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Biografische Splitter

Der Selige Bernhard Lichtenberg (1875–1943)

Dr. Ludger Stühlmeyer

Fromm, intelligent und politisch engagiert, so könnten wir Bernhard Lichtenberg mit wenigen Worten skizzieren. Der selige Bernhard Lichtenberg, dessen Name bärenstark bedeutet, war eine kraftvolle Lichtgestalt, die uns wegweisende Impulse für unser Leben und unsere heutige Zeit gibt.

Herkunft und Heimat

Bernhard Lichtenberg wurde am 3. Dezember 1875 im schlesischen Ohlau (heute Oława) als zweitältester Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren. Seine Familie war ihm wichtig und dort erhielt er die Prägung, die für sein Leben entscheidend sein würde. Zwei Grundlinien fallen dabei neben einem liebevollen Umgang miteinander besonders auf: Es wurde regelmäßig gemeinsam gebetet und über Politik diskutiert. Schon im Schulalter bekam Bernhard mit: Wer den Staat mitgestalten möchte, muss sich einmischen. In der niederschlesischen Diaspora bedeutete das konkret: Nur gemeinsam sind wir stark und wenn wir als Kirche gehört werden wollen, müssen wir unsere Interessen sichtbar und hörbar vertreten. Religion und Politik waren im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert noch keine getrennten Welten, sie waren aber auf dem besten Wege dahin.

Politisches Sprachrohr der Katholiken war die Zentrumspartei, in der sich auch Priester betätigten. Dass jegliches Engagement ohne das Gebet seelenlos sein würde, war eine Selbstverständlichkeit, die nicht nur für Familie Lichtenberg galt. Die Jugend Bernhards war von einem intakten Familien- und Gemeindeleben, aber auch von intensiven konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen geprägt. Beispiele für letztere stehen in Zusammenhang mit dem Kulturkampf Otto von Bismarcks, wo Glaubensäußerungen von Katholiken nicht gern gesehen und eine Reihe von staatlichen Grenzmarken gesetzt wurden, die den bisherigen Einflussbereich der Kirche betrafen.

Das Erzbistum Breslau, zu dem auch Lichtenberg gehörte, war ein Teil Preußens. Die Katholiken dort mussten sich mit dem staatlichen Vetorecht bei Besetzungen von Pfarrstellen, der Ausweisung von Jesuiten und dem Kanzelparagraphen auseinandersetzen. Es betraf die Behandlung politischer Angelegenheiten, wenn sie in einer offenbar „den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise“ vorgetragen wurden, ein klassischer Gummiparagraf, der auch auf den späteren Dompropst Lichtenberg Anwendung fand. Lichtenbergs Vater August gehörte zu denen, die sich vehement gegen Übergriffe auf die Kirche zur Wehr setzten. Er war Reichstagsabgeordneter für die Zentrumspartei und Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.

Berufung und Nachfolge

Seine Berufung zum Priesteramt scheint für Bernhard Lichtenberg selbstverständlich gewesen zu sein. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er eine andere Lebensweise oder einen anderen Beruf in Betracht gezogen hat. Seine Stärke lag in der freien Rede, eine Fähigkeit, die er als Prediger immer wieder wirksam zum Einsatz bringen würde. Klassenkameraden wie auch den eigenen Geschwistern gegenüber zeigte er sich als hilfsbereit und geduldig.

Sein erstes Studiensemester 1895 verbrachte er in Innsbruck, wo sich bereits die zeitlebens gelebte persönliche Bescheidenheit Lichtenbergs zeigte, der immer bereit war, anderen etwas zu schenken und sich selbst Sparsamkeit zu verordnen. Sein Theologiestudium setzte er am Seminar in Breslau fort. Das schmale, mit Schrank, Bett, Tisch und Stuhl einfach eingerichtete Zimmer war die Klause, in der er an der Formung seiner Persönlichkeit arbeitete. Er schrieb in dieser Zeit: „wenn ich allein bin, bin ich bei Gott“. Obwohl er sich gerne zum betrachtenden Gebet zurückzog, hatte er zugleich viel Freude an der Gemeinschaft mit anderen Menschen. In den Semesterferien unternahm er längere Reisen, auf denen er das Gemeindeleben in anderen Gegenden kennenlernte. Vielfach war er dabei zu Fuß unterwegs und logierte einfach. Sein Studieninteresse galt weniger der wissenschaftlichen Theologie als vielmehr dem, was ihm in der konkreten Seelsorge nützlich sein würde. Sich selbst unterzog er regelmäßigen Exerzitien, deren charakterformende Prägung an seinen Notizen ablesbar ist.

Am 21. Juni 1899 wurde Lichtenberg im Dom zu Breslau zum Priester geweiht. Die Primiz in Ohlau begann er mit einer Prozession von seinem Elternhaus zur Kirche, der ersten Prozession seit dem Kulturkampf. Sein Primizprediger war ein Freund der Familie, der während des Kulturkampfs verhaftet worden war und der gesagt hatte: „Ein Priester bleibt ein Priester und wäre er in Ketten und in Banden“, ein Wort, dass sich für Bernhards Lebensweg als prophetisch erweisen würde. Lichtenberg lebte seine priesterliche Berufung immer auch öffentlich. Ob er „Unter den Linden“, in der Berliner U-Bahn das Stundengebet betete, oder mit der Monstranz durch die Straßen ging, nie wäre es ihm eingefallen, das, was er tat oder war, zu verbergen.

Wirken als Seelsorger

Seine erste Kaplanstelle war im vom Katholizismus geprägten Neiße. Es wurde auch das „schlesische Rom“ nannte. Nach einem Jahr kam Lichtenberg in die Berliner Diaspora. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Aufgaben könnte kaum größer sein. Hier die katholische Kleinstadt mit jahrhundertealter Tradition, dort die Großstadt mit nur wenigen Katholiken, fast alle mit Migrationshintergrund und mit nur wenigen Kirchen. Lange Fußwege machten den Kirchgang zu einer beschwerlichen Angelegenheit, umso mehr in einer Zeit, als harte Arbeit die Menschen oft bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit auslaugte. Lichtenberg sorgte mit zahlreichen Neugründungen dafür, dass die Gläubigen sich dort, wo sie lebten, zum Gebet versammeln konnten. In seinen Sommerurlauben ging er deshalb auf Predigtreisen und betrieb Fundraising für seine Projekte. Sein Briefwechsel war so umfangreich, dass das für ihn zuständige Postamt durch seine Aktivitäten expandieren musste. Finanzielle Mittel benötigte er auch für seine zahlreichen caritativen Aktivitäten.

Neben der Herzensbildung in den Gemeinden war ihm die schulische Bildung der Kinder und Jugendlichen ein Anliegen. Deshalb gründete er das Berliner Canisius-Kolleg und sorgte dafür, dass der Jesuitenorden geeignete Lehrer zur Verfügung stellte. Um die katholische Kirche auch auf Stadtebene präsent zu halten, wurde er Abgeordneter in der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung. Lichtenberg war ein Mensch, der ohne zu zögern seinem Gewissen folgte. Deshalb war Einmischung für ihn eine unumgängliche Christenpflicht. Wo immer es nötig war, protestierte er gegen Menschrechtsverletzungen. Ob hinsichtlich der Zustände im KZ-Esterwegen oder anlässlich der Tötung geistig Behinderter, immer mischte sich Lichtenberg mit Vehemenz dort ein, wo Gottes Gebot übertreten wurde. Durch seinen Bruder, einen Juristen, auch rechtlich versiert, schlug er seine Gegner in Diskussionen nicht selten mit ihren eigenen Waffen, indem er ihnen Gesetzesübertretungen nachweisen konnte.

Die politische Entwicklung seiner Zeit verfolgte er mit wacher Aufmerksamkeit. Hitlers „Mein Kampf“ studierte er sorgfältig und versah das Buch mit zahlreichen Anmerkungen, die später im Prozess gegen ihn verwendet wurden. Es ist keine Frage, dass er bei den Machthabern in Berlin oft aneckte, ebenso oft aber hatte er auch überraschend Erfolg mit seinem mutigen und gradlinigen Weg, den Glauben zu leben. Als er einmal zu einem Sterbenden gerufen wurde, geriet er mitsamt der heiligen Eucharistie, die er für den Versehgang mit sich führte, mitten in einen Barrikadenkampf. Manch einer wäre an dieser Stelle umgekehrt, nicht so Lichtenberg. Er verhandelte mit den streitenden Parteien, erklärte ihnen, in welchem Anliegen er unterwegs war und erreichte, dass die Kampfhandlungen für die Zeit seiner Überquerung des Schlachtfeldes eingestellt wurden und er den Sterbenden noch rechtzeitig erreichte.

Gefangenschaft und Tod

Lichtenberg, mittlerweile Dompropst an der St.-Hedwigs-Kathedrale, war klar, dass seine Proteste gegen die nationalsozialistische Ideologie für ihn langfristig nicht ohne Folgen bleiben würden. Aber er sah es als selbstverständlich an, seinem Gewissen zu folgen und alle Konsequenzen, die sich daraus ergaben, in Kauf zu nehmen. Seine Zeit im Gefängnis deutete er für sich als Noviziat und entschloss sich, die Gefangenschaft als Zeit spiritueller Vertiefung zu nutzen. Ich bin nun ein Kartäusernovize und meine Zelle ist mein Kloster, sagte er.

In stetem Wechsel von Gebet und Arbeit, ließ er die Gefangenschaft für sich zu einer sinnerfüllten Erfahrung werden. Er leistete nicht nur die vorgeschriebene Gefängnisarbeit, sondern übersetze auch systematisch lateinische Hymnen und entwarf ganze Predigtreihen. Eine wichtige Stärkung waren ihm jene Gebete, die er in sich trug: das Rosenkranzgebet und Litaneien. Sie gaben ihm die Kraft, die Verurteilung zur Deportation nach Dachau anzunehmen. Auf einem Zwischenstopp von Berlin nach Dachau machte der Zug am 3. November in Hof halt. Gemeinsam mit 200 Gefangenen wurde Lichtenberg in ein Gefängnis gebracht. Der Leiter des Gefängnisses wurde auf den schwer erkrankten Lichtenberg aufmerksam und überstellte ihn am 4. November in das Hofer Stadtkrankenhaus, wo er noch am selben Tag vom damaligen Hofer Stadtpfarrer Michael Gehringer die Krankensalbung empfing.

Am Herz-Jesu-Freitag dem 5. November 1943 starb Lichtenberg gegen 18 Uhr. Bevor die Gestapo tätig werden konnte, gab die Hofer Polizei den Leichnam frei. Am 11. November wurde der Leichnam Lichtenbergs nach Berlin überführt und am 16. November unter großer Beteiligung auf dem alten Domfriedhof der Pfarrgemeinde St. Hedwig beigesetzt. Für sein Lebenszeugnis sprach ihn Papst Johannes Paul II. am 23. Juni 1996 in Berlin selig. Die Verantwortlichen der Gedenkstädte Yad Vashem ehrten ihn posthum am 18. Mai 2005 wegen seines Einsatzes für verfolgte Juden mit der Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“.