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„Wo wohnst du?“

Haus
Datum:
Veröffentlicht: 15.1.24
Von:
Pfarrer Stefan Fleischmann

Die Eltern von der kleinen Gesa sind nicht gläubig. Sie haben ihr immer vermittelt, dass es Gott nicht gibt. Von einer Freundin hat Gesa aber aufgeschnappt, dass Gott in der Kirche wohne. Neugierig besucht sie also die Kirche und findet dort einen Obdachlosen, der auf einer Kirchenbank schläft. Als Gesa nun noch mitbekommt, wie die Reinigungsfrau beim Anblick des schnarchenden Mannes laut "Oh mein Gott" ruft, ist sie völlig überzeugt: Jetzt hat sie den lieben Gott entdeckt, der ziemlich so aussieht, wie man sich Jesus vorstellt.

Von der Frau aus der Kirche gejagt, schlendert der "liebe Gott" durch die Stadt. Gesa begleitet den Mann und erlebt so manches mit ihm, was schnell biblische Bezüge erkennen lässt: "Wunder" geschehen und Gesa hadert schwer mit der Frage, warum der liebe Gott nicht eingreift, als ein kleiner Junge auf der Straße in Not gerät. Und schließlich stellt Gesa die Frage: "Wo wohnst du?" Der Obdachlose antwortet: "Überall und nirgends." Das beeindruckt das Mädchen wieder schwer und bringt sie gleichzeitig dazu, ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen. Dort versteckt sie ihn erst im Schrank, bevor sie ihren Eltern von ihrer "Gottesbegegnung" erzählt. (vgl. „Der liebe Gott im Schrank“, Kurzspielfilm 1985, Medienzentrale Erzdiözese Bamberg)

Liebe Schwestern und Brüder,

die kleine Gesa ist für mich in diesem Film „Der liebe Gott im Schrank“ eigentlich ganz groß. Warum?

  • Sie ist neugierig!
  • Sie gibt sich nicht vorschnell mit vorgefertigten Antworten zufrieden!
  • Sie begibt sich auf Suche!
  • Sie hat Durchhaltevermögen und bleibt mit ihren Anliegen am Ball!
  • Und sie stellt sich den Fragen!

Gesa erinnert mich an meine Theologiestudium und  auch an junge Leute,  die sich - ausgehend von eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen - mit diesen oder jenen Fragen auf die Suche machen oder manchmal sogar „herumschlagen“. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes oft ein Abenteuer, weil nicht immer gleich Land in Sicht ist, das eine oder andere „erarbeitet“ oder auch „abgearbeitet“ werden muss, aber vieles auch Geschenk bleibt.

Liebe Schwestern und Brüder,

wo wohnt Gott? Diese Frage treibt Gesa um! Ja, wo wohnt er denn? Lässt Gott sich etwa in einen Schrank sperren, in eine Kirche, in einen Tabernakel, in eine kleine Hostie? Ja, wo ist er denn in meinem Leben, oder wo  war er denn  inmitten der Coronapandemie?  Wo hat er seine Bleibe in dieser unheimlichen Welt? Überall und nirgends?

Schauen wir noch einmal in das Evangelium:  Die beiden Jünger hörten, was Johannes sagte, und folgten Jesus. Und er fragt sie: „Wo wohnt Ihr?“ Sie sagten zu Jesus: „Komm und sieh.“  - Haben Sie aufgepasst! Das steht gar nicht so im Evangelium, aber die Textverfremdung macht deutlich, um was es geht! Ein jüdisches Sprichwort besagt: „Gott wohnt da, wo man ihn einlässt.“ Sozusagen, wo man sich ihm öffnet und mit ihm rechnet, wo man Ausschau nach ihm hält,  er angesprochen wird und ein „DU“ bekommt.

Liebe Schwestern und Brüder,

da sind Eltern oder Großeltern, die pflegebedürftig sind:  Da stand während der Weihnachtszeit  neben der Weihnachtskrippe Verbandsmaterial, Spritzen, Windeln, u. v. m. Wir sagen manchmal: „Jedes Haus hat sein Kreuz.“ Die Sternsingerinnen und Sternsinger haben in ihrem Segen an der Türe „20 * C + M + B *24“ dieses Kreuz mit aufgenommen. Das Kreuz  Zeichen dafür, dass er hier seine Bleibe haben möge. Das Kreuz - Zeichen des Heiles und der Erlösung.

  • Ich glaube daran: Gott wohnt gerade in unseren Häusern und Wohnungen, wo der Mensch an Grenzen stößt und sich ohnmächtig fühlt.
  • Ich glaube daran: Gott wohnt gerade dort, wo der Mensch Gottes Führung erkennt und die Herausforderung des Lebens annimmt.
  • Ich glaube daran: Gott wohnt gerade dort, wo man wieder miteinander redet und mutig genug ist, wieder zu hoffen.
  • Ich glaube daran: Gott wohnt gerade dort, wo der Mensch sein Versagen sieht und den ersten Schritt wagt, die Hand zu reichen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„wo wohnst Du“, eine Frage, die ein echtes Interesse und großes Vertrauen voraussetzt. „Komm und sieh“: Einladen und einladen lassen. Jeden Tag neu erfahren – in einem Augenblick, in einem Moment, dass es mehr gibt, als das Sichtbare. In einer Präfation heisst es: „Du wohnst in unzugänglichem Lichte. Alles hast du erschaffen, denn du bist die Liebe und der Ursprung des Lebens.“ Verborgen und unscheinbar ist und bleibt Gott in unserer Welt. Er behält seine Bleibe in unserem Leben, gerade in all den derzeitigen Widersprüchen,  Spannungen und Polarisierungen, die es auszuhalten gilt. - Und Gesa erzählt den Eltern von ihrer Gotteserfahrung.