Wo kommen wir hin?

Liebe Schwestern und Brüder,
wo kommen wir dahin, wenn wir Jesu Worte von der Feindesliebe im Alltag beherzigen?
„Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen!
Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin
Der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.“
Mein Gott Jesus, wo kommen wir hin mit deiner Haltung?
Was verlangst du da von uns?
Das klingt doch zynisch in Anbetracht unserer weltpolitischen Situation?
Das passt doch nicht mehr in unsere Zeit:
„Du musst dich doch zu wehren wissen.“
„Lass dir doch nicht alles gefallen.“
„Sei nicht so dumm, und zeige auch mal Kante.“
Wo kommen wir dahin, wenn wir Jesu Worte von der Feindesliebe im Alltag beherzigen?
Die Verhaltensregeln Jesu klingen unrealistisch und deshalb sogar abstoßend. Vielleicht wollte Jesus seine Zuhörer provozieren und das Thema „Nächstenliebe“ für seine Jünger auf die Spitze treiben: Wenn ich das wirklich ernst nehme, wo lande ich? Werde ich da nicht zum Spielball für die Menschen, die mit mir machen was sie wollen?
Schauen wir zunächst in das Alte Testament, genauer gesagt in das Buch Exodus: „Aug um Aug, Zahn um Zahn.“ – Jesus wusste darum, von Feindesliebe keine Spur. Um was geht es hier? Es geht hier um die Verhältnismäßigkeit, und vor allem darum, die Vergeltungssucht der Menschen von damals zu bremsen. Bei Mord soll nicht gleich die komplette Familie des Mörders dran glauben. Das alttestamentliche Gesetzesbuch regelt alle möglichen Konfliktfälle der früheren Ackerbauern vom Diebstahl bis zu sexuellen Verfehlungen. Bei Körperverletzung werden auch Entschädigungszahlungen vorgeschrieben. Erst im Kapitel 21 heisst es: „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
Jesus stellt diese alttestamentlichen Haltungen und traditionellen Mechanismen von Aktion und Reaktion, Gewalt und Gegengewalt auf den Kopf. Die Adressaten sind die Jünger, die ihm folgen wollen, die seine Geißelung, sein Sterben und seinen Tod am Kreuz aushalten müssen und später seine frohmachende Botschaft in die Welt tragen sollen. Sie können das nur gut und in seinem Sinne tun, wenn sie nicht verbittert oder nachtragend oder sogar hasserfüllt sind:
„Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen!
Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin
Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen.“
Wo kommen wir dahin, wenn wir Jesu Worte von der Feindesliebe beherzigen? Die Worte Jesu bleiben in Anbetracht der vielen Krisen, Konflikte und Kriege sicherlich ein hoher Maßstab, zumal die Wahrheit Wahrheit bleiben muss und Opfer und Täter nicht zu vertauschen sind.
Mein Gott Jesus, du bist kein weltfremder Idealist, sondern ein praktischer Realist, weil du weisst, wie schwer es ist, deinem Anspruch gerecht zu werden, ohne Vorbehalt zu lieben und Barmherzigkeit zu üben: „Ihr sollt also barmherzig sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ Ob das gelingt? Nach den Worten Martin Luther King gibt es keine Alternative, wenn er sagt:
„Die größte Schwäche der Gewalt liegt darin, dass sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Böse zu verringern, vermehrt sie es. Durch Gewalt kann man den Lügner ermorden; aber man kann weder die Lüge ermorden noch die Wahrheit aufrichten. Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden, aber man tötet den Hass nicht. Gewalt verstärkt nur den Hass. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler. Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben; das kann nur das Licht. Hass kann den Hass nicht vertreiben; das kann nur die Liebe.“ (vgl. Selig sind, die Frieden stiften, Hamburg 2009)
Liebe Schwestern und Brüder,
im Bistum Regensburg gibt es das Werdenfelser Bildungshaus in Nittendorf. In der Kapelle steht ein Steinaltar, der die Form eines Dreiecks hat. Der Altar ist sozusagen auf den Kopf gestellt. Der Altar steht für Jesus Christus. Jesus treibt mit seinem Leben sozusagen die Liebe auf die Spitze und hinterfragt viele unserer Verhaltensweisen - heute mehr denn je. In seinem Leben und mit seiner Botschaft durchbricht er die Spirale von Gewalt, Feindschaft und Vergeltung.
In jeder Eucharistiefeier verbünden wir uns immer mehr und tiefer mit Jesus Christus, seinem Leben, seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. D. h. auch, dass wir eingeladen sind, seine Botschaft wirklich ernstzunehmen und Zeichen zu setzen, die weniger von der Vergeltung sprechen. Mir ist klar: Das ist ein weiter Weg mit Blick in die Zukunft– ein Leben lang. Im Buch Jesus Sirach steht: „Respice finem“ – „Bedenke das Ende!“ Amen.