Zeig mir deine Wunden!

Ein Junge, er mag in der der 1. oder 2. Klasse sein, fragt mich: „Was hast Du da!“ Er schaut mich mit großen Augen an und tippt seinen Zeigefinder an seine Stirn. Ich reagiere nur zögernd. Aber er fragt nach: „Was hast Du da?“ Ich erkläre ihm die Ursache meiner Wunde: eine Operation vor vielen Jahren. Aber er gibt sich nicht zufrieden. Er bleibt einfach stehen und schaut mich fragend an: „Darf ich die Narbe mal berühren?“ - Eigentlich ist die ganze Begegnung zunächst etwas unangenehm, danach gefragt zu werden. Aber ich verstehe ihn in diesem Augenblick – was diese Narbe wohl bedeutet? Und im Laufe der Zeit habe ich selbst verstanden: Das bin ich nun mal; das gehört zu mir. Das hat mich zu dem werden lassen, der ich jetzt bin. Ich darf meine Wunden und Verwundungen haben!
Wir hören heute einen Abschnitt aus dem Johannes- Evangelium, in dem Jesus sehr offen mit den ihm geschlagenen Wunden und Narben umgeht: „Friede sei mit euch. Nach diesen Worten zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite.“ (Joh 20,20) Das soll heißen: Der Auferstandene ist mit dem Gekreuzigten identisch. Die Ostergeschichte ist auch seine Leidensgeschichte. Denn: Seine Auferstehung hat die Wunden nicht einfach „weggeblasen“, hat den Schmerz nicht ungeschehen gemacht, das Leid nicht einfach weggewischt, die Gewalt und das Unrecht nicht beschönigt. Die Wunden sind nach wie vor „da“; sie sind zu einem Erkennungszeichen geworden und werden –gerade für Thomas- zum Gegenstand der ganzen Diskussion um die Auferstehung.
Thomas tut sich schwer damit. Wer ist er eigentlich? Bereits im Umfeld von Lazarus Tod verhält er sich seltsam. Weiß man doch nicht ganz genau, zu welchem Verhalten er die Umstehenden auffordert: „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den andern Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“ (Joh 11,16) Und auch als Jesus später von der Bereitung einer Wohnung für die Jünger im Hause seines Vaters spricht, reagiert Thomas als hätte er allenfalls Teile von Jesu Rede verstanden: „Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?“ (Joh 14,5)
Etwas seltsam! Aber: Thomas braucht Zeit! Er war am Ostertag nicht dabei: „Wir haben den Herrn gesehen!“ (Joh 20,25) Er braucht Zeit, um zu verstehen: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe ...glaube ich nicht!“ Kurzum: Er vertraut den Aussagen der Jünger nicht einfach blind. Er ist klug genug, der Sache auf den Grund zu gehen! Thomas tritt in Beziehung mit Jesus. - Nein, das stimmt nicht! Jesus tritt in Beziehung zu ihm, um seine Fragen zu klären: Wie ist der Auferstandene für ihn gegenwärtig? Thomas fühlt sich gesehen und verstanden von Jesus „Streck deinen Finger aus –hier sind meine Hände!“ Noch ehe Thomas ihn berührt, fühlt er eine große Geborgenheit und Aufgehobenheit in Jesus und spricht das kürzeste Glaubensbekenntnis der Christen: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)
Der Junge schiebt seinen Pullover am Arm hoch und sagt: „Schau, ich habe auch eine Narbe.- Die tut manchmal noch weh. Meine Mama hat gesagt: Das wird schon!“ Und er erzählt mir seine Geschichte.