Cookie-Einstellungen

Wir verwenden Cookies, um Ihnen ein optimales Webseiten-Erlebnis zu bieten. Dazu zählen Cookies, die für den Betrieb der Seite und für die Steuerung unserer kommerziellen Unternehmensziele notwendig sind, sowie solche, die lediglich zu anonymen Statistikzwecken, für Komforteinstellungen oder zur Anzeige personalisierter Inhalte genutzt werden. Sie können selbst entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass auf Basis Ihrer Einstellungen womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

Cookie-Einstellungen

Musik im Wort

Der Marienhymnus „Ave maris stella“ – im Gotteslob Nr. 520

von Dr. Ludger Stühlmeyer

Eins in Christus: Die Entstehungszeit dieses alten, Ambrosius Autpertus zugeschrieben Hymnus, ist das 8. Jahrhundert. Die alte Welt der Antike war zerbrochen und die neue Welt, die man später das Mittelalter nennen würde, gerade entstanden. Orientierung suchte man, eine Sprache, in der sich alle verständigen konnten, ein Band, das die vielen Völker zu einen imstande wäre. Für König Karl, dem die Nachwelt den Beinamen „der Große“ verliehen hat war klar: dieses Band kann nur der Glaube sein. Er allein würde es vermögen, die trennenden Grenzen der Sprachen, der Denk- und Lebensgewohnheiten zu überwinden und die Menschen Europas zu Brüdern und Schwestern in Christus zu machen. Wenn ihm das nicht gelänge, würde seine Herrschaft scheitern, würden kleinere und größere Kriege die Völker dezimieren und die Ländereien verwüsten. Um die Einheit des Glaubens sichtbar und spürbar zu machen, sorgte Karl dafür, dass Gottesdienste in seinem Reich wiedererkennbar wurden. Er setzte eine Liturgiereform in Gang, organisierte die Vereinheitlichung der Gesänge, die bis dahin in vielen verschiedenen regionalen Ausformungen erklangen und förderte die Bildung der Geistlichen. Lateinkenntnisse, Vaterunser und Glaubensbekenntnis sollten die Grundanforderungen sein. Unter den neuen Gesängen für den Gottesdienst war auch unser Hymnus.

Leuchtturm des Glaubens: (1) Ave maris stella, Dei mater alma atque semper virgo felix coeli porta (Sei gegrüßt, Stern des Meeres, Gottes nährende Mutter und immer Jungfrau, glückliche Pforte des Himmels). Er spricht Maria, die Gottesmutter als Stern des Meeres an. Dies Bild entstand, weil derjenige, der es dichtete, gute Lateinkenntnisse hatte. Denn Maria ist der Nominativ Plural von „mare“, dem Wort für „Meer“. Ave maris stella ist ein Wortspiel, dessen ganzen Reichtum nur die Sprachkenntnis offenbart. Die Seeleute der Antike und des Mittelalters waren darauf angewiesen, sich in der Nacht am Sternenhimmel zu orientieren. Die Bilder die sie dort sahen, gaben ihnen Sicherheit für ihre Navigation. Maria nimmt diese Rolle eines Leitsterns im Leben der Glaubenden wahr. Sie zeigt durch ihr Leben mit und für Jesus, wie sich eine Biografie wandeln kann, die ein offenes Ohr für die überraschenden Anrufe Gottes hat.

Das Auge des Sturms: (2) Sumens illud Ave Gabrielis ore, funda nos in pace, mutans Evae nomen (Jenes Ave nehmend aus Gabriels Mund gründe uns in Frieden Evas Namen wendend). Indem Maria es vermochte, dieses Wort anzunehmen, das ihr Leben gründlich durcheinandergewirbelt hat, fand sie Frieden. Das scheint ein Widerspruch zu sein, und doch ist es möglich. Wo, fragen Sie? Genau in der Mitte. Dort, im Auge des Sturmes, ist Frieden, tiefe Ruhe, bei sich sein, weil man bei Gott ist. Die Erfahrungen der Lourdes-Pilger bestätigen dies. Nicht jede Krankheit des Körpers wird dort geheilt. Aber viele finden dort Frieden, versöhnen sich mit ihrer Krankheit und werden nicht mehr von der Wirrsal unerfüllbarer Wünsche umgetrieben. Scheinbar heilloses wendet sich so zum Guten. So wie aus Eva plötzlich Ave wird.

Zur Freiheit berufen: (3) Solve vincla reis, profer lumen caecis, mala nostra pelle, bona cuncta posce (Löse die Fesseln der Sünder, bringe den Blinden das Licht, treib das Böse von uns weg und erbitte uns viel Gutes). Gefangene sind wir allzumal. Ich muss doch heute unbedingt die Wohnung aufräumen, obwohl ich die halbe Nacht nicht geschlafen habe. Muss ich? Maria wäre da anderer Meinung. Nichts gegen Marta und ihren Eifer, aber wenn es mir schlecht geht und ich mir dennoch keine Pause gönnen, missgönne ich mich nicht nur mir selbst, sondern auch den anderen. Sich an Maria orientieren bedeutet, genau nachzufragen, was wirklich wichtig ist, was dem Frieden dient und was der Seele, unserer und der der anderen, guttut. Wer für Andere Licht sein will, sollte die eigene Leuchtfähigkeit im Blick behalten. Sie entsteht aus der Ruhe und der Freude an Gott. Für sie ist fast immer Raum, wenn wir den Gedanken an ihre Notwendigkeit zulassen. Frei von Fesseln – nicht von Bindungen wohlgemerkt – können wir selber licht werden, aus der Mitte unseres Lebens heraus Abstand vom Bösen gewinnen und Gutes empfangen.

Leibhaft glauben: (4) Monstra te esse matrem, sumat per te precem, qui pro nobis natus tulit essen tuus (Zeig dich als Mutter, er, Jesus, erhält durch dich unsere Bitten, der für uns geboren, auf sich nahm, dein zu sein). Die Botschaft dieser Strophe ist ungeheuerlich. Jesus nahm es auf sich, ganz Maria zu gehören. Wir machen es uns im Alltag zu wenig klar, aber stellen Sie sich das einmal leibhaftig vor: Sie haben ein kleines Kind im Arm, hilflos, ganz auf Sie angewiesen, der Schöpfer der Welt. Sie glauben, dass sei nicht Ihre Geschichte, nur Maria hätte das je erlebt, eine Ausnahmeerscheinung, nicht übertragbar? Nein, gerade in Ihnen will ER geboren werden. Denn wenn wir uns wirklich klar machen, dass Gott mitten in uns ist, werden wir mit uns und anderen auf neue Weise umgehen. Der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr. Natürlich liegt es bei dieser ungeheuren Nähe auf der Hand, Maria um Fürsprache zu bitten. Wie schon im Fall der Engel, die nur wenige Jahre nach der Abschaffung der Lehrstühle für Angelologie allenthalben zum Thema wurden, kommt zur Tür herein, was wir zum Fenster hinausgeworfen haben. Studien zeigen die Macht guten Gedenkens und fürbittenden Gebetes. Auch wenn die Probanden gar nicht wussten, dass für sie gebetet wurde ging es ihnen besser als denen, an die niemand mehr dachte.

Abenteuer Keuschheit: (5) Virgo singularis, inter omnes mitits, nos culpis solutos, mites fac et castos (Einzigartige Jungfrau, sanftmütigste von allen, befreie uns von den Sünden, mach uns sanft und keusch). Keuschheit hat viele Facetten. Vor allem aber bedeutet sie Freiheit. Ich kann durch die Stadt gehen, ohne mir etwas kaufen zu müssen. Ich kann einen Fernseher besitzen, ohne den Drang, ihn täglich anzuschalten, ich kann einem Menschen begegnen und doch bei mir bleiben. Der Druck, Erfahrungen vorweisen zu sollen, für die sie nicht bereit sind, macht Menschen kaputt. Vor allem junge Menschen. Deshalb sollten wir den Mut haben, ihnen den sanften Weg zu zeigen, der ihnen die Freiheit gibt – abzuwarten.

Freiheit durch Bindung: (6) Vitam praesta puram iter para tutum, ut videntes Jesum, semper collaetemur (Gewähre uns ein reines Leben, bereite uns den sicheren Weg, damit wir Jesus sehen, wir werden uns immer freuen). Ein reines Leben jenseits der lautstark angepriesenen „must haves“ zu führen, ist zunächst anstrengend. Es erfordert Mut, den eigenen Weg zu gehen, man wird angefragt, vielleicht belächelt und angegriffen. Aber eigenartigerweise gewöhnen sich die anderen irgendwann daran. Und dann verändert sich ihre Reaktion. Sie schauen voll Staunen auf die Sicherheit, die der Weg mit Jesus gibt und sie nehmen mit Neid die Aura der Freiheit derjenigen wahr, deren Sein sich unabhängig von Moden und Meinungen entfaltet. Der heilige Benedikt schreibt im Prolog seiner Regel, dass der am Anfang mühsame Weg der Beachtung der Gebote am Ende in die Weite des Herzens und das Glück der Liebe mündet. Sie befreit uns, unsere eigentliche Berufung zu leben.

Zum Loben berufen: (7) Sit Laus Deo Patri, summo Christo decus, Spiritui Sancti honor, tribus unus. Amen (Lob sei Gott dem Vater, Lob sei dem Höchsten Christus, dem Heiligen Geist sei Ehre, allen drei zugleich. Amen)!

 

„Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (GL 170/EG 179), „O Lamm Gottes unschuldig“ (GL 203/EG 190) – die Choräle des Hofers Nikolaus Decius feiern 500. Geburtstag.

von Dr. Ludger Stühlmeyer

Wer hat sie nicht schon im Gottesdienst gesungen oder im Konzert gehört, die Choräle „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ und „O Lamm Gottes unschuldig. 1523 entstanden, gehören sie neben Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu den Gesängen der ersten Stunde der Reformation. Ihr Dichter stammt aus der hochfränkischen Stadt Hof (Curia) und ist unter den Namen Nikolaus Deeg oder Teck sowie in Norddeutschland als Nikolaus vom Hoff (a Curia) oder in der latinisierten Form Nikolaus Decius bekannt geworden. Seine Gesänge folgen dem Prinzip der mittelhochdeutschen Kanzonenstrophe: Aufgesang = Stollen-Stollen und Abgesang (A-A-B).

Die Musikauffassung Martin Luthers basiert in ihrem Kern auf der Theologie Augustinus‘, der die Musik als „donum Dei“, als Geschenk Gottes verstand. Neben dem Ausdruck des Lobpreis Gottes der Menschen, des geschuldeten Dankes, spricht Luther der Musik einen hohen therapeutischen Wert zu: „Ich liebe die Musik und mir gefallen die Schwärmer nicht, die sie verdammen, weil sie ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen ist, weil sie die Seelen fröhlich macht, weil sie den Teufel verjagt, weil sie unschuldige Freude weckt. Darüber vergehen die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut. Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie“. So bildet das „Singen und Sagen“ (GL 237,1/EG 24,1) bei Luther immer eine Einheit.

Zurück zu Nikolaus Decius: Im Hofer Landbuch von 1502 und in der Chronik des Magisters und Stadtschreibers Enoch Widman (1551–1617) werden mehrere Familien des Namens Deeg oder Teck erwähnt. In einer Auflistung von Bürgersöhnen Hofs aus dem Jahre 1548, die auswärts studiert hatten, ist auch Niclaß Teck verzeichnet, der Schulmeister in Braunschweig geworden sei, eine Angabe, die sich mit dem Lebenslauf von Nikolaus Decius deckt. Nikolaus‘ Halbbruder Johannes war seit 1503 Guardian des Hofer Franziskanerklosters.

Das genaue Geburtsdatum von Nikolaus Decius ist nicht bekannt. Es lässt sich allerdings aus dem Zeitpunkt seiner Immatrikulation an der Universität in Leipzig am 16. Oktober 1501 erschließen, dass er vor 1485 geboren sein muss. Decius besuchte die Lateinschule seiner Heimatstadt. Dort erlebte er eine enge Verbindung zwischen lateinischer Sprache, lateinischer Rhetorik und Musik. Die Schüler waren über den Schulchor in die Mitgestaltung der liturgischen Feiern eingebunden. In den höheren Klassen wurde Griechisch unterrichtet, darüber hinaus floss auch die Unterweisung in der hebräischen Sprache ein. Nach Studien in Theologie und Jura, legte Decius am 5. Februar 1506 in Leipzig bei Nikolaus Kleinschmidt die Prüfung zum „Baccalaureus artium liberalium“ ab. Anschließend wurde er wahrscheinlich Benediktinermönch.

Seit 1515 wirkte er in Braunschweig als Stiftsprediger, danach als Schulmeister an der Aegidienschule, bevor ihm ab 1519, unter der Priorin Elisabeth, Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg, die Stelle des Propstes des Benediktinerinnenklosters Steterburg im Herzogtum Braunschweig (heute Thiede, ein Stadtteil von Salzgitter) von Herzog Heinrich II. übertragen wurde. Diese Aufgabe lässt die Spekulation über einen möglicherweise nach dem Studium erfolgten Eintritt in das von seinem Bruder geleiteten Hofer Franziskanerkloster als eher unwahrscheinlich erscheinen. Zwar unterhielten Klarissen oft enge Kontakte zu Benediktinerklöstern, dies gilt jedoch nicht im Umkehrschluss zwischen Franziskanern und Benediktinerinnen.

Decius hatte neben seinen Aufgaben als Propst die Möglichkeit, sich auch literarisch zu betätigen und so entstanden seine teils auf Latein, teils auf niederdeutsch geschriebenen und in einem Erbauungsbuch erhalten gebliebenen Auslegungen, die „Summula doctrina Jhesu Christi ex Codice Matthei“, 111 Kernstellen aus dem Evangelium nach Matthäus.

Am 15. Januar 1522 übernahm Decius die Rektorenstelle am Lyceum in Hannover, die er jedoch im Sommer desselben Jahres wieder aufgab. Ab September ist er als „Schul-Collega“ in Braunschweig an der St. Katharinen- und Aegidienschule tätig. In diese Zeit fällt auch seine Hinwendung zur Reformation. Die drei von Decius 1523 in niederdeutscher Sprache getextet und komponierten Lieder „Aleyne God yn der Höge sy eere“, „Hyllich ys Godt de Vader“ und „O Lam Godes unschüldich“, entstanden demnach fast zeitgleich mit dem Erscheinen des „Betbüchleins“ Martin Luthers. Damit gehören sie zu den ersten Zeugnissen reformatorischer Lieddichtung und datieren noch vor Luthers eigenen Gesängen, die einige Jahre später entstanden sind. Das Lied „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ erscheint, zunächst nur im Text, 1526 in Valten Schumanns Gesangbuch, „Heilig ist Gott der Vater“ und „O Lamm Gottes unschuldig“ werden 1531 aufgenommen; alle drei Gesänge in ihrem ursprünglich niederdeutschen Sprachgewand. Weitere Gesangbuchausgaben von 1539 und 1545 verwenden nur noch „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ und „O Lamm Gottes unschuldig“, diesmal jedoch ins Hochdeutsche übertragen und mit Melodien versehen.

Offenbar war gerade die Verdeutschung von Ordinariumsgesängen der Messe (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei) ein erhebliches Desiderat. Denn ein Jahr nach der Entstehung der Decius-Lieder schreibt Luther in seinem „Formula missae et communionis“ (Messformular): „Cantica velim nobis esse vernacula quam plurima, quae populus sub missa cantaret, vel iuxta gradualia, item iuxta Sanctus et Agnus Dei […] Sed poetae nobis desunt, aut nondum cogniti sunt, qui pias et spirituales cantilenas [ut Paulus vocat] nobis concinnent, quae dignae sint in Ecclesia frequentari“ (Ich wollte, dass es auch bei uns weit mehr muttersprachliche Gesänge gäbe, die das Volk während der Messe singen könnte, sowohl bei den Antwortgesängen, als auch beim Heilig und beim Lamm Gottes […] aber uns fehlen die Dichter, oder sie sind uns nicht bekannt, die uns fromme und geistliche Gesänge [wie Paulus sie nennt] schaffen, die würdig sind in der Kirche genutzt zu werden).

Pate für Decius‘ Melodien standen die alten lateinischen Choralmessen: „Lux et origo“ für „Allein Gott in der Höh sei Ehr“, „Cunctipotens Genitor Deus“ für „Heilig ist Gott der Vater“ und „Adventus et Quadragesima“ für „O Lamm Gottes unschuldig“. Damit befindet sich Decius, was die Professionalität der Umsetzung seines Vorhabens angeht, auf einer Linie mit der Forderung Luthers nach gesanglich tauglichen Übersetzungen. Da das Hofer Gesangbuch von 1561, mit Ausnahme der Lieder Luthers, nahezu ausschließlich Texte und Melodien von Reformatoren enthält, die mit der Stadt in Verbindung standen, ist der Abdruck des Lamm-Gottes-Liedes ein wichtiger Hinweis auf die Herkunft ihres Autors. Decius, der auch als versierter Harfenist bekannt war, betätigte sich ebenfalls als Komponist vierstimmiger Vertonungen, die allerdings derzeit noch nicht aufgefunden wurden. Möglich ist, dass sie anonym in Sammlungen aus dieser Zeit überliefert sind.

Im Wittenberger Immatrikulations-Album findet man unter dem Jahr 1523 folgenden Eintrag: „Nicolaus Tecius de Curia, inscribirt am 23. Mai“. Decius beabsichtigte offenbar bei Martin Luther, der ab 1522 wieder in Wittenberg war, Theologie zu studieren. Auf Luthers Anraten hin folgte Decius 1524 einem Ruf des Herzogs von Pommern nach Stettin um zunächst als Kaplan, dann als Pfarrer tätig zu sein. Hier half er Paul vom Rode, dem späteren Stettiner Superintendenten, bei der Einführung der Reformation. Rode hatte 1523 zunächst unter freiem Himmel für Kost und Logis gepredigt, bekam später jedoch eine Festanstellung. Decius hielt nun freitags und sonntags in der Kirche von 8 bis 10 Uhr und an den anderen Werktagen von 7 bis 8 Uhr den Gottesdienst, eine Einigung, die der Rat der Stadt Stettin mit den katholischen Geistlichen erreicht hatte. Sie wurde nach dem Tod des Herzogs wieder infrage gestellt. Drei Jahre später erhielt Decius erneut eine Festanstellung als Prediger in Stettin. Seine Tätigkeit wurde nun mit 80 Gulden pro Jahr vergütet, wodurch er finanziell bessergestellt war als der Kantor, der 50 Gulden erhielt. Wahrscheinlich hat Nikolaus Decius um 1528 auch in Stettin geheiratet.

1530 findet man Decius dann als Prediger in Liebstadt (Ostpreußen), wo er sich besonders des Kirchengesanges annahm. Durch Missgunst von Vorgesetzten vertrieben, wechselte er 1534 in die völlig zerstörte Stadt Mühlhausen, wo sich gerade reformierte Niederländer ansiedelten. Hier entwickelte er offenbar Sympathie zum reformierten Gedankengut Huldrych Zwinglis. Luther ignorierte Decius von diesem Moment an. Die schlechten Lebensbedingungen zwangen ihn erneut zum Wechsel und so übernahm Decius das Kantorenamt und die Lehrerstelle an der Lateinschule in Bartenstein in Pommern.

Empfohlen durch einflussreiche reformierte Freunde wurde Herzog Albrecht I. von Brandenburg-Ansbach auf ihn aufmerksam und berief Decius 1540 nach Königsberg, wo er als Hofprediger und Kantor wirkte. Zu seinen Aufgaben gehörten die Leitung der Hofkantorei und die Ausbildung der Sängerknaben. Als Mitarbeiter stand ihm der Komponist und Hofmusiker Hans Kugelmann zur Seite. Im Juli 1543 schrieb sich sein Sohn Matthias vom Hoff an der Universität in Königsberg ein. Im Sommer desselben Jahres scheint Decius als Feldgeistlicher an einem Kriegszug gegen die Türken teilgenommen zu haben. Ende 1543 kehrte er als Pfarrer nach Mühlhausen zurück.

Am 18. April 1546 bezog sein Nachfolger Urban Hann die Mühlhauser Pfarrstelle. Kurz darauf verliert sich die Spur Nikolaus Decius‘, einer von humanistischer Bildung geprägten Persönlichkeit und einem unsteten Wanderer zwischen den Ämtern des Lehrers, Kantors und Pfarrers. Seine schlichten, kunstvollen Lieder begleiten uns bis heute in den Gottesdiensten. Durch ihre Herkunft aus dem Liedgut des Gregorianischen Chorals und ihre Stellung innerhalb des evangelischen Kirchenliedes sind sie eine ökumenische Besonderheit.

Der Choral „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ gehört heute zu den am meisten bearbeiteten Melodien. In den evangelischen Landeskirchen wuchs ihm als Glorialied eine Monopolstellung zu. In der katholischen Kirche wurde er, ebenso wie „O Lamm Gottes unschuldig“, als Ordinariums-Paraphrase Teil des Kernbestandes wertvoller liturgischer Gesänge.

 

Quelle:

  • Ludger Stühlmeyer: „Die Kirchenlieder des Hofers Nikolaus Decius“. In: „Curia sonans. Die Musikgeschichte der Stadt Hof. Eine Studie zur Kultur Oberfrankens. Von der Gründung des Bistums Bamberg bis zur Gegenwart“. Bayerische Verlagsanstalt, Heinrichs-Verlag Bamberg 2010, ISBN 978-3-89889-155-4, S. 110–112, 135–137, 357–358.
  • Ludger Stühlmeyer: „Nikolaus Decius – ein Kirchenlieddichter aus Hochfranken“. In: „Jahrbuch der Erzdiözese Bamberg 2014“. Heinrichs-Verlag Bamberg, 89. Jahrgang 2013, S. 72–76.
  • Ludger Stühlmeyer: „Allein Gott in der Höh sei Ehr – Das seit 300 Jahren in St. Petri gesungene reformatorische Gloria. Anmerkungen zu seinem Dichter und seiner Bedeutung“. In: „Meller Jahrbuch Nr. 42“, Melle 2023.