Wir hören heute am letzten Sonntag im Kirchenjahr – wir nennen ihn Christkönigssonntag - die sieben Werke der Barmherzigkeit. Der heutige Sonntag ist sozusagen das große Finale, die Zielgerade.
Liebe Schwestern und Brüder,
erst kürzlich habe ich ein Musical zum Leben des Heiligen Franziskus besucht. Was mir neu aufgegangen ist: In der Konfrontation mit den Armen ist Franziskus von Assisi mit sich und mit Gott mehr denn je in Berührung gekommen; er gerät dabei mit seinem Vater, der gut betucht ist, in einen großen Konflikt und stößt ihn mit seinem Verhalten völlig vor den Kopf.
Wir hören heute am letzten Sonntag im Kirchenjahr – wir nennen ihn Christkönigssonntag - die sieben Werke der Barmherzigkeit. Der heutige Sonntag ist sozusagen das große Finale, die Zielgerade.
Auffallend ist, dass zu den sechs bei Matthäus aufgezählten Werken noch ein siebtes hinzu gekommen ist: Tote zu begraben. Vielleicht können wir heute sagen, dass in diesem siebten Werk weniger die übliche Bestattung gemeint ist als die Begleitung Sterbender und die Bewahrung des Gedächtnisses an die Toten.
Dass sich diese Werke der Barmherzigkeit volkstümlich überliefert haben, ist gewiss kein Zufall. Von den vielen, schwer verständlichen Reden Jesu ist das eine, die jeder in sein Leben hineinbuchstabieren kann. Hier ist Jesus nicht der Ferne, sondern der Gegenwärtige, der unter uns ist: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“
Seit Jesu Menschwerdung manifestiert sich in der Not und in der Armut seine Gegenwart: Wie kommt das? Christus hat bei seiner Empfängnis die Lebensform der Schwäche, bei seiner Geburt die Lebensform eines Obdachlosen, bei seiner öffentlichen Wirksamkeit die Lebensform der Hungernden, bei seiner Gefangennahme die Lebensform der Gefangenen, am Kreuz die Lebensform aller Nackten und Entwürdigenden angenommen (vgl. Rotzetter, Anton, Beseeltes Leben. Spiritualität im Alltag). Darum besteht auch unser Christsein in einer wesentlichen und bleibenden Ausrichtung auf diese Personengruppen. Von den Kranken und Leidenden, von den Obdachlosen und Gefangenen, von den Hungernden und Dürstenden, den Heimatlosen, Fremden und Notleidenden gilt es zu begreifen, was wir glauben und an Weihnachten feiern.
Es fällt nicht schwer über diese Werke der Barmherzigkeit hinauszudenken. Denn es erscheinen uns heute noch ganz andere Formen von menschlicher Existenznot. Hunger und Durst nach Befreiung, nach Erlösung, nach Rettung oder auch Liebe; Einsamkeit und an Schuld leidend; vergessen und ausgegrenzt werden und traurig sein; der Mangel an Zeit und Kommunikation. Dabei geht es immer um drei menschlichen Bedürfnisse- auf der großen Bühne, aber auch im Kleinen: Zugehörigkeit, Intimität und Wirksamkeit.
Franziskus von Assisi muss etwas gespürt haben von der verändernden Kraft der Begegnung mit den Armen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Papst Johannes Paul II hat einmal von der Kultur der Barmherzigkeit gesprochen. Gibt es diese heute noch – in unserer Gesellschaft, in unseren Betrieben, in unseren Gemeinden? Eine Kultur der Barmherzigkeit?! An den Werken der Barmherzigkeit wird die Kirche und unsere christlichen Gemeinden über den Gottesdienst hinaus mehr denn je gemessen werden.
Was heißt Barmherzigkeit gegenüber den Menschen, die in ihrem Leben Brüche erleiden mussten? Welchen Stellenwert haben Menschen in unserer Gesellschaft, die gesundheitlich nicht mehr mithalten können – alt, krank, behindert sind? Wie schauen wir selbst auf unser eigenes Leben und Menschsein, wenn wir hier und da gescheitert sind und mit leeren Händen da stehen?
Jeder Gottesdienst ist Zuspruch, Gottes Barmherzigkeit zu erfahren; jeder Gottesdienst ist auch Anspruch, der in den diakonischen Dienst einmündet, wo uns Jesus Christus in anderer Weise begegnen möchte. Und dieser Liebesdienst beginnt mit dem Gebet!
Das Rollenspiel um Franziskus von Assisi endet: Der Bischof steigt vom Thron herab, legt Franziskus die Hände segnend auf das Haupt und nimmt ihn schützend unter seinen Mantel. Er legt den goldbestickten Mantel um die braune, magere Gestalt. Der Erzähler spricht zum Schluss die Worte: „Die Kirche nahm Francesco unter ihren Schutz. Und wohl der Kirche, solange unter ihrem Mantel von Brokat die Armut ihren Platz hat.“ Das Christkönigsfest weist auf das Proprium unserer Kirche explizit hin. Amen.