Pfarrer Stefan Fleischmann: Ein neues Format „Orgelspaziergänge“ wird im SSB Hofer Land demnächst angeboten. Was erwartet den Besucher eines solchen Nachmittags?
Dr. Ludger Stühlmeyer: Wir werden bei jedem der vier Orgelspaziergänge drei Instrumente kennenlernen. Zu jeder vollen Stunde wird eine Orgel an einem anderen Ort vorgestellt. Dabei erleben wir in jeweils etwa 35 Minuten den Klang und unterschiedliche Register der Instrumente und erfahren etwas zur Geschichte und Entstehung der Instrumente. Dabei wird es auch Raum für Fragen geben. Den Abschluss jeder Orgelvorstellung bildet ein Gebet und ein gemeinsames Lied. Zusätzlich entsteht ein Buch „Orgelspaziergänge im Hofer Land“, ISBN 978-3-911627-10-8, das im Sabat-Verlag in Kulmbach erscheint.
Pfarrer Stefan Fleischmann: Die Orgel genießt einen hohen Stellenwert im Gottesdienst. Inwiefern unterscheiden sich die Orgeln in diesen Kirchen?
Dr. Ludger Stühlmeyer: Orgeln sind individuell auf den jeweiligen Kirchenraum zugeschnitten. Deshalb hat jedes Instrument seine eigene Persönlichkeit. Orgeln unterscheiden sich nicht nur in der Zusammenstellung ihrer Register, sondern auch durch ihr Aussehen, den Orgelprospekt. Auch das Zusammenspiel zwischen Instrument und Raumakustik spielt eine wichtige Rolle.
Pfarrer Stefan Fleischmann: Seit wie lange besteht schon die Tradition der Kirchenmusik im Hofer Land?
Dr. Ludger Stühlmeyer: Bei der Christianisierung des Hofer Landes entstanden zwischen Zell und Hof verschiedene Klausen und Klöster. Die älteste erhaltene Musikhandschrift, die im Stadtarchiv Hof aufbewahrt wird, stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sie enthält Offiziums-Antiphonen in Neumennotenschrift, die im damaligen Hofer Klarissen- und Franziskanerkloster gesungen wurden. Wie üblich werden die Klöster einen eigenen Kantor gehabt haben. Schon im 13. Jahrhundert gab es zudem in der Stadt Hof einen fest angestellten Musiker, später ein Instrumentalensemble, das dem Kantor und Chor bei Gottesdiensten zur Verfügung stand. 1376 wurde im Hofer Franziskanerkloster die erste Orgel, eine Schwalbennestorgel, gebaut. Damit gehört Hof, neben Nürnberg, zu den ältesten Standorten Bayerns (noch vor Bamberg oder München) mit einer Orgel. Nach der Reformation ging in Hof das katholische Leben für 250 Jahre unter. Mit der Neugründung der kath. Gemeinde wurde 1838 auch ein Kirchenchor gegründet, der in dem Bernhard-Lichtenberg-Chor bis heute fortbesteht. 1885 investierte die Hofer Marienkirche in zwei wertvolle Instrumente, eine romantische Orgel und einen Konzert-D-Flügel, der heute im Saal des Hofer Pfarrzentrum steht. Seit der Gründung des kath. Dekanats Hof im Jahre 1937 sind in den Gemeinden des Seelsorgebereichs nach und nach viele schöne Orgeln entstanden und Musikgruppen gegründet worden.
Pfarrer Stefan Fleischmann: Wo steht die „jüngste“ und wo „älteste“ Orgel im Seelsorgebereich, und was zeichnet diese aus?
Dr. Ludger Stühlmeyer: Die jüngste Orgel in unserem Seelsorgebereich entstand 2005 in der Gemeinde Verklärung Christi in Naila. Das älteste erhaltene Instrument ist die unter Denkmalschutz stehende Steinmeyer-Orgel von 1885 in der Stadtkirche St. Marien. Die älteste spielbare Orgel im Hofer Land ist das Instrument in der evangelischen Kirche in Döhlau, sie stammt aus dem Jahr 1709. Der jüngste Orgelbau entstand im Hofer Krematorium im Jahre 2016. Die Orgel der kath. Kirche in Naila besitzt ein exzellentes Klangspektrum. Auf ihr lassen sich Orgelwerke aller Epochen sehr gut darstellen. Die Orgel in St. Marien ist eines der wenigen Instrumente, die noch komplett aus der deutsch-romantischen Epoche erhalten sind. Auf ihr klingt Orgelmusik aus der Romantik besonders gut. Die Orgel im Krematorium ist klanglich besonders auf warme und weiche Klangfarben ausgerichtet.
Pfarrer Stefan Fleischmann: Im Seelsorgebereich gibt es neben dem hauptamtlichen Stadt- und Dekanatskantor viele Organisten im Neben- und Ehrenamt. Wie sieht es mit dem Organisten-Nachwuchs im Seelsorgebereich aus?
Dr. Ludger Stühlmeyer: In den 45 Jahren meiner Tätigkeit habe ich etwa 80 Kirchenmusiker/Organisten ausgebildet, viele davon für das Dekanat Hof. Wir haben verschiedene Ausbildungszüge: Zuerst den Orgel-Grundunterricht. Die nächste Ebene ist das Kirchenmusik-D-Examen. Es versetzt Organisten in die Lage, den Gemeindegesang zu begleiten und unterschiedliche Orgelstücke im Gottesdienst vorzutragen. Beim C-Examen wird ein gehobener Schwierigkeitsgrad für das Orgelspiel angesetzt. Zusätzlich werden die Absolventen in der Leitung von Chören und Bands ausgebildet und bekommen zur Schulung ihrer Stimme Stimmbildungsunterricht. Derzeit befinden sich noch sechs Nachwuchsorganisten für unser Dekanat in meinem Ausbildungsgang.
Das Interview führte Pfarrer Stefan Fleischmann mit Dr. Ludger Stühlmeyer im April 2025
Wenn sich die Türen der Kirchen öffnen und die ersten Orgelklänge den Raum erfüllen, dann ist im Hofer Land wieder Zeit für die „Orgelspaziergänge“. Diese musikalisch-kulturelle Initiative, diesmal getragen vom Stadt- und Dekanatskantor Dr. Ludger Stühlmeyer, war in diesem Jahr ein fester Bestandteil des geistlichen und kulturellen Lebens im Hofer Land. Was hier geboten wurde, ist weit mehr als eine Abfolge von Konzerten – es ist eine Einladung, das Land, seine Kirchen und die Menschen, die darin leben und wirken, in einem neuen Klanglicht zu entdecken.
Einen eindrucksvollen Auftakt des Spaziergangs am vergangenen Samstag bot das Konzert von Kirchenmusikdirektor Georg Stanek in der Kirche St. Michaelis zu Hof. Die historische Heidenreich-Orgel, deren Geschichte Stanek kenntnisreich und lebendig in einem Vortrag vorstellte, erwies sich dabei wieder einmal als klangliches Juwel. Mit Johann Sebastian Bachs „Präludium in C-Dur" eröffnete Stanek das Programm kraftvoll und klar, gleichsam als musikalisches Bekenntnis zu Struktur, Licht und Bewegung. Felix Mendelssohns „Thema und Variationen in D-Dur" folgten als feinsinniges Spiel zwischen Form und Gefühl, zwischen klassischer Disziplin und romantischer Empfindsamkeit. Mit Max Regers „Toccata in d-Moll" zeigte Stanek schließlich die ganze Macht und Tiefe des Instruments – die Orgel als atmendes Wesen, das vom leisesten Flüstern bis zum raumfüllenden Donner fähig ist. Den Abschluss bildeten die „Variationen über ein Thema von Edward Elgar" des zeitgenössischen Komponisten Christopher Tambling – Musik, die das Ohr öffnet für die Verbindung von Tradition und Gegenwart. Stanek verstand es meisterhaft, den Klangbogen so zu spannen, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer in der St. Michaeliskirche nicht nur Musik hörten, sondern ihr Innerstes mitschwingen spürten.
Ein zweiter Höhepunkt war das Konzert von Barbara Schrenk in der Kirche St. Lorenz. Sie stellte die traditionsreiche Walker-Orgel in einem kenntnisreichen Vortrag mit zahlreichen Informationen vor, die in ihrer warmen und farbigen Klanggestalt besonders für das romantische und moderne Repertoire geeignet ist. Schrenk eröffnete mit „Ich will wohnen in deiner Hütte“ von Carl Martin Reinthaler, einem Werk voll schlichter Andacht und melodischer Schönheit. Danach folgte die lyrische „Melodie“ des zeitgenössischen Komponisten Heiko Kremers, die wie ein leiser Atem durch den Raum zog. Mit „Toccata for Today“ von Matthias Nagel setzte sie einen schwungvollen Kontrapunkt – rhythmisch, modern, inspiriert vom Puls der Zeit. Zum Abschluss erklang eine Bearbeitung des Klassikers „Wonderful World“ von Richard Roblee, die mit jazzigem Schimmer und einem Hauch von Nostalgie das Publikum verzauberte. Schrenks Spiel war geprägt von feinem Gespür für Klangfarben und einer tiefen musikalischen Hingabe, die die Orgel in ihrer Vielseitigkeit glänzen ließ.
Den feierlichen Abschluss bildete das Konzert und die Buchvorstellung „Orgelspaziergänge im Hofer Land“ von Dr. Ludger Stühlmeyer in der Kirche St. Marien zu Hof. Dieses Buch, das die Geschichte, die Baukunst und den Klang der Orgeln der Region in Wort und Bild dokumentiert, ist ein Bekenntnis an die sakrale Musikkultur Oberfrankens. Im musikalischen Teil spannte Stühlmeyer den Bogen vom Barock bis zur Romantik. Mit Richard Wagners „Pilgerchor" aus Tannhäuser eröffnete er sein Programm in monumentaler Ruhe, bevor er mit dem Abendsegen aus Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel" eine zarte, innige Stimmung schuf. César Francks „Präludium in h-Moll" führte in die Tiefen des romantischen Ausdrucks, während Johann Sebastian Bachs Choralbearbeitung „O komm, der Heiden Heiland“ die Verbindung von Theologie und Tonkunst eindrucksvoll vor Augen führte. Mit einer faszinierenden, die ganze majestätische Bandbreite der historischen Steinmeyer-Orgel entfaltenden Improvisation über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ bewies Stühlmeyer seine Fähigkeit, aus bekannten Motiven neue, lebendige Klangwelten zu schaffen.
Ein besonderer Moment des Abends war die gemeinsam mit dem Publikum gesungene Hymne der Marienkirche „Sancta Maria in cura“, eine Komposition von Stühlmeyer selbst, die von Lea Stühlmeyer mit klarer, berührender Stimme vorgetragen wurde. Dr. Barbara Stühlmeyer führte als Moderatorin kenntnisreich und mit feinem Gespür für Zwischentöne durch den Abend, verband Musik, Geschichte und Theologie zu einem lebendigen Ganzen.
Die Festveranstaltung wurde bereichert durch Grußworte und Beiträge aus Politik und Kirche. Oberbürgermeisterin Eva Döhla trug ihren berührenden und poetisch schönen persönlichen Beitrag zum Buch vor, indem sie das Motiv der wie Engelsflügel bergenden Kraft der Orgel entfaltete. Landrat Dr. Oliver Bär, früher selbst in einem Posaunenchor aktiv, bezeichnete die Orgeln als klingende Denkmale der regionalen Kulturgeschichte und hob die Bedeutung der Kirchenmusik und insbesondere der Orgeln als kulturelle Identitätsträger hervor: Sie seien „Instrumente, die verbinden – Menschen, Generationen und Glaubensrichtungen“. Dekan Andreas Seliger dankte Stühlmeyer für seinen „wertvollen und prägenden Dienst an der Kirchenmusik im Hofer Land“ und spendete zum Abschluss den Segen. Auch Erzbischof em. Dr. Ludwig Schick, der eine Predigt zum Buch beigesteuert hatte, ließ einen Gruß und seinen apostolischen Segen übermitteln. Dekanatsreferentin Barbara Merkes sorgte mit einem Empfang am Schluss für das leibliche Wohl.
So schloss sich an diesem Abend der Kreis zwischen Klang und Wort, Geschichte und Gegenwart, Wissenschaft und Spiritualität. Die „Orgelspaziergänge im Hofer Land“ zeigten eindrucksvoll, dass die Orgel nicht nur Königin der Instrumente ist, sondern auch Königin der Herzen – ein Symbol für das, was Musik vermag: zu verbinden, zu heilen und zu erheben.
geschrieben von Bernhard Kuhn
Link zum Buch: https://www.vb-sabat.de/autoren-von-a-z/stühlmeyer-ludger/