!“ Für einen Augenblick beschäftigt mich dieses Bild. Welches Schiff meint er jetzt da? die Arche Noah; das Gemeindeschiff; die Flüchtlingsboote; das Boot auf dem stürmischen See von Galiäa? Ich erinnere mich an das Advents- und Weihnachtslied: „Es kommt ein Schiff geladen.“ Ich möchte heute mit Ihnen in dieses Lied eintauchen!
1. Strophe (236):
Es kommt ein Schiff geladen
bis an sein höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.
Im Mittelpunkt steht ein geheimnisvolles Schiff, das für eine besondere Reise steht. Es scheint alleine zu fahren, aus eigener Kraft. Durch das Segel nimmt das Schiff Fahrt auf und bewegt sich still und unaufdringlich auf den Wellen, so wie die Liebe des Vaters der Beweggrund dafür ist, dass er seinen Sohn, geboren "vor aller Zeit"- wie es im kirchlichen Glaubensbekenntnis heißt - als ewiges Wort in die Welt schickt. - Bereits im Alten Testament wird die tüchtige Frau mit einem Schiff verglichen: "Eine starke Frau, wer wird sie finden? Sie übertrifft alle Perlen an Wert … Sie gleicht dem Schiff eines Kaufmanns, aus der Ferne holt sie ihre Nahrung" (Sprichwörter 31,14). So steht das Schiff für Maria, denn sie trägt den Sohn und bringt ihn zur Welt.
2. Strophe:
Das Schiff gehst still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segen ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.
Merken Sie etwas: Das Lied wechselt ganz plötzlich den Takt- vom Dreiertakt auf den Vierertakt. Das Lied bekommt mittendrin eine besondere Dynamik, einen inneren Bewegungsschub. Die Zahl „drei“ steht für die Göttlichkeit, die „vier“ für die Elemente der Erde. Mit dem Schiff kommen sozusagen das Göttliche und das Menschliche zusammen, das Sterbliche und das, was ewig lebendig bleibt und sich immer wieder erneuert. Wenn wir mit unserem Lied jetzt weiter fortfahren, dann wird deutlich: Strophe für Strophe macht das Schiff neugierig auf die kostbare Ladung, die in der Stille, im Gebet, in der Meditation entdeckt werden möchte, wenn die Liebe Gottes in der Welt neu zum Tragen kommt und der Heilige Geist hier und jetzt einiges in Bewegung bringt.
3. Strophe:
Der Anker haft auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.
Der Anker steht für die Ankunft im Hafen – als Erfüllung der Verheißung! Der Anker steht für die Hoffnung –wider alle Hoffnung! Der Anker steht für das Vertrauensvolle-sich-festmachen – in einer Zeit des Misstrauens. „Das Wort will Fleisch uns werden“, erinnert an den Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort“. Das Wort will Fleisch werden in Jesus Christus, aber auch in uns selbst. Denken wir an berühmte Verse des Angelus Silesius: "Wird Christus tausendmal in Betlehem geboren doch nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verloren." Die Geburt des Kindes in Bethlehem ist in diesem Lied das Sinnbild für die innere Geburt des Menschen, der eingeladen ist zu erkennen: Gott wohnt nicht außerhalb von ihm, sondern in ihm selbst und steckt in allem Lebendigen. So ist die Menschwerdung Gottes immer auch mit unserer eigenen Menschwerdung verbunden, immer mehr Mensch zu sein, zu bleiben und zu werden. Das ist unsere Lebensaufgabe- bis wir das Ziel unserer Lebensreise erreicht haben!
4. Strophe
Zu Betlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren:
Gelobet muss es sein!
„Zu Betlehem geboren im Stall ein Kindelein.“ Die Geburt eines Kindes bedeutet Verheißung und Hoffnung. Sie sagt uns, dass es mit der Welt noch nicht am Ende zu sein braucht, dass es weitergehen kann: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß, und er Friede hat kein Ende.“ (Jes. 9,5).
„Im Stall ein Kindelein, gibt sich uns verloren!“ Der Philipperhymnus bringt dieses Geschehen auf den Punkt: „ER war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Das heisst so viel wie: "Loslassen". EINER hat es uns vorgemacht, nicht an irgendwelchen Dingen verkrampft festzuhalten, sich freizumachen von Meinungen, Vorurteilen, Rechthabereien oder auch Besitztümern. Selbst dann, wenn man sie mit der Zeit sehr liebgewonnen hat.
5. Strophe
Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel.
Vom Kuss ist die Rede. In manchen Ländern gibt es den Brauch, das Jesuskind zu küssen. Der Kuss - ein Zeichen innigster Einheit, in Freuden wie im Leiden: „Wer dies Kind mit Freuden, umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden, groß Pein und Marter viel.“ Das Lied schlägt eine Brücke von der Krippe über die Passion bis zur Auferstehung. Menschwerdung heißt, dass Jesus das Menschenlos mit uns teilt, sogar bis in die Tiefen der Gottverlassenheit und des Zweifels: Gott findet den Menschen und der Mensch findet Gott. Auf diesen bewegenden Weg des Glaubens, der Hoffnung und Liebe ist auch jeder von uns und die Kirche insgesamt gestellt – mit IHM an der Seite: „Fürchtet euch nicht! Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr.“
6. Strophe
danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.
Für mich ist dieses Lied - zumindest für dieses Jahr –mein Weihnachtslied. Denn ausgehend von Ostern dürfen wir Weihnachten feiern und verstehen, uns nach Betlehem aufmachen und die Knie anbetend beugen vor dem Größeren, der heil macht, Frieden und Versöhnung schafft und uns die Tür zum Paradies öffnet. Amen.