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„Wir werden einander viel verzeihen müssen!“

Liturgie Gründonnerstag
Datum:
Veröffentlicht: 6.4.23
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann
„Wir werden einander viel verzeihen müssen!“ - das gilt im gesellschaftlichen genauso wie im familiären Kontext, und besonders am Ende eines und unseres Lebens. Denn Vieles bleibt trotz aller Anstrengung und Mühe Stückwerk und unvollkommen – für Gott aber genug und von ihm angenommen.

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Satz ließ vor zwei Jahren  aufhorchen. Von einem Pfarrer gesprochen,  wären  diese Worte wohl nichts Außergewöhnliches. Aber von einem  Gesundheitsminister?  Vielleicht hat Jens Spahn  damals schon geahnt, dass man rückwirkend die Corona Maßnahmen und deren Folgen einmal anders oder zumindest sehr differenziert bewerten wird.

„Wir werden einander viel verzeihen müssen!“ - das gilt im gesellschaftlichen genauso wie  im familiären Kontext, und besonders am Ende eines und unseres Lebens.  Denn  Vieles bleibt trotz aller Anstrengung und Mühe Stückwerk und unvollkommen – für Gott aber genug und von ihm  angenommen. 

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Die Jünger Jesu haben sich untereinander viel zu verzeihen. Schauen wir uns kurz diese Truppe um Jesus an: Petrus, der engste Vertraute, verleugnet Jesus. Er überschätzt sich: „Nie wird das passieren!“ Beim Krähen des Hahnes bemerkt er sein Versagen. - Judas, der Jesus mit einem Liebesbeweis, einem Kuss, verrät. Er kann mit dieser Schuld nicht leben, noch mehr: Er kann an die vergebende Barmherzigkeit Gottes nicht glauben, und setzt seinem Leben selbst ein Ende. - Jakobus schläft am Ölberg ein, und lässt Jesus also in seiner Angst alleine zurück. - Und die anderen Jünger: Sie fliehen vor dem Kreuz, vor dem Anblick, vor der Blamage, vor Angst.

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Mit diesen Jüngern hält er sein letztes Mahl, sein Liebesmahl, zur Erinnerung, zu seinem Gedächtnis. Jesus macht vor, was es heisst,   zu dienen und zu heilen; das zeigt er eindrucksvoll in der Fußwaschung. Und er findet eine zeichenhafte Sprache für die Lebenshingabe und Liebesgabe an seine Freunde im Zeichen von Brot und Wein.

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Wie geht es weiter? Jesus erscheint seinen Jüngern, ganz unvoreingenommen und in neuer Weise in den Auferstehungsmählern: „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Das ist Ostern!

Jesus macht seinen Jüngern keine Vorwürfe, er hält ihnen keinen Spiegel vor, dass sie eigentlich menschlich gesehen total versagt haben. Jesus beginnt mit ihnen neu und traut ihnen  viel zu. Das ist Ostern!

Die Jünger machen die Erfahrung: Wunden und Verwundungen bleiben sichtbar, sie werden  aber zu einem  Erkennungszeichen  von Heilung und Erlösung. Das ist Ostern!

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Paulus sagt einmal: „Wenn jemand in Christus ist, so ist er neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen und Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17). Jede  Eucharistiefeier lässt uns im österlichen Mahl an dieser Neuschöpfung in Christus teilnehmen, wenn wir beten: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Im geteilten Brot, das uns Jesus selbst in seinem gebrochenen Leben zur Speise gibt, werden wir eins mit ihm, damit wir im und am Leben nicht zerbrechen: Brot des Lebens, Band der Liebe, Zeichen der Einheit. So werden wir  zu einer Quelle, aus der wir im Alltag schöpfen, „um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (aus Benedictus/Morgengebet der Kirche).

 

Liebe Schwestern und Brüder!

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“  Jens Spahn hat für mich den Nerv christlichen Lebens getroffen,  sich zunächst immer wieder mit der eigenen Lebensgeschichte auszusöhnen, geschlagene Wunden und Verwundungen zu integrieren, sie  von Gott wandeln und verwandeln zu lassen. 

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Dieser Satz gilt unseren christlichen Gemeinschaften, den  Familien und Partnerschaften, sich auszusprechen, zu verstehen und einander zu verzeihen. Versöhnungsrituale können  dabei sehr wertvoll sein, diesen Übergang vom Alten zum Neuen zu markieren.

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Die Weltgeschichte erzählt uns,  wie das gelingt oder auch misslingt;  aber auch in  Zukunft gibt es diesen Anspruch, wenn unser  Leben eine  Zukunft haben  und  unser Miteinander in der Gesellschaft und zwischen den Völkern gelingen soll.

Amen.